Editorial | The other real story
Zu den schönen Seiten redaktioneller Arbeit gehört es, den bunten Blätterwald
der internationalen Medien zu durchforsten. Neulich blieben wir am New African
hängen. Auf der Titelseite prangte Simbabwes Präsident Robert Mugabe.
Beim Umblättern stutzten wir. Als "Cover Story" präsentierte
das renommierte panafrikanische Magazin eine Rede von Mugabe, in der dieser gegen
Intimfeind Tony Blair und andere KritikerInnen vom Leder zieht. Wo bleibt da die
gebotene journalistische Distanz? Auch im darauf folgenden Interview mit Simbabwes
Zentralbankchef Gideon Gono fanden wir sie nicht. Der New African-Chefredakteur
lieferte lediglich die Stichworte, mit denen Gono die simbabwesche Wirtschaftspolitik
loben und den westlichen Einfluss geißeln konnte.
Irritiert blätterten
wir zum umfangreichen Themenschwerpunkt weiter. Die Überschrift versprach
uns "The real story" über Simbabwes Wirtschaft. Die liegt derzeit
am Boden, massive Preissteigerungen sorgten für große Unruhe in der
Bevölkerung. Mugabe steht unter Druck. Und da hatte er oder einer seiner
Untergebenen eine brillante Idee: Zwei vom Informationsministerium bezahlte Supplements
im New African mit Dutzenden Beiträgen, in denen das Bild Simbabwes zurechtgerückt
wird. Einzelne KritikerInnen kommen darin zwar zu Wort, aber nur, um anschließend
widerlegt zu werden.
Ein interessantes Modell, um den ramponierten Ruf
aufzupolieren. Unsere Fantasie schoss ins Kraut: Könnte nicht auch der nordkoreanische
Staatschef Kim Jong II in der Far Eastern Economic Review 75 Seiten mieten, um
der Weltöffentlichkeit zu zeigen, dass die Regale in Nordkoreas Läden
entgegen westlicher Propaganda sehr wohl mit Waren gefüllt sind? Oder wie
wäre es, wenn Innenminister Schäuble den halben SPIEGEL füllt,
um seine umstrittenen Pläne zur Terrorbekämpfung zu rechtfertigen?
Kaum
vorstellbar, es gäbe einen Aufschrei der Entrüstung. Im Falle von Mugabe
blieb dieser Aufschrei allerdings aus. Ihm gelang es, einen nicht unerheblichen
Teil der LeserInnen des New African hinter sich zu scharen, wie die Leserbriefe
zum "Supplement" bezeugen. Mugabe versteht es, panafrikanische, antikoloniale
und antiimperialistische Diskurse zu verschmelzen. Das arme Simbabwe, das um seine
Unabhängigkeit ringt, wird von finsteren Mächten des Westens drangsaliert,
allen voran Blair, Bush und IWF. An Simbabwe solle das gleiche Exempel statuiert
werden wie seinerzeit am sozialistischen Chile unter Allende. Die simbabweschen
Oppositionellen sind für Mugabe bloße "Agenten des Imperialismus".
In Afrika ist man über Mugabe sehr geteilter Meinung (siehe S. 4).
Zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen ihn können sich die afrikanischen Staatschefs
nicht durchringen. Im Gegenteil, Mugabe hat Fürsprecher wie Südafrikas
Präsident Thabo Mbeki: "Der Kampf gegen Simbabwe ist ein Kampf gegen
uns alle", verkündet der und fügt an: "Jede Regierung, die
als stark wahrgenommen wird und den Imperialisten Widerstand leistet, wird zur
Zielscheibe."
Aus Europa bekommt Mugabe derzeit auch noch Rückenwind,
nicht zuletzt aus Deutschland. Auslöser ist der im Dezember in Lissabon stattfindende
EU-Afrika-Gipfel. Der Streit über die Teilnahme Mugabes stärkt dessen
Position. Der britische Premierminister Gordon Brown kündigte eine "Politik
des leeren Stuhls" an. Soll heißen, er will Lissabon boykottieren,
sollte Mugabe kommen. Mit dem Führer eines Gangsterregimes", der für
Folter und Einschüchterung politischer Gegner verantwortlich ist, will sich
Brown nicht an einen Tisch setzen. Für Mugabe ein Beweis für die Fortdauer
kolonialer Arroganz.Prompt haben einige afrikanische Minister ihrerseits angekündigt,
das Treffen zu boykottieren, wenn Mugabe ausgeladen wird. Darunter auch Thabo
Mbeki. Auf Südafrika will die EU aber nicht verzichten. Südafrika ist
Ausrichter der kommenden Fußballweltmeisterschaft, an der auch westliche
Tourismusunternehmen verdienen. Und das Land ist Meisterschüler europäischer
Entwicklungsvorstellungen, sei es in punkto guter Regierungsführung oder
als Wirtschaftspartner.
Also redete die deutsche Bundeskanzlerin auf ihrer
jüngsten Afrikareise Mbeki gut zu. Eigentlich wollte sie ihn zu strengerem
Vorgehen gegen Mugabe anhalten. Konkrete Forderungen richtete sie aber nicht an
ihn. Stattdessen versicherte Merkel, dass sie mit der Anwesenheit Mugabes in Lissabon
kein Problem habe. Es könne zwar nicht angehen, dass Mugabe über das
Verhältnis zwischen Europa und Afrika bestimme, so die Kanzlerin. Genau das
sei aber der Fall, wenn Mugabe ausgeladen werde.
Ob Mugabe nun nach Lissabon
kommen darf oder nicht - einen ideologischen Sieg erringt er in beiden Fällen.
Käme er, müsste die EU ihre eigenen politischen Sanktionen gegen Simbabwe,
die Mugabe seit sieben Jahren die Einreise in die EU verbieten, selber aufweichen.
Käme er nicht, kommt es zu einer Solidarisierung der afrikanischen Staatschefs.
Und wenn Frau Merkel sagt, dass "Afrika seine Zukunft selber in die Hand"
nehmen soll, spielt sie Mugabe ungewollt einen Ball zu. Schließlich baut
sein populistischer Stimmenfang darauf, dass sich Afrika von niemandem etwas vorschreiben
lassen müsse.
die redaktion