„Der Obama-Effekt untergräbt die Linke“ - Interview mit Peter Hudis and Kevin Anderson über US-Außenpolitik
Simon Birnbaum: Welche Erwartungen hatten Sie an Obamas Außenpolitik?
Peter Hudis (PH): Ich habe keine großen Hoffnungen gehegt. Man
muss immer in Erinnerung behalten, dass Obama sich als Politiker noch nie mit
progressiven oder linken Positionen identifiziert hat. Es wäre sogar falsch,
ihn als liberal zu bezeichnen. In seiner politischen Karriere hat
er immer wieder die Tendenz offenbart, sich zur politischen Mitte hin zu orientieren.
Es stimmt, dass er im Vergleich zu Bush frischen Wind in die Politik gebracht
hat und seine Wahl einen bedeutenden Wandel in den race relations darstellt,
angesichts des Rassismus, der lange die amerikanische Gesellschaft bestimmt
hat. Allerdings ist Obamas gesamte Karriere von dem Versuch geprägt, sich
in die Mitte der amerikanischen Gesellschaft zu integrieren und von ihr akzeptiert
zu werden, nicht sie herauszufordern. Er machte auch bei seiner Opposition zum
Irakkrieg kein Geheimnis daraus. Er unternahm nichts gegen die traditionelle
US-Politik hinsichtlich Afghanistan, Israel-Palästina, der Beziehungen
mit Lateinamerika oder der Homosexuellen beim Militär. Selbst bei den Mitteln
der USA zur Bekämpfung von AIDS in Übersee hat er wesentlich weniger
zugesagt, als sogar Bush zugesichert hatte.
Eine andere Haltung Obamas in der Außenpolitik würde verlangen, dass
er auf direkte Konfrontation zum Establishment in der amerikanischen Sicherheitspolitik
geht. Der Irak ist längst nicht mehr das entscheidende Thema innerhalb
des Establishments. Der dort vorherrschende Konsens (wie auch in großen
Teilen der amerikanischen Öffentlichkeit) ist, dass der Truppeneinsatz
ein Erfolg war und der Krieg von selbst aufhören wird. Allerdings bedeutet
dies keinesfalls, dass das sicherheitspolitische Establishment nun ein geringeres
Interesse an der Durchsetzung des amerikanischen Drangs nach der alleinigen
globalen Dominanz hat, als während der Bush-Jahre. General McCrystal, der
zum großen Teil die amerikanischen Einsätze in Afghanistan leitet,
hat große Anstrengungen unternommen, um öffentlich für einen
Ausbau der Truppen in Afghanistan zu werben. Er ging dabei sogar so weit, in
Gesprächen mit der NATO eine Ausweitung des Truppenkontingents zu fordern,
noch bevor er dieses Thema überhaupt mit Obama besprochen hatte. Das US-Militär
hat sich im Irak nicht mit großem Aufwand bemüht, einen Umschwung
herbeizuführen, um jetzt in Afghanistan eine Niederlage einzugestehen.
Es ist vor allem eine Frage von Macht und Prestige, die erklärt, wieso
mehr als 30.000 weitere amerikanische SoldatInnen in ein Land geschickt werden,
in dem sich nach den eigenen Schätzungen des Militärs weniger als
hundert Al Kaida-Kämpfer aufhalten. Um die Forderungen des Militärs
nach einer deutlichen Aufstockung der amerikanischen Truppen in Afghanistan
abzulehnen, hätte sich Obama der Agenda eines sehr mächtigen Teils
des amerikanischen Establishments direkt entgegenstellen müssen. Allerdings
weist alles in seiner Biographie sowohl vor als auch nach der Wahl darauf hin,
dass diese Herangehensweise ihm zuwider läuft. Er ist jemand, der den Ausgleich
und den Kompromiss sucht, nicht die Auseinandersetzung selbst nicht für
die Prinzipien, für die er so inbrünstig eintritt, ganz zu schweigen
von denen, die er nicht vertritt.
