Nächstes Jahr in Suchumi | Die Novemberunruhen in Georgien verweisen auf ungelöste Konflikte
Die georgische Regierung reagierte jüngst auf Demonstrationen
der Opposition mit grober Gewalt und vorgezogenen Präsidentschaftswahlen.
Die Regierungsmedien verstärken die Angst vor Russland und vor dem Verlust
der autonomen Teilrepublik Abchasien. Über die weit verbreitete soziale Unsicherheit
hört man hingegen wenig.
von Steffen Schülein
Die
mehrtägige Demonstration Anfang November in Tbilissi, der Hauptstadt Georgiens,
und ihre brutale Auflösung durch die georgische Polizei hatten der Kaukasusrepublik
ausnahmsweise weltweite mediale Aufmerksamkeit beschert. Sie passte gut in das
westliche Informationsraster, dem zufolge die ehemaligen Sowjetrepubliken - und
als solche wird der "Krisenstaat" Georgien betrachtet - immer dann Interesse
erwecken, wenn ein von Russland initiierter Umsturz vermutet wird. Eben dies war
der Fall, als es am 7. November 500 Verletzte gab, oppositionelle Fernsehsender
verwüstet wurden und der Ausnahmezustand verhängt wurde. Präsident
Mikheil Saakaschwili bezeichnete die Demonstrationen als "versuchten Regierungsumsturz"
durch eine angeblich von Russland unterstützte Opposition und rechtfertigte
so das harte Vorgehen der Polizei.
Am 2. November 2007 waren über
hunderttausend Menschen dem Aufruf des Zusammenschlusses von Oppositionsparteien
gefolgt und hatten sich auf dem Rustaveli Prospekt vor dem Parlamentsgebäude
versammelt. Der Zeitpunkt des Aufrufes war geschickt gewählt: man wollte
von der Analogie zur so genannten "Rosenrevolution" profitieren. Am
selben Platz hatten vor vier Jahren die Demonstrationen gegen den damaligen Präsidenten
Schewardnadse stattgefunden, die Saakaschwili ins Amt brachten.
Ausschlag
des Meinungspendels
In den vier folgenden Tagen friedlicher Demonstrationen
hatte der Zustrom der TeilnehmerInnen merklich abgenommen. Am 7. November trotzten
allenfalls noch tausend Menschen dem Dauerregen. Die Radikalität der Forderungen
wuchs jedoch. Nachdem zunächst die Vorverlegung der Parlamentswahlen von
Herbst auf Frühjahr 2008 angestrebt wurde, forderten die DemonstrantInnen
nun sogar den Rücktritt des Präsidenten. Saakaschwili hatte die Parlamentswahl
per Verfassungsänderung um ein halbes Jahr nach hinten verschoben und seine
Amtszeit als Präsident um ein halbes Jahr verkürzt, um im Herbst 2008
gemeinsame Parlaments- und Präsidentschaftswahlen abhalten zu können.
Als Begründung hatte er die Abkoppelung der Wahl vom russischen Wahltermin
angeführt.
Für die meisten BeobachterInnen unerwartet, wurde
die Demonstration am 7. November mit staatlicher Gewalt aufgelöst. Gerechtfertigt
wurde dies mit dem Hinweis auf russische Destabilisierungsbestrebungen und Kontakte
der Opposition zum russischen Geheimdienst. Emphatisch beschwor die Regierung
die Notwendigkeit des Schutzes der fragilen georgischen Demokratie vor dunklen
Mächten. Unerwartet war die Niederschlagung der Proteste deshalb, weil Saakaschwili
von der bis dato ohnmächtigen Opposition eigentlich nichts zu befürchten
hatte, trotz deutlich gestiegener Unzufriedenheit in der Bevölkerung über
ihren ehemaligen Revolutionshelden. Erst der Polizeieinsatz ließ das Meinungspendel
zugunsten der Oppositionellen ausschlagen.
Bereits am 8. November wurde
das kurzzeitige Aufbegehren in Tbilissi mit der Anberaumung von vorgezogenen Präsidentschaftswahlen
am 5. Januar 2008 wieder besänftigt, und die beunruhigte Bevölkerung
kehrte halbwegs erleichtert zum Alltag zurück. Die GeorgierInnen haben das
Chaos satt. Die gesetzlose Situation Anfang der 1990er Jahre und das von Korruption
geprägte Ende der Amtszeit von Schewardnadse sind als Schreckgespenst noch
sehr präsent.
