Eine akademische Sünde | Verheerende Zustände an simbabwischen Universitäten
von Christopher Phiri
Simbabwe liegt am Boden. Augenscheinlichstes
Merkmal ist die Inflationsrate, die offiziell bei 231 Mio. Prozent liegt, inoffiziell
wohl noch höher ist. Die katastrophale Wirtschaftspolitik hat zu einer Rezession
ohnegleichen geführt. Deindustrialisierung und Massenarbeitslosigkeit sind
die Folge. Eine chaotische und unvollständige Landreform hat zu einer humanitären
Krise geführt. Wer aufbegehrt, wird mehr denn je verfolgt und bestraft. Vor
allem tatsächliche oder angebliche Mitglieder des oppositionellen MDC bekommen
die Staatsgewalt zu spüren. Immer wieder haben Mugabe und seine ZANU-PF ihre
Missachtung gegenüber fundamentalen Menschenrechten zum Ausdruck gebracht.
Die Pressefreiheit wurde abgeschafft, die Gerichtsbarkeit staatlicher Willkür
unterworfen und die Zivilgesellschaft mundtot gemacht.
Feinde der Regierung
Die Misere betrifft sowohl die Situation im Allgemeinen, als auch konkret die
der Universitäten und ihrer Lehrkräfte. Fast alle staatlichen Schulen
und Hochschulen sind geschlossen, die meisten seit Januar 2008. Über die
Jahre, aber insbesondere seit 2000, haben simbabwische Lehrkräfte politisch,
ökonomisch, sozial und vor allem beruflich sehr gelitten. Besonders betroffen
sind diejenigen, die regierungskritisch eingestellt sind und als Mitglieder ziviler
Organisationen oder der Oppositionspartei MDC Kritik äußern. Jede Kleinigkeit
bietet für regierungstreue Kräfte einen Anlass, Menschen zu schikanieren,
einzusperren oder zu foltern.
Es gibt durchaus AkademikerInnen, die der
Regierungslinie blind folgen und entsprechend gefördert werden. Die Mehrheit
ist jedoch sehr regimekritisch und wird deshalb von der Regierung mit Misstrauen
betrachtet. Deshalb wurde beispielsweise die University of Zimbabwe als Hort von
"Vertretern eines illegalen Regimewechsels", von "Imperialisten"
und durch den Westen unterstützten "Feinden der Regierung" bezeichnet.
Wollen die Lehrkräfte überleben, ist es notwendig, dass sie wenigstens
vorgeblich ihren Verpflichtungen gegenüber der Regierung nachkommen und die
Opposition, insbesondere das MDC, vollständig meiden.
In ökonomischer
Hinsicht mussten die Lehrkräfte starke finanzielle Einbußen hinnehmen.
Betrug das monatliche Gehalt 1999 noch umgerechnet zwischen 2.500 und 3.000 US-Dollar,
ist es mittlerweile auf fünf Dollar zusammengeschrumpft. Dies macht ein Überleben
praktisch unmöglich. Im Jahr 2000 mussten die Lehrkräfte auf alle ausstehenden
Gehälter "freiwillig" verzichten, gegebenenfalls unter dem nötigen
Druck von Regierungsseite. Seitdem unterstehen die Gehälter und die Universitätsfinanzen
politischer Einflussnahme. Mit den monatlich fünf verbleibenden Dollar können
weder Mieten bezahlt, Kleidung gekauft noch die alltäglichsten Dinge erledigt
werden. Es gilt zu sparen, wo es nur geht. Mehr als eine warme Mahlzeit am Tag,
gewöhnlich eine magere Suppe, ist unerschwinglich. Medizinische Dienstleistungen
in Anspruch zu nehmen ist unmöglich.
Überlebenskampf statt
Lehre
Die verschiedenen Taktiken, das Überleben zu meistern,
führen meist zu unorthodoxen Lösungen fernab des Unibetriebs. Wer an
ausländische Universitäten wechseln kann, zählt zu den Glücklichen.
Daheimgebliebene WissenschaftlerInnen hingegen gehen den verschiedensten Tätigkeiten
nach. Viele verkaufen gelegentlich auf den Straßen von Harare alles Mögliche,
von Süßigkeiten bis zu Tomaten. Andere verdingen sich als GrenzhändlerInnen
zwischen Südafrika und Botswana. Wieder andere suchen den Ausweg darin, Studierende
für das Ausstellen von Empfehlungsschreiben und Zeugnissen bezahlen zu lassen.
