Kampf um die Ordnung | Herrscht in Somalia ein Stellvertreterkrieg?
von Alex Veit
Vor dreißig Jahren standen sich am Horn von Afrika schon einmal unterschiedliche
Herrschaftsideologien feindlich gegenüber. Damals führten Äthiopien
und Somalia einen so genannten "Stellvertreterkrieg", sie fochten
darüber, ob Sozialismus oder westlicher Liberalismus zur dominanten Ordnungsform
der Region werden sollte. Der "Ogaden-Krieg" 1977-78 wurde vom damals
"sozialistischen" Äthiopien gewonnen und leitete das Ende der
"kapitalistischen" Diktatur Siad Barrés in Somalia ein.
Gegenwärtig konkurrieren innerhalb Somalias wiederum zwei Ordnungsideen
um die staatliche Herrschaft: Auf der einen Seite das liberale Modell, auf der
anderen der radikale politische Islam. Im Jahr 2006 konnte die "Union der
Islamischen Gerichte" (UIC) gegnerische bewaffnete Gruppen aus der Hauptstadt
und anderen Gebieten des Landes militärisch vertreiben. Daraufhin eroberten
äthiopische Truppen in einem rapiden Feldzug im Dezember 2006 das Land
und installierten die bislang ein Schattendasein führende, von westlichen
Staaten unterstützte "Föderale Übergangsregierung"
(TFG) in Mogadischu.
Daraufhin rief das ägyptische Führungsmitglied von Al-Quaida, Ayman
al-Zawahiri, zu einem islamischen Guerilla-Krieg in Somalia auf. Somalia sei
ein "Schlachtfeld der Kreuzfahrer, auf dem der Westen den Islam bekämpft".
Seither bombardierte die US-amerikanische Armee wiederholt Ziele in Somalia,
um Angehörige des internationalen Terrornetzwerks zu töten. Hat also
der Islamismus in Somalia den Sozialismus abgelöst, und wird in dem Land
ein neuer Stellvertreterkrieg in einer globalen Auseinandersetzung geführt?
Somalia sei ein neuer Frontstaat im "Krieg gegen den Terror", so beschreibt
es der äthiopische Präsident Meles Zenawi. Für ihn sind die angeblichen
Verbindungen der Islamischen Gerichte zu Al-Quaida eine "direkte Bedrohung
Somalias und der Somalier, zweitens der Region und Äthiopiens, und schließlich
der Internationalen Gemeinschaft." Die UIC, so die US-Regierung, beherberge
internationale Terroristen, die für Anschläge auf US-Botschaften in
Kenia und Tansania 1998 sowie auf israelische Touristen 2002 in Mombasa mitverantwortlich
seien. Zudem befanden sich einige vor allem junge Somali in den vergangenen
Jahren auf dem "Jihadi-Trail". Sie erhielten in Afghanistan und anderswo
eine ideologisch-militärische Ausbildung, bevor sie in ihr Land zurückkehrten.
Diese Kämpfer aus der "Hisb'ul Shabaab" stellen das islamistisch-internationalistische
Element im UIC-Bündnis dar, wie es auch aus dem Irak und anderen Kontexten
bekannt ist. Der UIC gelang es darüber hinaus, durch die Erfüllung
öffentlicher Aufgaben auch bei jenen Somalis Legitimität zu erreichen,
die einer islamischen politischen Ordnung eigentlich skeptisch gegenüber
standen. Dies betraf vor allem die Sicherheit für eine Bevölkerung,
die seit Jahren unter der Konkurrenz einer Vielzahl bewaffneter Gruppen gelitten
hatte.
Das "liberale" Lager, vertreten durch die amerikanisch-äthiopische
Allianz, reagierte auf diese Herausforderung wie gewohnt und unterstützte
mit Abdullahi Yusuf, dem Präsidenten der Übergangsregierung TFG, einen
Kriegsherrn, dessen demokratische Glaubwürdigkeit angezweifelt werden darf.
