Kitsch und Tuch | Der Widerschein des Islamismus in den Gender Studies
Der Islam' und der Orient' üben eine große Faszination
auf westliche' KulturwissenschaftlerInnen aus. Damit einher gehen oft kulturrelativistische
Deutungen, etwa des Schleiers. Die AutorInnen der viel rezipierten Gender-Studie
"Verschleierte Wirklichkeit" gehen sogar noch weiter: unter vermeintlich
feministischen Vorzeichen verharmlosen sie islamisch begründete Frauenunterdrückung
und dämonisieren den Westen
von Andreas Benl
Ein "unverzichtbares
Standardwerk" zu den Debatten über Kopftuch und Islam haben die Autorinnen
Christina von Braun und Bettina Mathes mit ihrem Buch "Verschleierte Wirklichkeit.
Die Frau, der Islam und der Westen" laut Klappentext abgeliefert. Sie wollen
zeigen, "daß sich in der Sichtweise auf die andere' Welt mehr,
als wir zugeben wollen, das Selbstverständnis des Westens offenbart."
Ein
Blick auf Islam und Islamismus via einer Analyse vor allem deutscher und europäischer
Reden über den Orient' also? Dagegen wäre nichts zu sagen. Wäre
es doch interessant zu erfahren, wo jenseits von Begriffen wie Appeasement'
die Faszination des Islam als Gemeinschaftsideologie in metropolitanen nichtislamischen
Gesellschaften liegt. Braun und Mathes' Werk offenbart jedoch unfreiwillig in
erster Linie etwas über das Selbstverständnis der westlichen Gender
Studies.
Konsequent dichotom
Zunächst geht es den Autorinnen
scheinbar nur um die Rückkopplungen zwischen islamischen und westlichen Gesellschaften,
was die Geschlechterordnung betrifft. Zwangsheirat, Ehrenmorde und Genitalverstümmelung
hätten einerseits wenig mit dem Islam zu tun. Andererseits sage ihre Thematisierung
in Europa und den USA mehr über die westlichen Gesellschaften aus, als über
den Islam selbst. Braun und Mathes wollen nur' darauf verweisen, "daß
die Probleme, die wir an der Muslimin zu erkennen glauben, nicht nur mit dem Islam,
sondern auch mit der westlichen, christlich geprägten Kultur zu tun haben."
Doch in dem Moment, wo sich die Frage stellt, was eigentlich mit der Aufrechnung
"der Gewalt des westlichen voyeuristischen Blicks" gegen die Gewaltpraktiken
islamischen Ursprungs für die Thematisierung von Frauenunterdrückung
gewonnen sein soll, gehen Braun und Mathes einen Schritt weiter.
Den postmodernen
linguistic turn' konsequent zu Ende führend, setzen sie mit ihrer Kulturgeschichte
bei der Entstehung des griechischen Alphabets als entsinnlichender "Kastrationsmaschine"
an. Dieses habe im Gegensatz zu den hebräischen und arabischen Konsonantenalphabeten
die Sprache völlig erfasst und damit die Grundlage für abstraktes und
logisches Denken einerseits, für die Zerstörung oraler Überlieferung
andererseits gelegt. "Dieses Konzept besagte Entkörperung: Nicht durch
Zufall werden es später die toten Sprachen' - Altgriechisch und Latein
- sein, aus denen sich die meisten wissenschaftlichen Begriffe ableiteten. Nur
über tote Sprachen lassen sich konsensfähige - neutrale' - Begriffe
bilden, die dem Zugriff des einzelnen und seiner Körperlichkeit / Subjektivität
/ Geschlechtlichkeit entzogen sind." Daraus leiten die Autorinnen eine Dichotomie
von westlichem' und orientalischem' Denken und in der Folge sogar
von westlicher' und orientalischer' Ökonomie und Politik ab.
Der
Westen' ist in Brauns und Mathes' Augen das zur wissenschaftlich-technischen Rationalität
säkularisierte Christentum. Ein feministischer Terminus wie Männerherrschaft'
kommt in den Assoziationsketten der beiden Kulturwissenschaftlerinnen hingegen
nicht vor, da er für ihre Zwecke viel zu einseitig' wäre - würde
er doch eine differenzierte' Gegenüberstellung von Orient und Okzident
mit dem Ziel der Apologie des Islam in Geschichte und Gegenwart unmöglich
machen. So wird die Geschichte der Aufklärung in "Verschleierte Wirklichkeit"
auf eine entsinnlichende und technische Rationalität reduziert; die aus dieser
Entsinnlichung resultierenden Kastrationsängste müsse die männlich
dominierte Wissenschaft mit der sukzessiven Entblößung des Frauenkörpers
als Symbol einer "Unterwerfung der weiblichen' Natur unter männliche'
Vernunft" kompensieren.
