Weder Empörung noch Freude | Der Putsch in Thailand ist eine Verschlimmbesserung
von
Oliver Pye
Selten hat es so wenig internationales Aufsehen um einen Putsch gegeben,
wie beim Sturz des thailändischen Premiers Thaksin Shinawatra durch das
Militär. Dessen Absetzung hatte auch eine Protestbewegung angestrebt. Doch
um die von ihr damit einhergehend geforderte Demokratisierung steht es schlecht,
während das Klima für Konzerne und Investoren so gut wie bisher ist.
"Thaksin ok pai!" (Thaksin Raus!) - so lautete der Slogan der größten
politischen Protestbewegung Thailands seit der Demokratiebewegung 1992, die
im Februar und März 2006 Hunderttausende auf die Straße brachte.
Nun ist der thailändische Premierminister am 19. September vom Militär
durch einen Putsch gestürzt worden. Letzteres stellt die sozialen Bewegungen
vor ein großes Dilemma: Zunächst erfüllt der Putsch ihre Forderung,
doch mit dem Eingreifen des Militärs ist eigentlich niemand einverstanden.
Die Frage des weiteren Vorgehens wird einer der großen Diskussionspunkte
beim kommenden Thai Social Forum (TSF) sein.
Doch wie kam es eigentlich zu dem Putsch? Was sind die Hintergründe? Ist
er wirklich als positives Eingreifen zugunsten des "Volkes" zu werten,
wie die Putschisten im Council for Democratic Reform under Consitutional Monarchy
(CDRCM) behaupten? Welche Rolle spielt der König? Wie kam es dazu, dass
Thaksin nach anfänglich breiter Unterstützung in der Bevölkerung
nun so umstritten ist? Und was ist nun zu erwarten - sowohl von der neuen Interimsregierung
als auch von den AktivistInnen der sozialen Bewegungen?
Thaksins Projekt
Der Milliardär Thaksin Shinawatra ist mit seiner eigens kreierten Partei
Thai Rak Thai (Thais lieben Thais, TRT) 2001 mit großer Mehrheit zum Premierminister
gewählt worden. Hintergrund waren die verheerenden Auswirkungen der Asienkrise
und die Bestimmungen des Internationalen Währungsfonds (IWF). Thaksin versprach,
die thailändischen Firmen vor der Plünderung durch ausländisches
Finanzkapital zu schützen und den ärmeren Bevölkerungsschichten
mit Sozialprogrammen zu helfen. Im Gegensatz zu früheren Regierungen hielt
er seine Versprechen und baute seine Position mit einem öffentlich finanzierten
Gesundheitssystem aus (das 30-Baht-Programm, bei dem jede Behandlung umgerechnet
nur 70 Cent kostet). Auch die günstigen Kredite für die Landbevölkerung
waren Teil dieser Strategie.
Die nationalistische Ausrichtung seiner Politik und seine Sozialprogramme, für
die er von neoliberalen Ideologen als "populistisch" kritisiert wurde,
war indes so gestaltet, dass sie ganz im Sinne der neoliberalen Globalisierung
und im Interesse der Großkonzerne agierte. Neben der vom thailändischen
Agro-Multi Charoen Pokphand (CP) mitformulierten Exportausrichtung in der Landwirtschaft
trieb Thaksin die Privatisierung von Staatsbetrieben (z.B. der Wasser- und Energiefirma
EGAT), die Kommerzialisierung von Bildung und Gesundheit und eine extreme Freihandelspolitik
voran, beispielsweise durch Verhandlungen über ein bilaterales Handelsabkommen
mit den USA. Diese ökonomischen und sozialen Umstrukturierungen wurden
von (s)einem autoritären Regierungsstil begleitet und so die Aushöhlung
der Demokratie durch wirtschaftliche Macht mit klassischer Repression verbunden.
Die Hinrichtung von schätzungsweise 2.000 Menschen beim "War on Drugs"
und die Repression gegen die muslimische Bevölkerung im Süden des
Landes schufen ein Klima der Einschüchterung.