Es gibt eine weitere objektive Komponente, die Obamas Handlungsmöglichkeiten
in der Außenpolitik einschränkt: das Ausmaß der Wirtschaftskrise.
Seine Reise nach Peking Ende 2009 war aus zwei Gründen verblüffend:
zum einen aufgrund seiner unterwürfigen Versuche, sich bei der chinesischen
Führung einzuschmeicheln, zum anderen durch das Weglassen jeglicher substantiellen
Forderung an die chinesische Regierung, politische Gefangene freizulassen und
die Menschenrechte zu achten. Man vergleiche Obamas Vorgehen mit dem von Bush,
der es ja sogar ablehnte, Hu Jintao ein offizielles Staatsbankett zu gewähren,
als dieser ihn während seiner zweiten Amtszeit in Washington besuchte,
und der auch nicht zögerte, von Zeit zu Zeit die chinesische Regierung
öffentlich zu kritisieren. Angesichts der Abhängigkeit von der chinesischen
Finanzierung des sich aufblähenden Haushalts- und Handeldefizits glaubt
Obama, es sich nicht leisten zu können, die chinesische Führung auf
diese Art und Weise zu behandeln.
All dies soll jedoch nicht verleugnen, dass Obama viel zur Wiedergutmachung
für die unilaterale und hasserfüllte Rhetorik der Bush-Administration
beigetragen hat. Eine Tatsache, die großen Anteil daran hat, dass viele
Menschen auf der Welt besonders große Hoffnungen an Obama und seine Administration
knüpfen. Allerdings spiegelt seine Herangehensweise aus meiner Sicht lediglich
die Erkenntnis eines bedeutenden Teils der herrschenden Elite wider, dass das
von Bush und Cheney bemühte Bild wer nicht für uns ist, ist
gegen uns sich bei der Durchsetzung US-amerikanischer Interessen als kontraproduktiv
erwiesen hat. Genauso wie es der Widerstand des militärischen Establishments
und der moderaten Republikaner war, der die antikommunistische Hexenjagd des
Joseph McCarthy in den 1950ern beendete, hat nun ein großer Teil der herrschenden
Klasse in den USA entschieden, dass die Vorgehensweisen von Bush und Cheney
ihre eigenen Interessen unterminierten. Dennoch, so wichtig der Wandel hinsichtlich
der Sprache und Verlautbarungen auch ist, es gibt wenig Indizien dafür,
dass Obama jemals mit den grundlegenden Zielen jenes Establishments im Konflikt
stand, dessen Anführer er jetzt ist.
Die wirkliche Herausforderung für die Linke in den USA heute ist es, eine
gut begründete Haltung gegen Obamas Politik zu entwickeln und dabei gleichzeitig
zu verdeutlichen, dass die größte Bedrohung für das Land heute
die wachsende Macht der rassistischen Rechten ist, die der Republikanischen
Partei eine populistische und reaktionäre Agenda verpasst. Ihre Versuche,
Obama als Teil einer liberalen Elite darzustellen, die keinen Bezug
zu den Interessen des einfachen Mannes hat, ist äußert
bedrohlich, gerade im Hinblick auf den Zustand der Wirtschaft und die extreme
hohe Arbeitslosenquote. Ganz egal was Obama in seiner Außenpolitik macht,
er wird sich einer wachsenden und sich stärker mobilisierenden Rechten
ausgesetzt sehen. Die sind derzeit besser organisiert und vereinter als die
Liberals oder die Linken.
Sie behaupten, dass es in der US-Außenpolitik seit Bush bisher nur
einen Wandel der Rhetorik gegeben hat. Hat die Obama-Administration nicht letztlich
das Ziel, die neokonservative Außenpolitik abzulösen, die der Welt
eine Ideologie der Freiheit und Demokratie vermittelte, aber in der Praxis Kriege
in vielen Teilen der Welt führte?