Pornographisierung der Welt
Den
Zusammenhang von Pornokratie und Massenvernichtung im Westen stellen Braun und
Mathes in aller Drastik folgendermaßen dar: "Am 6. Juli 1946, nur fünf
Tage nachdem die US-amerikanische Armee die erste einer Reihe von Atombomben zu
Testzwecken auf dem Bikini-Atoll gezündet hatte, stellte der französische
Modemacher (und Autokonstrukteur) Louis Réard [...] den kleinsten,
zweiteiligen Badeanzug der Welt' vor, den er ganz bewußt nach dem Atombombentestgebiet
Bikini benannt hatte. [...] Der mit dem Bikini mehr enthüllte als verhüllte
Frauenkörper diente als verführerische Inkarnation einer Massenvernichtungswaffe
von bis dahin ungekannter Zerstörungskraft. Die Sexbombe' im Bikini
verkörperte die technologische Beherrschung der Naturkräfte sowie den
Anspruch der USA und ihrer Verbündeten auf die Weltherrschaft."
Die
Pornographisierung der Welt wurde aber laut Braun und Mathes nicht in einem Tag
erreicht. Es sei "kein Zufall, daß die zweite Geburt' des Bikinis
Ende der 60er Jahre mit dem Siegeszug der Barbie-Puppe, der Erfindung der Anti-Baby-Pille
(1961), der sogenannten sexuellen Revolution' und der Frauenbewegung mit
ihrer zentralen Forderung nach Legalisierung der Abtreibung zusammenfällt."
Wollen die Autorinnen mit den Werken von Eva Herman in Konkurrenz treten? Wehmut
schwingt in den Rückblicken von Braun und Mathes auf gute alte Zeiten mit,
in denen "die CDU-Fraktion im Stadtrat der westfälischen Gemeinde Mettingen
ein Bikini-Verbot für das städtische Schwimmbad" verhängte
(1962).
Nicht die Reflexion auf das "rückläufige Moment"
der Aufklärung (Horkheimer /Adorno), sondern ihre Überwindung aus dem
Geiste islamisch inspirierter Kulturkritik ist das Anliegen von Braun und Mathes.
Und so sind auch ihre Ausführungen über die Geschichte des Schleiers
in Christentum und Islam keinesfalls relativierend gemeint. Die Autorinnen sind
sich der Bedeutung des Kopftuchs für den orthodoxen wie den militanten Islam
durchaus bewusst - schließlich symbolisiert es für sie selbst die islamische
Differenz, die der westlichen "Blickmacht" entgegengesetzt wird.
Auch
wenn diese Gegenüberstellung mit allen möglichen politisch korrekten
Einschränkungen versehen wird, kehrt doch dasselbe Muster wieder: Der Westen
steht für die Entschleierung und Entblößung und damit für
die Pornographisierung des weiblichen Körpers, der Islam für den Schutz
vor der kapitalistischen Verwertung der Frau. "Schon die ägyptische
Moslembruderschaft etablierte einen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Entkleidung
des westlichen Frauenkörpers [...] Der Westen mißbrauche Frauen und
weibliche Sexualität, um den Profit zu maximieren; die Werbung beute die
Frau im Dienste des Kapitalismus aus."
Die - freundlich formuliert
- problematische islamische Haltung gegenüber weiblicher Sexualität
wird von Braun und Mathes systematisch umgedeutet zum Schutzbedürfnis der
Frauen vor animalischen männlichen Trieben: "Der Schleier der Frau hilft
somit dem Mann, sich blind zu machen für die Reize, die vom weiblichen Körper
- insbesondere vom Haar - ausgehen." Bei soviel Fürsorge kann vom Schleier
nichts Schlechtes ausgehen. Im Iran haben die Autorinnen sogar eine Zwangsverschleierung
entdeckt, die mit dem Schleier nichts zu tun hat: "Selbst da, wo der Schleier
erzwungen wird, wie im Iran, hindert er Frauen nicht, Bildung zu erwerben und
ihren Weg in akademische Berufe zu machen. Wir bestreiten nicht, daß unter
islamischem Recht, der Scharia, Frauen Gewalt und Entrechtung erfahren. Aber mit
dem Kopftuch, das als Symbol für diese Entrechtung herangezogen wird, hat
das wenig zu tun."