Thaksins Machtzuwachs brachte ihn schon bald in einen Konflikt mit Teilen der
"Alten Elite". Die Kombination aus wirtschaftlicher Dominanz (mit
seinem auf Telekommunikation basierten Imperium Shin Corporation), medialer
Macht und Zensur der Presse, Beherrschung des Parlaments und Senats durch die
TRT-Partei und seinen Führungsstil stellte Bürokraten, Politiker und
Unternehmer vor die Wahl, sich ihm zu fügen oder an Einfluss zu verlieren.
Dies gefiel vor allem dem königlichen Netzwerk nicht - also jenen Männern,
die im und um den Beraterkreis des Königs (Privy Council) jahrzehntelang
die Geschicke des Landes diskret bestimmt hatten.
So kam es, dass Thaksin mehr und mehr zur Angriffsscheibe des ehemaligen Premiers
und engsten Beraters des Königs, General Prem Tinsulanond, sowie des Königs
selbst wurde. Die erste größere Auseinandersetzung thematisierte
den Süden, in dem Thaksin die etablierte Befehlsstruktur des Militärs
zerschlug und seine Leute einsetzte. Der König und General Prem kritisierten
die repressive Vorgehensweise der Regierung öffentlich und riefen zu Mäßigung
und Verständigung auf.
Als Thaksin seine politische Macht für seine Firmeninteressen immer offensichtlicher
ausnutzte, spitzte sich die Lage zu. Der König bestellte Thaksin nach den
vorgezogenen Wahlen im April 2006 zu sich und drängte ihn erfolgreich dazu,
sich nicht als Premierminister wählen zu lassen. Thaksin hatte zuvor erklärt,
dass er zurücktreten würde, wenn der König es ihm zuflüstern
würde. Die Wahl selbst wurde nach einer entsprechenden Rede des Königs
vom Obersten Gericht wegen Nichtbeteiligung anderer Parteien annulliert.
Doch Thaksin gab sich nicht so leicht geschlagen. Er führte das Land als
"Hausmeisterpremier" weiter, gewann mit der TRT-Partei die Wahlen
zum Senat, und begann erneut, die Armee mit seinen Leuten zu besetzen - vorbei
an der militärischen Hierarchie. Von diesem Zeitpunkt an liefen die Vorbereitungen
für den Putsch. Prem hielt vor vielen Armeeeinheiten Reden, in dem er die
Loyalität zum König (und nicht zum Premier) betonte. Unmittelbar vor
dem Putsch trafen sich führende Putschisten mit Prem, unmittelbar danach
gewährte ihnen der König eine Audienz und autorisierte das CDRCM am
nächsten Tag. Der Putsch trägt also eindeutig die Handschrift des
Königs.
Vielschichtige Proteste
Neben dem Interessenkonflikt innerhalb der Elite ging es beim Putsch auch darum,
die Nicht-Regierbarkeit des Landes zu beheben, die durch die massiven Proteste
im Februar und März und die Unversöhnlichkeit der Pro- und Anti-Thaksin-Lager
entstanden war. Die Anti-Thaksin Bewegung, die von einem breiten Bündnis,
der People's Alliance for Democracy, angeführt wurde, thematisierte vordergründig
die unmoralische Politikführung Thaksins. Sie wird meistens als "Mittelschichtsbewegung"
charakterisiert, während Thaksin von der armen Landbevölkerung unterstützt
werde.
Eine solche Analyse verkennt aber die Vielfalt der beteiligten Gruppen und Kritikpunkte.