PH: Ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass Obama nur
Veränderungen der Rhetorik in der amerikanischen Außenpolitik bewirkt
hat. In einigen Reden hat er versucht, die muslimische Welt auf sehr respektvolle
Art und Weise anzusprechen das ist etwas für einen amerikanischen
Präsidenten ziemlich Einmaliges. Obwohl solche Fortschritte hauptsächlich
verbal geblieben sind, haben Worte dennoch Gewicht, wenn es darum geht, ein
weniger angespanntes globales Umfeld zu erzeugen.
Ich glaube schon, dass Obama von den wichtigsten Aspekten der neokonservativen
Außenpolitik abrücken möchte, da er viel weniger Unilateralist
als Bush ist und auch gemerkt hat, dass die US-Macht viel vorsichtiger ausgeübt
werden muss. Allerdings glaube ich nicht, dass der Welt Freiheit und Demokratie
zu bringen jemals ein Teil des neokonservativen Projekts war. Solche Behauptungen
aus ihren Reihen waren reine Rhetorik ohne jegliche Substanz. Wenn Bush ein
Interesse daran gehabt hätte, der Welt Freiheit und Demokratie
zu bringen, dann hätte er nicht Musharrafs Diktatur in Pakistan oder die
saudische Monarchie so eindringlich unterstützen können, wie er es
getan hat. Die Neocons haben sich der Rhetorik von Demokratie und Freiheit
erst relativ spät bedient, nachdem sich ihre Behauptung, der Irak besitze
Massenvernichtungswaffen, als Trugbild erwiesen hatte. Außerdem
gab es schon gegen Ende der Amtszeit von Bush erste Anzeichen, dass seine Administration
erkannt hatte, wie sehr die Durchsetzung ihrer Ziele im Alleingang sich als
kontraproduktiv erwiesen hatte. Obamas Außenpolitik stellt eine weitere
Distanzierung vom plumpen Unilateralismus des anfänglichen Bush-Ansatzes
dar, ohne jedoch einen grundlegenden Wandel in den Zielvorgaben durchzuführen.
Kevin Anderson (KA): Obama repräsentiert einige Veränderungen
im Hinblick auf die herrschenden Klassen der USA und ihres Imperiums. Grundsätzlich
gehört er einem pragmatischeren, realistischen Flügel der herrschenden
Klassen an. Viele aus dieser Klasse glaubten, dass seine Ethnizität und
seine familiären Beziehungen zu Afrika für einen positiven Einfluss
nach den Jahren unter Bush sorgen könnten, der selbst Verbündete der
USA gegen sich aufbrachte und den Widersachern der USA viele Angriffsflächen
lieferte.
Die Ergebnisse waren bisher jedoch sehr mager. Das wahrscheinlich beste Beispiel
für den marginalen Wandel unter Obama stellt seine Rede an die muslimische
Welt in Kairo dar, als er zwar einen anderen Ton als Bush anschlug, aber nur
wenige kritische Bemerkungen an Israel richtete. Letzten Endes hat er absolut
gar nichts gegen Netanjahu unternommen, als der seine Forderung nach dem Stopp
des Siedlungsausbaus unterlief. Obama ist zwar in Israel weiterhin sehr unbeliebt,
war aber bisher nicht besonders kritisch gegenüber Israel. So schwieg er
beispielsweise während des Kriegs in Gaza.