Überhaupt beruhe das westliche Unbehagen gegenüber
der Absonderung der Frau in islamischen Gesellschaften auf einem Missverständnis
gegenüber dem dort herrschenden ganz originären Verhältnis von
öffentlich und privat, Bourgeois und Citoyen. So verabredeten sich etwa Frauen
in Damaskus zu Treffen in privaten Räumen, die zwar "aus westlicher
Perspektive als Kaffeekränzchen' erscheinen", jedoch "in
einer nach Geschlechtern segregierten Gesellschaft öffentliche Funktionen
erfüllen." Bei solchen Treffen entstehe "für einige Stunden
ein Handlungsraum, in welchem freie und gleiche Menschen ihre Angelegenheiten
verbal regeln - also das, was nach Hannah Arendt das Öffentliche ausmacht".
Nachholender
Antikolonialismus
Brauns und Mathes' Begehren ist kein nostalgisches.
Der Islam soll seine Mission im Hier und Jetzt erfüllen. Historische Bezüge
dienen in erster Linie dazu, ihren Phantasien wissenschaftliche oder politische
Autorität zu verleihen. So wird etwa begeistert Frantz Fanons Verteidigung
des Schleiers in Algerien gegen den französischen Kolonialismus in den 1950er
Jahren zitiert, ohne auf die tragischen Folgen zu verweisen, die sich die Algerische
Nationale Befreiungsfront mit der Idee einhandelte, mit islamischer Folklore ihre
staatskapitalistische Einparteienherrschaft ideologisch abzusichern - bis in den
1990er Jahren Kräfte, die einen authentischeren' Bezug auf den Islam
nachweisen konnten, die algerische Gesellschaft und vor allem die algerischen
Frauen mit ihrem Terror überzogen.
Eine aktuelle Erklärung von
203 Abgeordneten des iranischen Parlaments, beim Nichttragen des Schleiers handele
es sich um ein "koloniales Phänomen", stimmt mit dem Weltbild von
Braun und Mathes vollständig überein. Und sie zitieren zustimmend Elizabeth
Fox-Genovese, die sich die Frage gestellt habe, "ob ein Feminismus, der [...]
unhinterfragt die Ideale des Individualismus übernimmt, nicht eines Tages
damit rechnen muß, als die Bewegung betrachtet zu werden, die die
Drecksarbeit für den Kapitalismus getan hat, indem sie zur Erosion älterer
Gemeinschaften und bürgerlicher Einrichtungen beitrug'". Aus der Logik
des Kapitalismus werden bei Braun und Mathes unterschiedliche "ökonomische
Logiken" von Orient und Okzident. Die Weltmarktintegration des ersteren erscheint
als subjektive Machenschaft, Warenfetischismus als Kulturimperialismus, dem der
traditionelle westliche Feminismus zuarbeite.
Dass islamische Länder
zu den Spitzenkonsumenten von Pornographie im Internet zählen, ist kein empirischer
Einspruch, den Braun und Mathes gelten lassen würden. Der westliche Dealer
versorgt eben den abhängig gemachten orientalischen Junkie mit seinem Stoff:
"Die Pornos werden in der Regel von den ehemaligen Kolonialmächten geliefert,
so daß man die Verbreitung der Pornographie durchaus als zeitgemäße
Form kolonialer Entschleierungspolitik bezeichnen könnte."
Die
Trumpfkarte ihrer kulturwissenschaftlichen Islam(ismus)-Apologie stellt in den
Augen der Autorinnen die Anklage gegen Frauenhandel und globalen Sextourismus
dar; dringt diese doch vermeintlich zum gewalttätigen Kern des westlichen
Sexismus vor, der "den Okzident zu ebenjenem Frauenverächter macht,
als den er den Islam denunziert", und von dem sich islamische Gesellschaften
wohltuend abhöben. Man werde sich nämlich schwer tun, "in den Reiseangeboten
des Prostitutionstourismus Reiseziele im Iran, in Algerien, Syrien, Libyen, den
Staaten des arabischen Golfes zu finden." Dass der Orient "für
den Prostitutionstourismus heute ein schwarzer Fleck" sei, ist zwar Unsinn.