Einige wenige betteln bei Studierenden um Geld, während andere Vorschläge
für Dissertationsprojekte gegen Bezahlung feilbieten. All dies hat negative
Konsequenzen auf Forschung und Publikationstätigkeit. Forschung wird nicht
honoriert und an Publikationen ist nicht zu denken, solange die eigenen Familien
am Rande des Verhungerns stehen. Nichts ist mehr zu spüren von der Vitalität
der Zeit vor dem Jahr 2000.
Immer auf der Jagd nach Konferenzen und Workshops,
hoffen die AkademikerInnen auf Extrabezahlung. Sie zwingen sich, wissenschaftliche
Arbeiten zu verfassen, egal zu welchem Thema, nur um an eine Einladung heranzukommen.
Prüfungsdokumente werden zunehmend nur gegen Gebühr an die Studierenden
herausgegeben. Es kann außerdem vorkommen, dass Prüfungen nicht gründlich
abgenommen werden, weil sie in Sorge um das Überleben als zweitrangig angesehen
werden. Dies kompromittiert die Glaubwürdigkeit von simbabwischen Universitätsabschlüssen
und behindert die Professionalität der Lehrkräfte.
Sowohl bei
Lehrenden als auch bei Studierenden macht sich Frustration breit. Die University
of Zimbabwe war bis vor kurzem für einige Monate geschlossen. Als die Universitätsleitung
beschloss, sie wieder zu öffnen, kündigte sie an, dass es anstelle eines
15-wöchigen Semesters nunmehr ein neun-wöchiges Semester geben werde.
Lehrkräfte wurden aufgefordert, einen Crashkurs zu machen, um ihren Lehrplan
unterzubringen. Neun statt 15 Wochen reichen aber nicht aus. Trotz der Verkürzung
wurde den Studierenden - auch jenen, die im Umland wohnen - nur sehr kurzfristig
der Beginn des neuen Semesters mitgeteilt. Sie hatten ganze zwei Tage Zeit, ihre
Studiengebühren aufzutreiben und in Universitätsnähe zu ziehen.
Wenig überraschend, dass die wenigsten rechtzeitig zu Studienbeginn anreisten.
Erst nach rund drei Wochen war eine Klasse vollständig. So kam es, dass das
Semester eigentlich nur sechs Wochen dauert. Das ist ein akademisches Vergehen!
Nur wenige DozentInnen lehren überhaupt noch. Die Meisten lehnen
es ab, an dieser akademischen Sünde mitzuwirken. Aufgrund der massiven Abwanderung
gibt es außerdem nur sehr wenige ProfessorInnen, die fähig wären,
DoktorandInnen zu unterrichten. Die meisten DoktorandInnen, die um das Jahr 2000
mit ihrer Promotion angefangen hatten, haben diese noch nicht beendet. Im Falle,
dass es doch jemand schaffen sollte, könnte die Universitätsleitung
kaum externe Prüfer für die KandidatInnen heranholen, da diese nicht
bezahlt werden können.
Aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen
sind viele WissenschaftlerInnen abgewandert. Dies führt zur weiteren Belastung
der Dagebliebenen. Die Hörsäle sind mit über 500 Studierenden gnadenlos
überfüllt. Die DozentInnen müssen regelrecht schreien, um gehört
zu werden. Mit jedem akademischen Jahrgang werden die Klassen größer,
denn der Staat erhöht die Einschreibungszahlen jährlich. Damit soll
"der landesweit zunehmende Erfolg auf dem Gebiet der Bildung" belegt
werden.
Gegenwärtig gibt es an der University of Zimbabwe bei rund
12.000 Studierenden und MitarbeiterInnen auf dem ganzen Campus kein fließendes
Wasser und keine einzige funktionsfähige Toilette. Dadurch entstehen ernsthafte
gesundheitliche Gefahren. Momentan grassiert im Land eine schlimme Choleraepidemie.
Auch viele DozentInnen und Studierende sind davon betroffen. Das Gesundheitssystem
kann nicht helfen, da es vollständig zusammengebrochen ist.
Das
Internet ist offline
Die Aufenthaltsräume der Lehrenden sind
immer überfüllt, schlecht ausgeleuchtet und kaum belüftet. Manchmal
fehlt es an einfachsten Hilfsmitteln wie Kreide oder Schwämme. Von Projektoren
und dergleichen kann nur geträumt werden. Hilfsmittelintensive Fächer
wie Chemie und Medizin sind davon besonders betroffen und können keine praktischen
Übungen anbieten. Vor einiger Zeit wurden die MedizinstudentInnen während
eines Praktikums im Parirenyatwa Government Hospital wieder nach Hause geschickt.