Zudem hat er den Krieg in Afghanistan stark ausgeweitet und die Zahl der Angriffe
in Pakistan auf Al Quaida und Taliban erhöht. Auch wenn einige auf Seiten
der Linken sich darüber schockiert oder enttäuscht geben, sollte dies
niemanden überraschen. Seine Kampagne, aus dem Irak abzuziehen, entwickelte
Obama nicht aus einer pazifistischen Position heraus, sondern um sich dem richtigen
Krieg in Afghanistan und Pakistan widmen zu können. Nichtsdestotrotz hegten
viele auf Seite der Linken Illusionen über Obama. Versagt hat er in seinem
eher kleinen Wahlversprechen, von der aggressiven Kriegsführung im Irak
währen der Bush-Ära abzukehren. Es gibt keinerlei Anzeichen für
einen ernst gemeinten Rückzug, und es ist bemerkenswert, dass Obama mit
Robert Gates den Verteidigungsminister der Bush-Ära - der eigentlich ein
Kriegsminister ist - beibehalten hat.
In Bezug auf Lateinamerika gab es ebenfalls ein paar kleinere Veränderungen,
insbesondere eine leichte Abschwächung des Konfrontationskurses gegenüber
Kuba. Allerdings hat sich hieraus wenig ergeben, da Obamas Außenpolitik
sich nicht allzu sehr von der amerikanischen Außenpolitik der vergangenen
fünfzig Jahre unterscheidet. Die tragischen Ereignisse in Honduras zeigen,
dass es keinen grundlegenden Wandel gegenüber Bush gegeben hat. Während
Obama die Putschregierung pro forma kritisierte, wurde nichts ernsthaft unternommen,
um sie aufzuhalten. Im Gegenteil hat er die Bemühungen des vereinten Lateinamerikas
unterminiert, der Putschregierung entgegen zu treten, indem er verkündete,
dass die USA die Ergebnisse der von der Putschregierung ausgerufenen Wahl nicht
ablehnen würden. Diese Wahl hat nun stattgefunden, obwohl schon ein mahnender
Telefonanruf der US-Regierung genügt hätte, um in einem so kleinen,
von US-Interessen abhängigen Land wie Honduras zu einem Kompromiss zu kommen.
Schließlich war es Honduras, das in den 1980er Jahren als Basis für
Reagans Contra-Krieg gegen das revolutionäre Nicaragua fungierte und damals
als gigantischer amerikanischer Flugzeugträger bezeichnet wurde.
Obama repräsentiert ein etwas gütigeres Gesicht des amerikanischen
Imperiums, es gibt jedoch keinen grundlegenden Wandel und auch nur ein paar
wenige kleinere Veränderungen. Er ist zu einer Zeit ins Amt gekommen, in
der die USA international geschwächt da standen, nicht nur aufgrund der
desaströsen Kriege, sondern auch weil die globale Wirtschaftskrise ihren
Kern in den USA hat und diese China und anderen Mächten zu neuer Macht
verhalf.
Der Friedensnobelpreis repräsentiert die etwas illusorische Hoffnung, dass
Obama wirklich für den Frieden arbeiten würde. Doch er demonstriert
auch, wie sehr die Welt darauf bedacht war, sich von der Bush-Administration
zu lösen. Gleichzeitig hat der Obama-Effekt die amerikanische und globale
Linke untergraben, indem er ihr eine weniger klare Angriffsfläche bietet,
insbesondere im Hinblick auf die Kriege im Irak und in Afghanistan. Die Linke
ist auch weiterhin verwirrt darüber, wie sie sich einerseits dem Krieg
in Afghanistan widersetzen kann und sich auf der anderen Seite gleichzeitig
dem reaktionären Fundamentalismus der Taliban oder Al Kaida widersetzen
soll. Die Linke hat sich hauptsächlich darauf beschränkt, allgemeine
Aussagen zum Ende des Krieges zu verkünden, ohne sich jedoch damit auseinanderzusetzen,
dass sich mit der Rückkehr der Taliban das Leben der Menschen in Afghanistan
mit Sicherheit nicht verbessern würde. Diese Tatsache, zusammen mit dem
Obama-Effekt, scheint bei der globalen Linken einen Stillstand bewirkt zu haben,
wie man an dem überraschenden Fehlen von Antikriegs-Demonstrationen im
gesamten Jahr 2009 sehen kann. Die einzige Ausnahme war der Krieg im Gaza vor
einem Jahr, allerdings haben sich die damaligen Demonstrationen nicht mit dem
Irak oder Afghanistan auseinandergesetzt.
