Themenschwerpunkt Editorial | Süd-Süd-Migration
Migration wird häufig ausschließlich als Phänomen der Arbeitsmigration
aus dem Süden in den Norden wahrgenommen. Über die Bedeutung der Migration
von Süd nach Süd ist wenig bekannt. Dabei machen sich rund zwei Drittel
von den weltweit 191 Millionen MigrantInnen nicht auf den Weg in den Norden
oder Westen, sondern verlegen ihren Wohnsitz meist in ein benachbartes Land
im Süden. Die Anzahl der BinnenmigrantInnen ist noch größer:
Allein in China gab es letztes Jahr 120 Millionen WanderarbeiterInnen, die oft
Tausende von Kilometern zurücklegten. Die Regierung rechnet damit, dass
ihre Zahl in den nächsten zwanzig Jahren auf rund 300 Millionen ansteigen
wird.
Ebenso vernachlässigt wird in der europäischen Debatte die Frage nach
den MigrantInnen, die in ihr Herkunftsland zurückkehren. Im Falle der Niederlande
beispielsweise verließen während der vergangenen vierzig Jahre knapp
38 Prozent aller MigrantInnen das Land wieder. Diese Zahlen machen zwar zum
einen deutlich, dass europäische Staaten durch mehr (Abschiebung) oder
weniger (Ausreisebeihilfen) Zwang zur Rückkehr auffordern. Zum anderen
zeigen sie aber auch, dass viele MigrantInnen temporäre Aufenthalte in
den unterschiedlichen Ländern dieser Erde vorziehen. Viele pendeln regelmäßig
zwischen ihrer alten und ihrer neuen Heimat oder kehren wieder ganz in ihre
Ursprungsländer zurück.
Inzwischen hat sich auch in Europa herumgesprochen, dass Migration ein wesentlicher
internationaler Wirtschaftsfaktor ist. MigrantInnen werden nicht mehr nur als
"Ansturm der Armen" (SPIEGEL 26/2006) dämonisiert, sondern aus
ökonomischer Perspektive zunehmend zum "wertvollen Gut" erklärt.
Ihre Wirtschaftsleistung und ihr Beitrag zum Bevölkerungswachstum wird
- zumindest mit Blick auf die Hochqualifizierten - auch in europäischen
Ländern gelobt. Und die Geldtransfers vieler MigrantInnen in ihre Herkunftsländer
sind ein florierender Sektor der Weltwirtschaft; allein im Jahr 2004 flossen
rund 150 Milliarden Dollar über die internationalen Banken. Die Rücküberweisungen
machen das Dreifache der weltweit gezahlten Entwicklungshilfe aus und stellen
somit eine immense Geldspritze für die Herkunftsländer dar. Die Western
Union Bank hat die damit verbundenen Dienstleistungen als viel versprechendes
Marktsegment entdeckt und richtet ihre Werbung direkt an MigrantInnen.
Nicht zuletzt vor diesem wirtschaftlichen Hintergrund gehen immer mehr Migrationsdebatten
in eine neue Richtung: Menschen soll weltweit ermöglicht werden, auf Grund
freier persönlicher Entscheidungen auszuwandern - und nicht allein deshalb,
weil sie dazu gezwungen sind. So ist auf diplomatischer Ebene zunehmend von
der Legalisierung der Migration die Rede, in die sowohl ökonomisch als
auch politisch investiert werden soll.
Ist damit nun ein Schritt in Richtung "Autonomie der Migration" getan,
wie sie linke Aktionsgruppen, MigrantInnen und MigrationsexpertInnen seit einigen
Jahren fordern? Oder sind die Migrationsdebatten auf höchster Ebene als
Anpassung an die Anforderungen des globalen Arbeitsmarkts zu werten, der Migration
braucht, um zu funktionieren?
Ein Blick auf die Weltkommission für Internationale Migration (GCIM) zeigt,
dass eher letzteres zutrifft. Die Kommission will die effektive Steuerung der
Migration auf nationaler, regionaler und globaler Ebene fördern. Ihr aktueller
Bericht ist Grundlage für einen "High-Level-Dialogue on International
Migration and Development", der im September 2006 im Rahmen einer UN-Vollversammlung
geführt wird. Eine ständige globale Instanz soll zukünftig erzwungene
Migration weltweit verhindern und so Armut langfristig bekämpfen, so der
Plan der UN. Hier beißt sich die Katze wieder in den Schwanz. Entgegen
den positiv klingenden Aussagen wie "Migration ohne Zwang" und "auf
Grund freier Wahl" ist das Ziel der Vereinten Nationen die Armutsbekämpfung
mittels neoliberaler Konzepte und der langfristigen Rückkehr der MigrantInnen
in ihre Herkunftsländer. KritikerInnen werfen der GCIM zudem vor, dass
sie mehr an einem "globalen Bild" der Migration interessiert sei als
an den notwendigen Differenzierungen in unterschiedlichen Migrationskontexten.
Der Blick auf die Süd-Süd-Migration kann auch das in Europa verbreitete
Bild der Migration verändern: Zum einen können MigrantInnen als mehr
oder weniger autonome AkteurInnen verstanden werden, die ihre ökonomischen
und kulturellen Freiräume kreativ, wenngleich meist unter prekären
Bedingungen gestalten. Zum anderen darf diese Sichtweise aber nicht verdrängen,
dass MigrantInnen Leidtragende der repressiven Ausgrenzungspolitik in vielen
Ländern - auch im Süden - sind. Migration wird weiterhin ein Motor
der globalen neoliberalen Wirtschaft sein, indem sie einen Pool von entrechteten
Billigarbeitskräften schafft.
die redaktion