Durch die Zuspitzung auf die Person Thaksins vereinigten sich viele einzelne
Bewegungen, die als Reaktion auf Thaksins Politik entstanden waren. Gewerkschaftlich
organisierte ArbeiterInnen von EGAT, die zwei Jahre zuvor mit Streiks die Privatisierung
des Unternehmens verhindert hatten, waren zu Tausenden an den Anti-Thaksin-Demonstrationen
beteiligt. Ebenfalls ein wichtiger Akteur war das Netzwerk FTA Watch, das im
Januar mit einer militanten Demonstration in Chiang Mai die Verhandlungen um
das Freihandelsabkommen mit den USA zum Abbruch zwang. Hier waren neben HIV-Positiven-Gruppen,
die eine Gefährdung des Zugangs zu günstigen Generika befürchteten,
auch Bauern und Bäuerinnen beteiligt, die unter den Billigimporten aus
China (vor allem Knoblauch- und Zwiebelproduzenten) oder Australien (Milchprodukte)
zu leiden haben. Die LehrerInnengewerkschaft, die zuvor mit der Bildungsreform
und dem Verlust der Pensionsrechte zu kämpfen hatte, schloss sich den Protesten
an. Neben den sozialen Konflikten, die aus der Big-Business-Politik Thaksins
entstanden waren, spielten aber auch politische Fragen eine zentrale Rolle,
allen voran die Situation im Süden des Landes und die Forderung nach mehr
Demokratie.
Gegen die Bewegung
Es war daher kein Zufall, dass der Putsch am Vorabend einer erneuten Runde von
Demonstrationen und Protestaktionen seitens der People's Alliance for Democracy
stattfand. Die Aussicht auf eine Destabilisierung des Landes in Verbindung mit
einer Massenbewegung, die zum Teil antikapitalistische Kritik und radikalere
Forderungen zu entwickeln begann, bedrohte die Interessen des königlichen
Lagers.
Auf der einen Seite begann die CDRCM sofort nach dem Putsch damit, die Machtbasis
Thaksins systematisch zu demontieren. Die TRT-Partei darf nicht mehr agieren,
Thaksins Kapitalanlagen werden untersucht und womöglich beschlagnahmt.
Auf der anderen Seite schafften viele der ersten Verordnungen grundlegende demokratische
Rechte wie Versammlungs- und Pressefreiheit sowie die Verfassung ab. Eine der
ersten Verordnungen verbietet insbesondere Bauern und ArbeiterInnen, zu protestieren.
Inzwischen gibt es immer mehr Anzeichen dafür, dass die Putschisten die
neoliberale Politikausrichtung Thaksins fortführen, die "populistischen"
Elemente jedoch beenden wollen. So sollen die Verhandlungen mit den USA wieder
aufgenommen werden und das 30-Baht-Gesundheitsprogramm wird in Frage gestellt.
Diese Ausrichtung wird dadurch symbolisiert, dass der ehemalige WTO-Generalsekretär
Supachai Panitchpakdi als Interimspremier gehandelt wurde. Schließlich
fiel die Wahl auf Surayud Chulanont, einem dem König nahe stehenden General,
der an der Niederschlagung der Demokratiebewegung 1992 beteiligt war. Somit
ist der Putsch sowohl gegen die sozialen als auch gegen die demokratischen Anliegen
der Bewegung gerichtet.
Thaksins Ära ist beendet, er wird nicht wiederkommen. Die große Mehrheit
der Bevölkerung - und erstmal auch der AktivistInnen - wollen der Interimsregierung
aus diesem Grund erstmal eine Chance geben, im Machtapparat aufzuräumen,
den Konflikt im Süden zu befrieden und eine neue Verfassung zu verabschieden.
Doch die gesellschaftlichen Widersprüche, die zur Entstehung der Anti-Thaksin-Bewegung
führten, werden durch die Putschisten verstärkt. Eine "echte"
Demokratisierung der Gesellschaft, eine tatsächliche Umkehr der repressiven
Assimilierungspolitik im Süden oder eine Alternative zu der von Konzerninteressen
bestimmten neoliberalen Politik bieten sie nicht. Wann und wie eine neue Opposition
entsteht, ist noch unklar. Dass sie entstehen wird, ist sicher.
Oliver Pye ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung für
Südostasienwissenschaften der Universität Bonn. Er war während
der Anti-Thaksin Proteste und des Putsches in Bangkok.