Er setzte denn auch als eine seiner ersten Amtshandlungen nach der Ankunft in
Mogadischu den Präsidenten des Übergangsparlaments ab, der gemeinhin
als ehrlicher Makler zwischen den verfeindeten Lagern galt. Von den USA wird
Yusuf nun nahe gelegt, sein Herrschaftsbündnis zu erweitern, um der neuen
Regierung einen Nimbus von Inklusivität zu geben und die Islamisten von
der restlichen Gesellschaft abzusondern.
Es spricht also einiges dafür, dass Somalia ein Schauplatz der globalen
Auseinandersetzung zwischen Islamisten und westlich orientierten Kräften
ist. Doch an den lokalen Gegebenheiten zeigt sich, dass die Metapher des "Stellvertreterkriegs"
mehr verdeckt als erklärt. Denn die "Stellvertreter" wissen die
globale Ausgangslage für ihre eigenen Machtwünsche zu nutzen, anstatt
nur die von außen herangetragenen ideologischen Anliegen zu vertreten.
Die "Union der Islamischen Gerichte" stützte ihren militärischen
Erfolg in erster Linie auf die Kämpfer des Hawiye-Clans, die seit Mitte
2006 rivalisierende Milizen aus Mogadischu und anderen Städten des Landes
vertreiben konnten. Dass die Hawiye-Anführer den Islamischen Gerichten
im Dezember ihre Kampfkraft entzogen, führte zum schnellen Zusammenbruch
letzterer. Abdullahi Yusuf, der Präsident der TFG, hingegen gehört
zum mit den Hawiye verfeindeten Darod-Clan. Dementsprechend wird die TFG als
ein gegen die Hawiye gerichtetes Clanbündnis wahrgenommen. Damit legt sich
die dominante gesellschaftliche Struktur Somalias - die großen Verwandtschaftsnetzwerke
der Clans, die seit dem Zusammenbruch der Zentralregierung 1991 zum wichtigsten
Ordnungsfaktor geworden waren - auch über den aktuellen Konflikt.
Zudem weisen beide Lager innere Spaltungen auf, die eine simple Einteilung in
Islamisten und westlich orientierte Kräfte unterlaufen. Die UIC war ursprünglich
ein Bündnis aus Klerikern und Geschäftsleuten mit einem gemeinsamen
Interesse an einem Mindestmaß von Ordnung. Erst nachdem der Hariywe-Clan
sich von international vermittelten Gesprächen zur Bildung der TFG ausgeschlossen
fühlte und sich stattdessen den islamischen Gerichten zuwandte, entwickelte
sich aus ihnen so etwas wie eine Regierung. Dazu stießen kleinere islamistische
Gruppen wie "al-Itihaad" und die "Hisb'ul Shabaab", die
allerdings vielen als extremistische Störfaktoren erschienen. Dementsprechend
schaffte es die UIC nie, gegenüber dem Westen mit einer Stimme zu sprechen.
Während die Mehrheit jegliche Terrorverbindungen zurückwies und eine
Zusammenarbeit anbot, machten andere durch anti-westliche Rhetorik auf sich
aufmerksam.
Als Siad Barré 1977 Äthiopien angriff, um die mehrheitlich von ethnischen
Somali bewohnte Ogaden-Region zu erobern, hoffte er dadurch das Nation Building
Somalias zu befördern und seine Herrschaft abzusichern. Das Gegenteil geschah,
die Niederlage gegen den äußeren Feind führte in den bis heute
andauernden Bürgerkrieg. Heute sind es vor allem die islamischen Kräfte,
die mit nationalistisch-religiösen Argumenten zum Kampf gegen die "christlichen"
Äthiopier aufrufen. Ob ihre Mobilisierungskraft stärker ist als die
des abgesetzten Diktators, ist bislang nicht abschätzbar. Doch auch die
erneute symbolische Aufladung des Konflikts, wie sie von der US-äthiopischen
Allianz wie auch Al-Quaida betrieben wird, hat sich bislang nicht gegenüber
der lokalen Clanstruktur durchsetzen können.
Alex Veit ist Afrikanist und freier Autor in Berlin.