Editorial | Deutscher Sommer
Deutsche PolitikerInnen haben es echt schwer. Ständig müssen sie knifflige
Entscheidungen treffen und ihr Gewissen prüfen. Einer, der sich damit besonders
herumquält, ist der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily. Er klagte
unlängst im Deutschlandradio: "Wir sind in einer schwierigen Lage,
wissen Sie. Wir haben manchmal Situationen, da haben wir jemanden als gefährlich
erkannt und können ihn gleichwohl nicht ausweisen, außer Landes bringen
aufgrund humanitärer Erwägungen." Schlimm, dieses Asylrecht!
Steht es doch in einigen Fällen der Abschiebung von AusländerInnen
entgegen. Dabei hatte man sich 1994 so viel Mühe gegeben und es beinahe
ganz abgeschafft.
Doch Schily wusste einen Ausweg. Der niedersächsische Innenminister Uwe
Schünemann (CDU) hatte Anfang September in der Bild am Sonntag souffliert:
"Ich schlage elektronische Fußfesseln für gefährliche Ausländer
vor, die nicht abgeschoben werden können." Schily war begeistert:
"Völlig ausschließen würde ich eine solche Erwägung
nicht", brachte er seine unbedingte Zustimmung zum Ausdruck. Schünemanns
tolle Idee stieß allerdings nicht überall auf positive Resonanz.
Hamburgs parteiloser Innensenator Udo Nagel bekannte: "Mir ist es in solchen
Fällen lieber abzuschieben." Naja, dafür muss man Verständnis
haben, schließlich ist Nagel der ungekrönte Abschiebekönig unter
Deutschlands InnenpolitikerInnen, und den damit verbundenen beachtlichen Ruf
will er halt beibehalten.
Solch einen Ruf noch erwerben muss sich Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee
von der SPD. Tüchtig Mühe gibt er sich schon mal. Er schlug vor, Langzeitarbeitslose
in Zukunft als Anti-Terror-Patrouillen im öffentlichen Nahverkehr einzusetzen.
Hartz-IV-EmpfängerInnen könnten in Bussen und Straßenbahnen
nach dem Rechten sehen. Ein solcher Einsatz verursache kaum Kosten, erhöhe
aber die Sicherheit und den Service, warb Tiefensee für seinen Vorschlag.
Wahrhaftig ein genialer Coup: Mit einer einzigen Maßnahme AusländerInnen
und asoziale InländerInnen disziplinieren! Doch scheint Tiefensees Vorschlag
manche zu überfordern. Langzeitarbeitslose seien für eine solche Aufgabe
schlicht nicht ausgebildet und würden sich und andere dabei gefährden,
mäkelte etwa FDP-Generalsekretär Dirk Niebel. "Ich kann mir da
nur Ausnahmefälle vorstellen, wenn Hartz-IV-Empfänger eine Qualifikation
dazu aus ihrem Beruf schon mitbringen", gab Weichei Niebel seine Fantasielosigkeit
zu Protokoll.
Aus einem ganz anderen Schrot und Korn ist da Schilys Nachfolger Wolfgang Schäuble.
Der kann kaum noch Luft holen, wenn er richtig loslegt: "Spürhunde",
"Videoüberwachung", "Anti-Terrordatei", "Emails
überprüfen", "Rasterfahndung", "Bahnüberwachung
mit Hubschrauber", "Bundeswehr im Inneren" - der Mann hat Ideen!
Vor
allem vergisst er die zivilgesellschaftliche (früher hieß es volksgemeinschaftliche)
Komponente nicht: Die BürgerInnen selbst sollen wachsamer sein, um "Verdächtigen
frühzeitig auf die Schliche zu kommen". Also aufgepasst, was der dunkelhäutige
Nachbar so treibt, wenn er seinesgleichen zu Besuch hat oder - ebenso auffällig
- gar keinen kriegt! Aber bitte nicht übertreiben, gell, schließlich
findet Schäuble es nicht richtig, "alle Muslime unter Generalverdacht
zu stellen". Ein paar dürfen es freilich schon sein.
Das findet auch der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber. Die Distanzierung der muslimischen
Organisationen vom islamistischen Terror benotet er mit "nicht ausreichend".
Die Muslime in Deutschland müssten "aktiv gegen Terror Stellung beziehen
und nicht nur mit Worten", forderte Stoiber. Mit welchen Waffen sie dies
tun sollten, ließ Stoiber leider offen, ebenso die Frage, an welcher Front.
In Afghanistan? Im Libanon? In Deutschland? Innerhalb der Bundeswehr, der Polizei
oder in einem eigenen Kampfverband? Wir warten auf die Präzisierung dieses
bedenkenswerten Vorschlages, der doch schließlich ein hervorragendes Integrationsangebot
an unsere muslimischen MitbürgerInnen darstellt.
Eins ist jedenfalls klar: Im Kampf gegen den Terror müssen Opfer gebracht
werden. Auch wenn das nicht immer leicht fällt, wie im Falle der Frauenrechtlerin
Seyran Ates. Sie hat ihre Zulassung als Rechtsanwältin vorläufig zurückgegeben
und ihre Arbeit bei Terre des Femmes eingestellt, weil sie wiederholt von Ehemännern
ihrer migrantischen MandantInnen bedroht worden war. Nun gut, die aufwändigen
Überwachungsmaßnahmen bei der Suche nach den Kofferbombern machten
es der Polizei nicht gerade leicht, nebenbei auch noch AusländerInnen wie
Frau Ates Personenschutz zu gewähren, auch wenn sie noch so konkret gefährdet
war. Sie muss dafür schon Verständnis haben, dass der Rechtsstaat
kein Rundum-sorglos-Paket ist. Herr Schily hat es schließlich auch nicht
leicht.
Wie auch
die redaktion (die sich nicht entscheiden kann, worüber sie am meisten
entsetzt sein soll - über islamistischen Terror oder deutsche Staatsgewalt)