Editorial | Ende der Spende!
Spenden
macht glücklich. Denn beim großzügigen Geben werden jene Regionen
des Gehirns aktiviert, die für das körpereigene Belohnungssystem zuständig
sind, wie WissenschaftlerInnen der Universität Oregon herausfanden. Bei den
SpenderInnen der deutschen Unicef-Sektion dürften Glücksgefühle
in den letzten Monaten allerdings rar gewesen sein. "Furchtbar wütend",
"stinksauer", "fühle mich betrogen" - das sind noch die
harmloseren Äußerungen, mit denen enttäuschte SpenderInnen und
ehrenamtliche SpendensammlerInnen die Geschäftsführung von Unicef bedachten.
Mehr als 10.000 Daueraufträge wurden gekündigt, ganze Ortsgruppen lösten
sich auf.
Die öffentliche Empörung über Unicef ist verständlich.
Selbstherrlich hatte der viel zu spät zurückgetretene Geschäftsführer
Dietrich Garlichs jegliche Vorwürfe über undurchsichtige Beraterprovisionen
und unnötig hohe Ausgaben etwa für den Umbau der Unicef-Zentrale zurückgewiesen.
In der Fundraising-Branche wurde das "Kinderfilzwerk" Unicef schon länger
argwöhnisch beäugt. Zum einen aus Neid, denn Unicef hat sich in Garlichs'
Amtszeit mit Einnahmen von zuletzt 97 Millionen Euro jährlich zu einem Giganten
auf dem insgesamt stagnierenden deutschen Spendenmarkt entwickelt. Erfolgreich
war Unicef auch beim Sponsoring durch Unternehmen wie Lidl, Procter&Gamble,
Payback, Fleurop oder Siemens. Zum anderen wurde Unicef aus Angst vor Rufschädigung
für die ganze Branche skeptisch betrachtet. Denn hohe Provisionen, wie Unicef
sie an freiberufliche SpendeneintreiberInnen zahlte, sind im Spendenwesen verpönt,
weil sie die SpenderInnen verprellen. Erst recht gilt das, wenn sie, wie im Falle
einer Großspende von Lidl an Unicef, ohne jegliche Leistung an einen "Berater"
vergeben wurden. Auch der hohe Verwaltungsanteil von 17,9 Prozent bei Unicef Deutschland
gilt als überzogen, ebenso die außergewöhnlich gute Entlohnung
der Unicef-MitarbeiterInnen bei Auslandseinsätzen.
Unicef geriet nicht
zu Unrecht in die Schlagzeilen. Viele andere Hilfsorganisationen arbeiten seriöser
und transparenter, sie informieren beispielsweise über die Höhe der
Gehälter ihres Personals. Die berechtigte Empörung über Unicef
kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der gesamte Spendenmarkt
in eine ungute Richtung entwickelt. Rund 2.000 Hilfsorganisationen, darunter 233
mit dem Siegel des Deutschen Zentralinstituts (DZI), buhlen derzeit um die 2,35
Milliarden Euro, die die Deutschen 2007 für soziale Zwecke spendeten. In
diesem Konkurrenzkampf sehen sich selbst seriöse Nonprofit-Organisationen
manches Mal gezwungen, auf fragwürdige Methoden und PartnerInnen zurückzugreifen.
Fundraising wird in Deutschland mittlerweile von 2.500 Personen hauptberuflich
betrieben. Es gibt spezielle Ausbildungen für diesen Beruf und einen eigenen
Verband. FundraiserInnen verfügen bei ihrem "Kundenbeziehungsmanagement",
das kaum anders funktioniert als in anderen Marketingbranchen, über ein fein
abgestuftes Instrumentarium, um an das Geld der SpenderInnen zu kommen. Datenbankbasierte
Zielgruppenansprache über Briefmailings und Callcenter gehört bei allen
Hilfsorganisationen zum Standard. Einige setzen sogar regelrechte Drückerkolonnen
ein.
Die Konkurrenz wirkt sich nicht zuletzt auch auf das Projektdesign
aus. Nachdem beispielsweise Plan international und World Vision mit Kinderpatenschaften
auf dem deutschen Markt sehr erfolgreich waren, kehren auch andere Organisationen
sukzessive zur längst überwunden geglaubten Individualisierung von Hilfe
zurück. Mitverantwortlich für die Misere sind aber auch die überzogenen
Vorstellungen mancher SpenderInnen, die am liebsten haarklein wüssten, was
mit ihrer Spende geschieht. Und auch der Staat, der bei vielen Projekten Geld
dazu gibt, verlangt mittlerweile ein extrem aufwändiges Antrags- und Berichtswesen.
Hohe Verwaltungsanteile werden so geradezu erzwungen.
Über Unicef
nicht zu vergessen ist aber auch noch ein ganz anderer, viel tief liegender Skandal:
Dass nämlich hunderte Millionen Menschen im Süden abhängig sind
vom Goodwill der SpenderInnen und von der Kompetenz der FundraiserInnen im Norden.
Almosen nehmen müssen macht nicht froh, weshalb die Glücksgefühle
beim Spenden eine recht einseitige Angelegenheit sind. Solange es keine Alternative
zu spendenbasierter karitativer Hilfe gibt, ist diese ein Muss und sind Spenden
ehrenwert. Aber in einer von Armut und Elend befreiten Welt, die allen Menschen
die materiellen Voraussetzungen dafür gibt, glücklich sein zu können,
braucht es keine Spenden mehr. An dieser World Vision zu arbeiten, verspricht
die
redaktion
PS: Das Heftregister des Jahrgangs 2007 mit Länder- und
Stichwortverzeichnis finden Sie ab sofort auf unserer Webseite www.iz3w.org