Den Kapitalismus umstürzen ...
Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns, dass Sie heute mit dabei sind, und begrüßen Sie ganz
herzlich zu unserem Themenschwerpunkt Kunst, Politik und Subversion. Der spektakulären
Welt der Bilder und der perfekten Inszenierungen steht die reale Erfahrung von
Unterdrückung, Ausbeutung und Unfreiheit gegenüber, ein Ausweg scheint
kaum erkennbar. Regt sich Protest, wie beispielsweise gegen den G8-Gipfel, kommt
der "unmittelbare Zwang" der Staatsgewalt zum Einsatz, jenseits von
Protesten regieren Comedy und Langeweile. Grund genug für uns, einen Blick
auf alte und neue Formen subversiver Intervention und Kritik zu werfen.
Bei diesem Thema erschien es uns angebracht, auch unsere eigenen gewohnten Bahnen
zu verlassen. Der vorliegende Themenschwerpunkt ist eine Collage, die den Arbeitstitel
- daher auch die Begrüßung an dieser Stelle - "Radioshow"
trug. Unsere Sendung besteht aus zwei Elementen: Eine Moderation der Redaktion
und Beiträge unserer "Gäste". Gemeinsam mit den Studiogästen
haben wir uns, in Form von E-Mail-Interviews, mit der Frage beschäftigt,
wie gesellschaftsverändernde Theorie und Praxis im Zeitalter von Medienhype
und Postfordismus aussehen kann. Die Statements sind aus Antworten auf Interviewfragen
entstanden und wurden von uns neu zusammengesetzt.
Die folgenden Seiten sollen Anregungen für eine Auseinandersetzung mit
Kunst und Politik, Form und Inhalt, Vermittlung und Vereinnahmung geben. Diesmal
allerdings nicht - wie sonst in der iz3w üblich - in fertigen Texten und
Analysen, sondern als Gedankensplitter und Zeichenschnipsel.
Also: Do It Yourself!
"Wenn es etwas Lächerliches daran gibt, von der Revolution zu sprechen,
dann natürlich deshalb, weil die organisierte revolutionäre Bewegung
aus den modernen Ländern, in denen die Möglichkeiten zu einer entscheidenden
Gesellschaftsveränderung konzentriert sind, seit langem verschwunden sind.
Noch viel lächerlicher aber ist alles andere, denn es handelt sich um das
Bestehende und um die verschiedenen Formen seiner Duldung."
Situationistische Internationale: Anleitung für den Kampf
Wir haben nie eine Straßentheateraktion angemeldet oder Verantwortliche
genannt. Wir sind immer davon ausgegangen, dass die Straße ein öffentlicher
Ort ist, den wir uns nicht nehmen oder genehmigen lassen. Wir haben bewusst
mit dem bürgerlichen Freiheitsbegriff gepokert, indem wir uns als Kunst
definiert haben. Das ist in meinen Augen ein subversiver Ansatz: Die VertreterInnen
der Macht mit ihren eigenen Mitteln lahm zu legen. Gerade in Situationen, in
denen eine hohes Maß an staatlicher Repression zu befürchten ist,
wie zum Beispiel in den letzten Jahren bei den G8-Treffen, bietet Straßentheater
eine Chance, sich Verhaftungen und Platzverweisen zu entziehen, indem man auf
das Terrain der Kunst ausweicht, um trotzdem vor Ort eine Auseinandersetzung
mit brisanten Themen möglich zu machen.
Isabella Bischoff
Die SituationistInnen wollten nicht das bürgerliche Bildungserbe bereichern
und den ungelesenen Klassikern weitere hinzufügen. Sie wollten die Ideologie
der versachlichten Herrschaft durchbrechen, mit ihren Schriften, wie es hieß,
Öl dorthin gießen, wo Feuer ist. Man könnte frohen Herzens auf
die Texte der SituationistInnen verzichten, wenn man auch die Probleme los wäre,
mit denen diese sich herumschlugen - die Tatsache etwa, dass der Kapitalismus
die Menschen als bloße Anhängsel der Produktion um der Produktion
willen mitschleift. Und selbst das nur, wenn sie Glück haben.
Lars Quadfasel
Ergänzend zur Moderation wollen wir auch gelegentliche Einblicke in den
Diskussions- und Gestaltungsprozess gewähren, dem sich diese Ausgabe verdankt.
Ungefähr so:
Wolfgang: In der FH für Grafik-Design & Bildende Kunst habe ich gesehen,
dass die Adbusters, welche Werbung verfremden, Studierende unglaublich ansprechen.
Die Ver-bindung von Spaß und Subversion ist attraktiv. Und die Studis
werden kritischer, erstellen an der FH das Grafikmagazin "Zwiebelfisch*"
und drücken sich dort abseits der oder gegen die Verwertungslogik aus.
Kalle Lasn, Gründer der Adbuster-Bewegung, benutzt die Mechanismen, die
er in der Werbung gelernt hat, gegen die Werbung. Jetzt ist er hip.
Tine: Für mich ist der Spaß-Faktor, den Wolfgang erwähnt hat,
auch wichtig. Subversion richtet sich gegen das Biedere und Ernste, auch innerhalb
der Linken. Trotzdem gehört für mich die inhaltliche Ebene unbedingt
mit dazu, nicht jeder Angriff auf die bestehende Ordnung ist gleich subversiv.
Winni: Es gehört zum klassischen linken Selbstverständnis, dass Weltverbesserung
mit Verzicht und Leid verbunden ist. Das ist oft ausgrenzend, bierernst und
moralgetränkt. Aber: Ist Vegetarismus subversiv?