In der Formulierung drückt sich aber bereits die Logik eines Kulturrelativismus
aus, die kurz darauf mit brutaler Offenheit ausgesprochen wird. Denn auch im Orient
gebe es natürlich Prostitution. "Aber sie ist entweder illegal und wird
mit der Todesstrafe geahndet [...]. Oder sie unterliegt dem Gesetz der Kurz- oder
Genußehe' (Mut'a-Ehe), die eine innermuslimische Angelegenheit ist.
Das heißt, der sexuelle Kommerz zwischen Orient und Okzident, die Einbeziehung
der islamischen Länder in den westlichen Sextourismus funktionieren nicht.
Ex oriente nix." [Hervorhebungen im Original]
Für Braun und Mathes
ist es vollkommen irrelevant, ob weibliche asiatische Hausangestellte in Saudi-Arabien
ein sklavenähnliches Dasein fristen, ob im Iran die Todesstrafe an sexuell
abweichenden Volksfeinden' vollstreckt wird oder dass es im Orient'
Handel mit Frauen aus osteuropäischen Ländern gibt. Solange die Kulturgrenze
nicht von West nach Ost überschritten wird, bleibt all dies eine "innermuslimische
Angelegenheit".
Jede Grenzverwischung muß deshalb bekämpft
werden. Dies drückt sich in der Aversion der Autorinnen gegen säkulare
Bewegungen und staatliche Maßnahmen zur Zurückdrängung des religiösen
Einflusses auf die Gesellschaft aus, wie sie in Ländern mit muslimischer
Mehrheitsbevölkerung wie Ägypten, der Türkei oder dem früheren
Iran existieren. Vor allem aber diffamieren Braun und Mathes jene orientalische
Frauen, "die das westliche Frauenbild angenommen haben" und im Bund
mit traditionellen westlichen Feministinnen "mit ihrer Ablehnung des Kopftuchs
gegen die patriarchalen Strukturen des Islam und für die Durchsetzung allgemeiner
Frauenrechte kämpfen". Dadurch agierten sie "als Komplizinnen eines
männlich geprägten Entschleierungsdiskurses". Solche säkularen
Frauen stören in der kulturalistischen Kulisse und drohen allein mit ihrer
Existenz, die Phantasmen von Braun und Mathes zum Platzen zu bringen.
Vorläufer
Foucault
Die größtenteils begeisterten Rezensionen von "Verschleierte
Wirklichkeit" verweisen darauf, dass dieses Skandalwerk nicht nur den persönlichen
Spleen der Autorinnen repräsentiert. Es ist auch keineswegs die erste Rechtfertigung
des Islamismus oder anderer reaktionärer Gemeinschaftsideologien unter feministischen'
Vorzeichen. Braun und Mathes können lediglich für sich beanspruchen,
die wohl ausführlichste Islam-Apologie im Bereich der deutschen Kulturwissenschaften/
Gender Studies verfasst zu haben.
Dass der Jargon und die Thesen von Brauns
und Mathes so attraktiv sind, beruht nicht zuletzt auf der Vorarbeit eines wichtigen
Vordenkers für die Cultural und Gender Studies. Michel Foucault hatte ab
1978 euphorisch über die islamische Inspiration des sich anbahnenden Umsturzes
im Iran berichtet. Bereits bei ihm stellte sich die Frage, wie jemand, der die
Bekämpfung des "Faschismus in uns allen" zu seinem Leitmotiv erkoren
hatte, im selben Zeitraum bezugnehmend auf Khomeini von der "Kraft des mythischen
Stroms [...], der zwischen einem alten, seit 15 Jahren im Exil lebenden Mann und
seinem Volk fließt, das nach ihm ruft" schwadronieren konnte. Foucault
stand Ende der 1970er Jahre mit seiner Sympathie für Khomeini indes keineswegs
allein, sondern in einer Reihe mit westeuropäischer Alternativbewegung, deutschen
Spontis1 und italienischen Stadtindianern'.
Während man Foucault
noch zugute halten kann, dass er die wichtigsten Texte über den Iran vor
der Machtübernahme Khomeinis verfasste, schreiben Braun und Mathes im Wissen
um die Folgen der Iranischen Revolution und um die seither verübten Massenverbrechen
des Islamismus - auch und gerade gegen Frauen. Brauns und Mathes' Methode ist
darüber hinaus ungleich gröber als die Foucaults. Mit Versatzstücken
einer dekonstruktiven Kritik an den großen Erzählungen' der westlichen
Philosophie hantierend, entwerfen sie selbst eine große Erzählung:
die von zwei Kulturen, zwei Ökonomien und zwei Geschlechterordnungen - Orient
und Okzident. Über die Assoziationskette Orient - Kolonie - Frau als Kolonie
gegen westlicher Rationalismus - Entleiblichung - pornographische Kompensation
läßt sich dann eine Dichotomie aufbauen, in der sich ein männlicher
Okzident' und ein weiblicher Orient' gegenüberstehen.
