Themenschwerpunkt Editorial | Planspiel Bevölkerungspolitik
Der deutsche Vorzeige-Denker Peter Sloterdijk macht gerne von sich reden. Unter
dem Titel "Die Bevölkerungswaffe der Islamisten" meldete er sich
jüngst als weltpolitischer Mahner im konservativen Magazin Cicero zu Wort
und referierte über die Gefahr einer "unaufhaltsam anschwellenden
Riesenwelle von Arbeitslosen und sozial Hoffnungslosen". Schon vor Jahren
hatte er die "pränatale Selektion" von Embryonen und eine "explizite
Merkmalsplanung" gefordert. Jetzt warnt er vor "genozidschwangeren"
Junge-Männer-Überschüssen in islamischen Ländern, die kein
anderes Ziel mehr hätten, als ihr Leben im Kampf als Märtyrer hinzugeben:
"In einer Welt, in der immer noch eine durchschnittliche Mutter vier, fünf,
sechs Kinder zur Welt bringt, ist es unvermeidlich, dass es einen ungeheuren
Überschuss an sozial nicht verwendbaren jungen Männern geben wird,
die ihren Zorn in politisch destruktive Aktivitäten ausleben werden."
Das hätte dann Konsequenzen für Israel: Erst wenn die demografische
Entwicklung seiner Nachbarstaaten sich "beruhige", dann könne
es Frieden im Nahen Osten geben.
Die Demografie also als Waffe der Islamisten? Al-Qaida und Hamas: keine politischen
Phänomene, sondern zwangsläufige Folge des Bevölkerungswachstums?
Schon früher wurde ein angebliches Zuviel an Menschen für gesellschaftliche
Krisen verantwortlich gemacht. Malthusianer und Neomalthusianer stellten einen
Zusammenhang zwischen raschem Bevölkerungswachstum und daraus resultierenden
katastrophalen Hungersnöten her (siehe den Beitrag von Bettina Rainer auf
S. 24 in diesem Heft). Und noch heute behauptet die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung
(DSW), es gebe einen Zusammenhang von Armut und vermeintlicher Überbevölkerung.
Die "Weltbevölkerungsuhr" jedenfalls tickt weiter auf der DSW-Homepage
und mahnt: Jedes Jahr kommen mehr als 80 Millionen Menschen zur Welt, die leben,
essen, arbeiten wollen und die wegen ihrer hohen Zahl potentiell Probleme haben,
dies zu tun. Diese Warnung lenkt jedoch von den gesellschaftlich verursachten
Problemen ab, die Hunger und soziale Ungleichheit erzeugen, wie Diana Hummel
und Cedric Janowicz an den Beispielen Ghana und Jordanbecken zeigen (siehe S.
34).
Demografie als Chiffre, mit der sich unterschiedliche Probleme erklären
lassen? Feministinnen haben schon früh auf die Instrumentalisierung des
bevölkerungspolitischen Diskurses aufmerksam gemacht. Sie haben vor allem
die "antinatalistischen" Programme (Pläne zur Reduzierung der
Geburtenrate) der internationalen Gesundheitspolitik ins Visier genommen. Doch
in den letzten Jahren macht sich Schweigen breit. Warum die Kritik nach der
wegweisenden UN-Weltbevölkerungskonferenz in Kairo 1994 verstummt ist und
welche Diskurse heute dominant sind, zeigt der Einleitungsartikel zu diesem
Themenschwerpunkt (siehe S. 20).
Doch sind auf dem Markt der Bevölkerungsdiskurse in den letzten Jahren
plötzlich auch ganz neue Töne zu vernehmen: "Die Deutschen sterben
aus!" (ein Kabarettist quittierte dies mit Bedauern: "Schade, dass
ich das nicht mehr erleben darf!"). Die sinkende Geburtenrate, vor allem
in besser gebildeten Kreisen, würde Probleme für die Renten verursachen
und den Lebensstandard bedrohen, heißt es. Wie nah dieser Diskurs an rassistischen
Denkweisen der Neofaschisten angelehnt ist, zeigt der Beitrag von Christoph
Butterwegge (siehe S. 30).
Dass auch in so genannten Armutsländern der Trend hin zur Kleinfamilie
geht, wurde bislang wenig beachtet. So hielt man lange Zeit China für das
Land der "Vielvermehrer" und befürchtete, dass ChinesInnen die
Welt mittels ihrer großen Zahl erobern. Heute schrumpft die Bevölkerung
in China schneller als in Europa. Das Schockierende daran ist, dass hier geschlechtsspezifisch
reduziert wird: es gibt in China immer weniger Frauen (siehe Isabelle Attané,
S. 27).
In Bangladesch ist die Geburtenrate inzwischen von sechs Kindern pro Frau in
den 1990er Jahren auf fast die Hälfte gesunken, in Vietnam sogar weit darunter.
Drohen am Ende - ganz gegen das lange Zeit kursierende Horrorszenario der Überbevölkerung
- schrumpfende Mega-Citys und verödete städtische Räume? Wohl
kaum, denn die USA scheint neuer Trendsetter in Sachen Bevölkerung zu sein:
Hier sorgen medizinische Anti-Aging-Programme in nächster Zukunft dafür,
dass die Menschen durchschnittlich zwanzig Jahre länger leben werden. Ein
Effekt, der Sloterdijk ins Grübeln bringen könnte: Wenn die US-amerikanische
Bevölkerung wie prognostiziert in den nächsten vierzig Jahren um 100
Millionen auf 400 Millionen Einwohner gestiegen sein wird, was passiert dann
mit dem dortigen "Männer-Überschuss"? Hoffen wir mit ihm,
dass sich dort nicht christlich-fundamentalistische Krieger aufmachen, um mangels
anderer Perspektiven den Glaubenskrieg in die Welt zu tragen.
die redaktion