Es gab weder Medikamente noch Patienten. Es war geschlossen.
Die einstmals
gut bestückte Universitätsbibliothek ist in einem miserablem Zustand.
Wenn überhaupt Bücher erhältlich sind, sind diese veraltet oder
unbrauchbar. Das Internet ist die meiste Zeit aufgrund technisch bedingter Ausfälle
offline. Zudem gibt es mehrmals täglich politisch motivierte, mehrstündige
Blockaden. Samstags und sonntags ist das Netz komplett gesperrt. Einen Grund für
die Blockade gibt die Regierung nicht an.
Aufgrund der internationalen
Ächtung der Regierung erhalten die Universitäten keine externe Hilfe.
So kann beispielsweise das Commonwealth-Programm nicht angezapft werden, da Simbabwe
aus dem Commonwealth ausgeschlossen wurde. Wenn AkademikerInnen aber keine Stipendien
im Ausland bekommen, müssen sie in Simbabwe bleiben.
All diese Beispiele
zeigen, dass die AkademikerInnen in Simbabwe in grundlegenden Schwierigkeiten
stecken. Sie brauchen jede erdenkliche Hilfe auf individueller oder institutioneller
Ebene.
Christopher Phiri ist Dozent für Wirtschaftsgeschichte
an der University of Zimbabwe, Vorsitzender der Gewerkschaften AUT (Association
of University Teachers) und der ZISUUA (Zimbabwe State Universities Union of Academics).
Übersetzung: Georg Bittner.
Simbabwes
Weg in die Misere
Rhodesien, das heutige Simbabwe, löste sich
Mitte der 1960er Jahre von der britischen Krone. Eine rassistische weiße
Minderheitsregierung erlangte die Macht, unterstützt durch das Apartheid-Regime
in Südafrika. Es gab weltweit Proteste, die neben der internationalen Ächtung
in UN-Wirtschaftssanktionen gipfelten. Im Inland erstarkten Guerillabewegungen
wie die ZANU (Zimbabwe African National Union) und die ZAPU (Zimbabwe African
Peoples Union), die sich als Vertreter der schwarzen Mehrheit verstanden. Auf
heftige Kämpfe folgte 1979 ein Waffenstillstandsabkommen. 1980 fanden die
ersten freien Wahlen statt, aus denen der ZANU-Vorsitzende Robert Mugabe als Sieger
hervor ging. Mugabe wurde als Freiheitskämpfer Afrikas hoch gelobt. Er rief
zur Einigkeit zwischen Schwarz und Weiß auf und führte zahlreiche Verbesserungen
ein. Die Lebensqualität stieg, das Bildungs- und Gesundheitssystem wurde
ausgebaut.
Doch schon zwei Jahre später gab es einen ersten Bruch.
Mugabe beschuldigte seinen Koalitionspartner ZAPU, einen Umsturz zu planen. Die
Koalition wurde aufgekündigt und AnhängerInnen der ZAPU verfolgt. 1987
willigte die ZAPU ein, in Mugabes ZANU aufzugehen. Mit der so genannten Patriotic
Front (ZANU-PF) war der Ein-Parteien-Staat unter Mugabes Herrschaft geboren. Als
Anfang der 1990er Jahre der Ost-West-Konflikt endete und Simbabwe als Spielball
beider Seiten bedeutungslos geworden war, liefen die Finanzhilfen aus. Nelson
Mandela löste Mugabe als Hoffnungsträger ab.
Es gab einen zweiten
Bruch. Mugabe begann eine Kampagne gegen Homosexuelle, die sich unter anderem
gegen Oppositionspolitiker richtete. Viele KritikerInnen flüchteten, internationale
Medien und Regierungen wandten sich ab. Immer unberechenbarer wurden seine Maßnahmen.
Eine Landreform führte ab 1997 zu wilden Enteignungen mehrheitlich weißer
Siedler. Die besten Ländereien übernahm die schwarze Bourgeoisie um
Mugabe, die arme Bevölkerung flüchtete in die Städte. Seit 2005
werden im Rahmen der "Operation Müllentsorgung" Slums plattgewalzt.
Die BewohnerInnen, zu großen Teilen Flüchtlinge der Landreform, müssen
einmal mehr flüchten. Die letzten beiden Wahlen gingen mit massiven Repressionen
gegen die Opposition einher, insbesondere deren stärkste Kraft MDC (Movement
for Democratic Change). Die Wahlergebnisse wurden gefälscht.
gb