Editorial : US-Außenpolitik - No, he can’t
Barack Obama nicht cool zu finden, ist auch heute noch ganz schön schwer.
Der Mann kann reden, er ist höflich und aufmerksam, und er wirkt fast immer
souverän. Wenn Komiker sich George W. Bush vornahmen, stellten sie ihn
als tumben texanischen Trottel dar. Ihr Umgang mit dem derzeitigen Präsidenten
ist deutlich respektvoller, und der beste seiner Parodisten, Iman Crosson, gesteht
offen: »Ich mag Obama«. Dessen persönliche Integrität
wird, anders als bei Clinton oder Bush, selten in Frage gestellt. Zu umso fieseren,
oft rassistischen Verunglimpfungen greifen die us-amerikanischen Rechten, um
Obama in die Enge zu treiben.
Doch bei aller Wertschätzung seiner Person, hinsichtlich seiner Politik
bläst Obama in diesem Winter ein schneidend kalter Wind entgegen. Als im
Januar seine Präsidentschaft sich zum ersten Mal jährte, fiel die
Zwischenbilanz sehr durchwachsen aus, um es freundlich zu formulieren. In der
internationalen Presse war fast nur von enttäuschten Hoffnungen zu lesen.
Kaum eines seiner Versprechen habe Obama eingelöst. Der altlinke US-Historiker
Howard Zinn ätzte gar: »Man sollte allmählich einsehen, dass
er ein mittelmäßiger Präsident sein wird, was in unserer Zeit
bedeutet: ein gefährlicher Präsident.«
Die meisten KommentatorInnen erkannten allerdings an, dass Obama nicht nur selbst
die Latte sehr hoch gelegt hatte, sondern ihm von der Weltöffentlichkeit
Erwartungen angetragen wurden, die er unmöglich erfüllen konnte. Sie
wollte den Mann vom »Hope«-Poster, und dass der eine imaginierte
Figur ist, war selbst den meisten seiner linksliberalen Fans offensichtlich
nicht klar. Sie pflegten lieber die bequeme Einstellung, man könne einen
progressiven change qua Stimmzettel nach oben an den angeblich mächtigsten
Mann der Welt delegieren. Der kann aber allenfalls einige Bedingungen dafür
verbessern, wenn er es denn will.
In den ersten Monaten nach Amtsantritt sah es so aus, als ändere sich gerade
außenpolitisch Substanzielles. Obama brachte ein ungewohnt utopisches
Moment in die Weltpolitik, etwa als er in seiner Prager Rede die Abschaffung
aller Atomwaffen als ernsthaft anzustrebendes Ziel ausrief. Gewiss, dieser Absichtserklärung
folgten vorerst keine Taten. Doch gerade in der internationalen Politik macht
der Ton die Musik, und die klingt definitiv wohltemperierter, als man das viele
Jahre aus Washington gewohnt war. Wie sehr bloße Gesten und Worte materiell
wirksam werden können (wenn auch oft mit zeitlicher Verzögerung),
dafür ist Willy Brandts Ostpolitik das beste Beispiel.
Wie jeder Präsident der Demokaten seit John F. Kennedy hat Obama aber massiv
gegen die Wahrnehmung der
US-amerikanischen Öffentlichkeit anzukämpfen, er sei in Fragen der
nationalen Sicherheit ein »Weichei«, so die New York Times. Obama
tut inzwischen mehr denn je, um diesem von den Republikanern und ihren Medien
geschürten Eindruck entgegenzuwirken: Aufstockung der Truppen in Afghanistan
um 30.000 SoldatInnen, vermehrt Angriffe durch unbemannte Drohnen in Pakistan,
geheimdienstliche und militärische Maßnahmen im Jemen, kein Nachgeben
gegenüber Russland in Rüstungsfragen, verschärfte Sanktionen
gegen den Iran, massiver Einsatz von Nacktscannern an US-amerikanischen Flughäfen,
usw. usf.
Ist Obama nun ein Getriebener der Ereignisse, der unter dem Druck der mächtigen
Rechten gar nicht anders kann, als den starken Mann zu markieren? Oder schwimmt
er mit seinen Grundüberzeugungen ohnehin im Mainstream der US-Politik?
Beides trifft zu. Wäre Obama ein expliziter Linker, wäre er nie Präsident
geworden. Diesbezügliche Illusionen sind fehl am Platze. Aber selbst bei
der Durchsetzung seiner verhaltenen Reformansätze wird Obama auf nationaler
wie internationaler Ebene von »Extremisten« bedrängt (so Claus
Leggewie). In den USA sind es die Republikaner und rechten Demokraten, die nahezu
alle seine Vorhaben torpedieren, auch und gerade weil sie keine besseren Alternativen
anzubieten haben. International tragen nicht nur versprengte Al Kaida-Terroristen
zur Blockade von Veränderungen bei, sondern auch so unterschiedliche Gegenspieler
wie Ahmadinejad, Chávez, Hu Jintao, Putin oder die Taliban.
Die Spielräume für eine proaktive Außenpolitik sind jedenfalls
selbst für den Präsidenten der Weltmacht USA äußerst gering
geworden. Zu groß ist das Beharrungsvermögen der nationalen wie internationalen
Institutionen, zu groß die partikularen Interessen. Niemals unterschätzt
werden darf auch die Eigendynamik des militärisch-industriellen Komplexes
in den USA, der zwar selbst am Imperial Overstretch krankt, aber genau deswegen
nie zulassen wird, dass seine Felle wegschwimmen.
Obwohl wir den Autoren dieses Themenschwerpunktes keine Vorgaben zur Bewertung
von Obamas Außenpolitik machten, kommen sie zu einem erstaunlich einhelligen
Urteil: Gute Ansätze, hoffnungsvoll stimmende Rhetorik und dann
geht alles den gewohnten Gang. Freilich ist dies eine vorläufige Zwischenbilanz.
Ob die Ära Obama in der kritischen Geschichtsschreibung der US-Außenpolitik
als eine der besseren eingehen wird oder nicht, das wissen wir erst in zweieinhalb
Jahren. Oder in sechseinhalb Jahren, so die WählerInnen wollen.
die redaktion