Die politische Stimmung in der Bevölkerung ist
heute deutlich desillusionierter als vor vier Jahren bei der "Rosenrevolution".
Die Ankündigung von Neuwahlen wurde von der Opposition zunächst euphorisch
aufgenommen. Doch machte sich bald Ernüchterung breit, als absehbar wurde,
dass der Wahltermin eine schlaue Strategie von Saakaschwili gewesen war. Weder
der ehemalige Verteidigungsminister Okruashwili, noch die ehemalige Außenministerin
Surabishwili können zu diesem Zeitpunkt kandidieren - der eine, weil er noch
unter dem Mindestalter von 35 Jahren ist, die andere, weil sie noch nicht 15 Jahre
lang Staatsbürgerin ist. Bislang hat nur der wenig charismatische Oligarch
Patarkatsishwili, der die Oppositionskampagne großzügig finanzierte,
seine Kandidatur angekündigt. Chancen werden ihm aber nur dann eingeräumt,
wenn eine Mehrheit der Bevölkerung nach dem Motto: "Jeden außer
Saakaschwili" abstimmt.
Hinzu kommt, dass die Oppositionskampagne
ohne Fernsehsender und mit nur kurzer Wahlkampfzeit einen schweren Start hat.
Schwerwiegender ist noch, dass die Opposition es bislang versäumt hat, die
Armutsproblematik sowie die radikale Privatisierungspolitik von Saakaschwili zu
thematisieren. Das Programm der Opposition bleibt unklar, gefordert werden außer
der Abwahl des Präsidenten und der Durchbrechung der Tendenz zur Machtkonzentration
lediglich einige Rechtsreformen. Die pro-westliche Wirtschaftspolitik steht nicht
in Frage. Bei einer weiteren Demonstration am 25. November wurde vor allem die
Wiederzulassung von Imedi TV, dem oppositionellen Fernsehsender, gefordert.
Neue
Armut, altes Feindbild
Während eine reiche Bevölkerungsschicht
mit Mercedes, BMW oder Geländewagen durch die Straßen von Tbilissi
kutschiert, in den auf mediterranen Schick gemachten Lokalen teuren Cappuccino
schlürft und sich in den Boutiquen westeuropäischer Marken einkleidet,
stellt sich die Bevölkerungsmehrheit auf eine harte Zeit ein. Bei gestiegenen
Preisen fast aller Konsumgüter bedeutet der Winter für viele, dass sie
sich nur von Brot und Tee ernähren können und nicht wissen, wie sie
der Kälte trotzen sollen. Besonders betroffen sind die RentnerInnen, die
mit Pensionen von umgerechnet unter 20 Euro leben müssen, aber auch viele
junge Familien, sofern sie keine großfamiliäre Sicherung haben. "Es
gibt einfach keine Arbeit", hört man allenthalben.
Trotz der
Erfolge Saakaschwilis bei Korruptionsbekämpfung, Wirtschaftswachstum (zehn
Prozent) sowie Stabilisierung der Entwicklungshilfekredite sind viele der fundamentalen
Probleme Georgiens hausgemacht, etwa durch die Wirtschaftspolitik. Dass bei jedem
Anlass Russland als Problemursache angeführt wird, entspricht eher dem alten
Feindbild, das in der georgischen Gesellschaft tief verwurzelt ist und sich jederzeit
politisch instrumentalisieren lässt.
Allerdings besteht kein Zweifel,
dass Russland eskalierend wirkt. Der nach wie vor dubiose Bombenabwurf durch russische
Flugzeuge auf georgisches Territorium im August, die Ankündigung Russlands,
die Unabhängigkeit der sezessionswilligen Teilrepublik Abchasien anzuerkennen
und die Stationierung weiteren Kriegsgeräts in Abchasien sind mehr als geeignet,
die Furcht vor Russland zu befördern. Wie weit der russische Einfluss in
Georgien tatsächlich geht, lässt sich nur schwer beurteilen. Neben wilden
Verschwörungsmutmaßungen kursiert auch die Theorie, nach der auf höchster
Regierungsebene gegenseitiges Einvernehmen zur Stabilisierung des Status quo herrscht.
