Editorial | Der Anfang vom Ende?
Letztes
Jahr in South Carolina: Michelle Obama begegnet einem zehnjährigen Mädchen.
Wenn Barack Obama zum Präsidenten gewählt würde, so sagte die Zehnjährige
zur Frau des inzwischen vereidigten amerikanischen Präsidenten, "bedeutet
das, dass ich mir für mich selbst alles vorstellen kann".
"Yes,
we can", diese Worte Barack Obamas haben Milliarden Menschen geradezu elektrisiert.
Die Euphorie um den ersten afro-amerikanischen Präsidenten ist weltweit mit
der Hoffnung vieler People of Colour verknüpft, gegen jede statistische Unwahrscheinlichkeit
ein besseres Leben führen und an den gesellschaftlichen Möglichkeiten
gleichberechtigt teilhaben zu können. Der Amtsantritt Obamas wurde daher
in vielen Ländern des Südens mindestens ebenso ekstatisch gefeiert wie
in den USA. Die Medien multiplizierten massenhaft mitreißende Bilder von
geradezu erlöst wirkenden Menschen, deren Zuversicht nach dem Tode von Martin
Luther King für Jahrzehnte verstummt war - vom ländlichen Kenia bis
in die Metropole New Orleans.
Barack Hussein Obama steht für einen
Bruch mit der Vergangenheit des weißen' Amerika. Seine AnhängerInnen
interessieren sich nicht für die Skepsis derer, die davor warnen, dass so
viel Hoffnung nur enttäuscht werden könne - sie glauben fest an den
Aufbruch in eine bessere Zukunft. Doch ist der neue amerikanische Präsident,
der als mächtigster Mann der Welt gilt, tatsächlich der Anfang vom Ende
des Rassismus? Warum überhaupt soll ein schwarzer Präsident die rassistische
Spaltung der Gesellschaft besser überwinden können als ein weißer?
Die
offizielle Version der Vita des 44. Präsidenten, nachzulesen auf der Website
der US-amerikanischen Botschaft, weist ihn als idealtypischen Vertreter des US-amerikanischen
Melting Pot aus. Hier kann Obama punkten: Er hatte einen kenianischen schwarzen
Vater, wurde in Hawai von weißen Großeltern aufgezogen und wuchs in
Indonesien in einem multiethnisch geprägten Kontext auf. Er erfuhr als Gemeindeaktivist
für schwarze Communities in der South Side of Chicago die wahre Bedeutung
seines christlichen Glaubens, und hier prägte das Grassroot-Umfeld seine
Ideale. Er wurde erster schwarzer Präsident der prominentesten rechtswissenschaftlichen
Publikation, seine krebskranke Mutter stritt noch auf dem Sterbebett mit Versicherern
über die Behandlungskosten, und so weiter.
"Er ist der erste
Mainstream-Afroamerikaner, der sich artikulieren kann, der schlau und sauber und
ein gutaussehender Kerl ist." Mit diesen als Kompliment gemeinten Worten
traf Joe Biden, der Demokrat aus Delaware, der nun das Amt des Vizepräsidenten
innehat, auf einen der Stolpersteine, die in der amerikanischen Gesellschaft auf
dem Weg weg vom Rassismus dicht gestreut sind. Der rhetorische Unfall gibt dem
Soziologen Philip Kasinitz Recht, der Obama zuvor treffend als einen schwarzen
Politiker bezeichnete, "bei dem sich Weiße nicht schuldig zu fühlen
brauchen". Obama verkörpert ein multiethnisches Amerika und hat dies
im Wahlkampf schon allein deshalb wie eine Trumpfkarte ausgespielt, weil er vielen
Schwarzen nicht schwarz genug ist.
Denn noch wenige Monate vor der Wahl
hatten kaum 20 Prozent der AfroamerikanerInnen für Obama gestimmt. Die Hautfarbe
allein überzeugte offenbar nicht alle. "Der tut nur schwarz" hieß
es, und "er ist keiner von uns". Obama steckte in einem Dilemma: ein
schwarzer Kandidat, der antirassistische Politik groß auf seine Fahne schreibt,
hätte bei der nicht-schwarzen Mehrheit schnell ausgespielt gehabt. Verglichen
mit weißen KandidatInnen muss ein Schwarzer umso zweifelsfreier eine nichtpartikulare
Politik für alle AmerikanerInnen repräsentieren. Was wiederum vermuten
lässt, dass es ein weißer Präsident ein wenig leichter hätte
als ein schwarzer, ganz offen antirassistische Politik zu proklamieren.
Des
Präsidenten Strategie in dieser misslichen Lage ist ein Ausweichmanöver.
Obama proklamiert, es wäre wenig hilfreich, sich auf den Rassismus zu versteifen,
wo doch massive soziale und ökonomische Differenzen die Gesellschaft spalten.
So geht er der durch den Rassismus entstandenen Anforderung, als Schwarzer erst
recht den Rassismus abschaffen zu müssen, aus dem Weg. Zugleich redet Obama
die rassistische Struktur der Gesellschaft klein, obwohl diese die Ursache der
Marginalisierung von AfroamerikanerInnen ist.
Doch trotz aller begründeter
Skepsis hat die multikulturelle Obama-Feierstimmung etwas Ansteckendes, nicht
zuletzt, weil die unter Bush weltweit massenhaft verbreitete antiamerikanische
Stimmung nun eine Depression hat. Wenn die vielerorts als weiße, imperial-koloniale
Übermacht empfundenen USA künftig weniger pauschal verteufelt und statt
dessen an ihren Handlungen gemessen werden, so hat das zwar mit der Abschaffung
des Rassismus noch nichts zu tun, wäre aber auch schon was.
die
redaktion