Dabei
werden sogar Selbstmordattentäter - im Umweg über die vermeintlichen
Projektionen des Westens - als "weiblich" dargestellt. Braun und Mathes
zitieren ihre Kollegin Claudia Brunner, die nicht nur das Familiengedenken an
ihren Großonkel Alois Brunner - der rechten Hand von Adolf Eichmann - publizistisch
verwaltet, sondern auch Spezialistin für Selbstmordattentate ist: "Das
Selbstmordattentat als etwas angeblich Irrationales, Chaotisches, Emotionales,
Anarchisches verleitet zu Assoziationen, die sich in der kulturell konstruierten
Dichotomie von männlich/ weiblich auf der sogenannten weiblichen Seite verorten
lassen." So schafft frau sich selbst den Popanz, der dann wieder dekonstruiert'
werden kann.
Delegierte Regression
Am Ende sind sich Braun
und Mathes nicht zu schade, Ernst Jüngers kulturkritischen Kitsch einer Verzifferung
der Gesellschaft' als "Mathematisierbarkeit der Welt" zu paraphrasieren,
der sich der Orient verweigere und der dadurch "Sozialstrukturen oraler Kultur"
erhalten habe. Als sei der klägliche Stand der Entwicklung der Produktivkräfte
in vielen arabischen und muslimischen Ländern ein Ausfluss von Skrupeln gegenüber
den Verwerfungen westlicher Naturbeherrschung und der Grad des Analphabetismus
der Liebe zur oralen Überlieferung und nicht despotischer Unterdrückung
geschuldet.
Über 400 Seiten orientalistischer Verschleierung der
Wirklichkeit dienen zu nichts anderem, als Islamkritikerinnen wie Necla Kelek,
Ayan Hirsi Ali oder Seyran Ates "Unwissenschaftlichkeit" vorzuwerfen
und sich in die Querfront jener einzureihen, die gewalttätige Reaktionen
auf islamkritische Zumutungen ganz gut verstehen können. (Wie wissenschaftlich
Braun und Mathes arbeiten, lässt sich an der Tatsache ersehen, daß
sie ihr Verständnis für die Islamistenproteste gegen die so genannten
Mohammedkarikaturen mit der Mär begründen, Mohammed sei als "Schwein
bzw. Schweinefresser" dargestellt worden.)
Braun und Mathes identifizieren
sich im Islam der Anderen mit dessen autoritärem Potential, ohne selbst zur
Tat schreiten zu wollen. Für sie gilt, was die Foucault-Kritikerin Atoussah
H. 1978 formulierte: "Es scheint, daß für die westliche Linke,
der es an Humanismus mangelt, der Islam begehrenswert ist (...) für andere
Völker."
Es geht den Autorinnen nicht um die Unterwerfung'
Deutschlands oder Europas unter den Islam. Christina von Braun ist eine staatlich
angestellte Ideologieproduzentin einer Gesellschaft, die auf dem Wege der Ausländerintegration'
von Durchrassungsdebatten zu so genannten Islamkonferenzen als flexibilisierter
Fixierung von MigrantInnen auf ihre' Kultur fortgeschritten ist. Souverän
ist, wer über die kulturelle Identität seiner BürgerInnen entscheidet.
Die Aussage der Autorinnen in der Einleitung "auch wir möchten kein
Kopftuch tragen" erscheint vor diesem Hintergrund wie die höhnische
Bestätigung der eigenen Identifikation mit der deutschen Souveränität
- die wiederum bestimmt, wer unter dem Gesetz der Scharia leben soll und wer nicht.