Traum(a)
Abchasien
Der Palmenstrand der Hauptstadt Suchumi der international
nicht anerkannten und von Georgien abgespaltenen Teilrepublik Abchasien symbolisiert
den Traum der meisten GeorgierInnen nach einem geeinten Land für die Rückkehr
der rund 300.000 Flüchtlinge. Sie waren vertrieben worden, als Georgien 1993
den Krieg gegen das von Russland unterstützte Abchasien verlor. Aus georgischer
Sicht wäre die Abspaltung Abchasiens ohne die als widerrechtlich empfundene
Unterstützung durch Russland gar nicht möglich gewesen. Das Abchasientrauma
sitzt tief, aber de facto weiß kaum jemand etwas über die Region. Seit
15 Jahren haben die wenigsten GeorgierInnen Nachrichten aus Abchasien bekommen
oder sind gar dort gewesen. Die Abchasen, immer schon eine Minderheit in Abchasien,
kommen in der georgischen Interpretation überhaupt nicht vor.
Dass
der Konflikt seine Ursachen wesentlich in einer gescheiterten Minderheitenpolitik
gegenüber den AbchasInnen hat, wird in Georgien nur von den Allerwenigsten
wahrgenommen. Die AbchasInnen zeigen sich zwar ebenfalls kompromisslos gegenüber
den Forderungen Georgiens, wie zum Beispiel der Rückkehr der ca. 300.000
georgischen Flüchtlinge aus dem Abchasienkrieg, wehren sich aber auch gegen
die Überhandnahme des russischen Einflusses.
Die russische Unterstützung
für Abchasien wird auf georgischer Seite als Affront gegen die nationale
Souveränität erlebt. Eine Wiederherstellung der territorialen Integrität
hat höchste Priorität. Im September hatte auch Ex-Verteidigungsminister
und Oppositionsführer Okruashwili den Präsidenten in aggressiver Abchasienrhetorik
überboten und eine gewaltförmige Lösung des Konflikts gefordert.
Wie die Rückkehr nach Abchasien zu bewerkstelligen sein könnte,
zeigt ein Werbespot der georgischen Regierung: Ein Hubschrauber landet auf einem
Militärflughafen, eine schöne Frau steigt aus. Soldaten empfangen sie
und fahren sie in das Soldatencamp. Die georgische Flagge leuchtet auf der Uniform.
Die Frau entpuppt sich als die Popsängerin Nini Badurashwili. Klagend beschwört
sie das Publikum, nach Abchasien zu gehen und das Wasser des Flusses Pso zu trinken.
Im Musikvideostil brechen die Soldaten nun durch die Berglandschaft des Kaukasus,
waten durch Flüsse, laufen über historische Brücken. Plötzlich
explodiert eine Mine, ein junger Soldat wird verletzt. Die Kameraden legen ihn
auf eine Bahre. Als er stirbt, machen sie kurz halt und schauen betroffen. Schließlich
erreichen alle zum Sonnenuntergang das Schwarze Meer. Die Soldaten entrollen die
georgische Flagge, während die Sängerin gen Himmel trällert und
wieder zum Hubschrauber geleitet wird.
In Zeiten des Ausnahmezustands
und der Abschaltung der oppositionellen Fernsehsender wird dieser Spot auf allen
verbliebenen Kanälen nahezu rund um die Uhr gesendet. Die Einschwörung
der Bevölkerung auf Kriegsbereitschaft trägt nicht gerade zur Stabilisierung
der Lage bei.
Von russischer Seite aus gibt es dagegen handfeste Argumente
für eine Beibehaltung des Status quo oder gar für eine Unabhängigkeit
Abchasiens. Russische Geschäftsleute investieren kräftig in Abchasien,
um das ehemalige Sowjetferienparadies wieder urlaubsgerecht zu machen. Die Aussicht,
anlässlich der Olympischen Winterspiele in Sotchi 2014 einen Teil der Wettbewerbe
mangels eigener Austragungsorte in Abchasien abzuhalten, scheint ebenfalls verlockend.
Russland nutzt jede Chance, Georgien zu diskreditieren, gezielt zu provozieren
und Konflikte anzuheizen. Unabhängig davon, ob Saakaschwili am 5. Januar
in seinem Amt bestätigt oder ein Vertreter der Opposition neuer Präsident
Georgiens wird, rückt eine Konfliktlösung nicht näher.
Steffen
Schülein lebt zurzeit in Tbilissi.