Anmerkung:
1
Erschütternde Beispiele sind die Iran-Sondernummer der Zeitschrift Autonomie
5/1979 u.a. mit Artikeln von Karl-Heinz Roth und Ahlrich Meyer sowie die folgende
Einlassung eines späteren Außenministers: "In Persien versuchen
sich die Leute einer Entwicklung zu entziehen, an deren Anfang sie stehen; wir
dagegen versuchen dasselbe vom Höhepunkt dieser Entwicklung aus. Und vom
Höhepunkt dieser Entwicklung aus tritt mehr und mehr wieder etwas Wesentliches
in unserem Leben in den Vordergrund, das auch in der persischen Revolution elementare
Bedeutung besitzt. Ich meine die Religion und das Heilige." (Joschka Fischer:
Durchs wilde Kurdistan, in: Pflasterstrand, Nr. 47/1979)
Christina von
Braun, Bettina Mathes: Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der
Westen. Aufbau Verlag, Berlin 2007. 477 Seiten, 24,90 Euro.
Andreas
Benl ist freier Autor und assoziiert in der Hamburger Studienbibliothek.
Das Kopftuch als innerer Schleier
"Das Kopftuch ist nicht allein ein Symbol für religiös-kulturelle
Zugehörigkeit, sondern es unterstreicht oder konstruiert auch Geschlechterdifferenz".
Mit dieser These beginnt Schirin Amir-Moazami ihr Buch Politisierte Religion.
Die Autorin bemängelt, dass die komplexen Lebensentwürfe junger Musliminnen
im öffentlichen Diskurs über das Kopftuch nicht hinreichend berücksichtigt
werden. An den Beispielländern Frankreich und Deutschland zeigt die Soziologin
und Politikwissenschaftlerin auf, welche unterschiedlichen historischen Entwicklungen
dort die vorherrschenden Diskurse prägen.
Der erste Teil des Buches
liefert eine solide Diskursanalyse. Spannender jedoch ist der zweite Teil, der
auf die Selbstrepräsentationen muslimischer Frauen in Frankreich und Deutschland
eingeht. Hier steht nicht mehr der Diskurs über Frauen und Kopftuch im Vordergrund,
sondern das Gespräch mit muslimischen Frauen. In insgesamt vierzig Einzelinterviews
mit Musliminnen aus der zweiten Generation in Berlin, Marseille und Paris gelingt
es Schirin Amir Moazami, ein vielschichtiges Bild über das Leben von Kopftuch
tragenden Frauen zu zeichnen.
Das Kopftuch ist für die Autorin sowohl
Ausdruck religiöser Zugehörigkeit, als auch ein Zeichen für weibliche
Sittsamkeit. Viele der interviewten Frauen betonen, dass das Kopftuch "sichtbar"
mache, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Einerseits bringe das
Tragen des Kopftuches innerhalb der muslimischen Gemeinde Respekt ein und sei
für Frauen mit akademischer Bildung wichtig, damit sie als "intellektuelles
Wesen, befreit von ihrer Körperlichkeit" wahrgenommen würden. Das
Kopftuch werde somit zum Instrument zur Überwindung der Dichotomie von Geist
und Verstand. Andererseits führe das Tragen des Kopftuchs auch dazu, mit
Rassismus offen konfrontiert zu werden.
Die Geschlechterkonstruktionen
der Interviewten reproduzieren meist einen Diskurs, der die Polarität zwischen
den Geschlechtern aufrecht erhält. Sie unterscheiden zwischen "echten",
sprich bedeckten Musliminnen, und "offenen", die symbolisch nackt seien,
weil sie sich der Regel der Sittsamkeit widersetzen. Dazu Schirin Amir Moazami:
"Anders als in vielen feministischen Ansätzen geht es den jungen Frauen
nicht darum, Geschlechterdichotomien und -konstruktionen aufzubrechen, indem sie
die Norm generell hinterfragen. Vielmehr scheinen sie dem binären Schema
zumeist durch einseitige Züchtigung der Frau zu entkommen."
Für
die interviewten Frauen ist das Kopftuchtragen ein Akt der Befreiung. Ihre ambivalenten
Definitionen der Geschlechterrollen setzen zwar an der Tradition an, versuchen
sich jedoch an einem progressiven Islam, in dem sich die Weiblichkeitsentwürfe
zwischen Sittsamkeit und Gefallenwollen bewegen. Hier beginnt die wahre Herausforderung
im Umgang mit dem Kopftuch, denn so spannend Theorie sein kann, in "Politisierte
Religion" sind es die Einblicke in den Alltag Kopftuch tragender Frauen,
die die Diskussion um das Kopftuch und den Islam in Europa weiter bringen können.
Rosaly Magg
Schirin Amir-Moazami: Politisierte Religion.
Der Kopftuchstreit in Deutschland und Frankreich, transcript Verlag, Bielefeld
2007, 292 Seiten, 28,80 Euro.