Gibt es nicht sogar einen Wandel in der amerikanischen Außenpolitik, der
vollständig im Widerspruch zur euphorischen Sicht großer Teile der
globalen Öffentlichkeit steht? Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise
scheint die Obama-Regierung einen Schulterschluss mit China zu suchen und nicht
so sehr auf Menschenrechte zu beharren. Desweiteren steht ökonomischer
Protektionismus auf der Agenda - Buy American. Und der globale Umweltschutz
scheint weitaus unbedeutender zu sein als unter dem republikanischen Gouverneur
Schwarzenegger in Kalifornien.
KA: Die US-amerikanische Außenpolitik hat sich von den großen
Illusionen der Jahre 2001 bis 2003 etwas wegbewegt, laut derer die USA den Nahen
Osten (und eventuell auch Nordkorea) durch Regimewechsel mit militärischen
Mitteln hätte neu gestalten können. Aber diese Entwicklung hat nicht
mit Obama begonnen. Schon in den letzten Jahren war die Bush-Regierung dazu
gezwungen, im Irak eine zum Teil fundamentalistische schiitische Regierungskoalition
zu akzeptieren, die feindlich gegenüber Israel und keineswegs neoliberal
eingestellt ist. Dies rührt aus der Tatsache, dass der Irakkrieg
trotz eines partiellen Umschwungs im letzten Jahr das größte
militärische Desaster für die USA seit dem Vietnamkrieg darstellt.
Der Wandel wurde durch die Ablösung des oft großspurig militaristisch
auftretenden Verteidigungsministers Donald Rumsfeld durch den trägen und
bürokratischen Robert Gates eingeleitet.
Natürlich hängt all dies mit der Tatsache zusammen, dass neben der
Isolation der USA im Ausland, die schon früher entstanden war, nun auch
die amerikanische Öffentlichkeit von den militärischen Abenteuern
genug hatte. Und in wirtschaftlicher Hinsicht sind die USA sowohl durch Krieg
als auch durch die Wirtschaftskrise angeschlagen. Obama hat die Entwicklung
zum Ende der Bush-Administration fortgeführt und sich an einigen Fronten
noch etwas weiter zurückgezogen. Einer der deutlichsten Veränderungen
gegenüber der Bush-Ära liegt darin, dass Obama eine realistischere
Position zum Iran eingenommen hat, indem er die Androhung eines Angriffs durch
die USA oder die Ermunterung eines israelischen abgemildert hat.
PH: Politiker haben oft die Angewohnheit, gegen Menschenrechtsverletzungen
zu protestieren und andere Probleme in China anzusprechen, wenn sie für
ein Amt kandidieren. Sobald sie jedoch im Amt sind, verwerfen sie dies schnell
und versuchen dann noch nicht einmal den Anschein zu wecken, sie würden
Druck auf China ausüben. In dieser Hinsicht ist Obama nicht viel anders
als seine Vorgänger, wie etwa Clinton. Man muss bedenken, dass fast sein
gesamter außenpolitischer Stab schon der Clinton-Administration gedient
hat. Es gibt jedoch derzeit einige neue Entwicklungen in den Beziehungen der
USA zu China, da China im letzten Jahrzehnt deutlich mächtiger geworden
ist und die USA noch nie so abhängig von der Finanzierung seiner Verschuldung
durch China war.
Aus diesem Grund möchte Obama es um jeden Preis vermeiden, China vor den
Kopf zu stoßen. Diejenigen, die hiervon überrascht sind, haben sich
wahrscheinlich von Anfang an Illusionen über Obama gemacht. Gleichzeitig
hat Obama jedoch seine Bereitschaft signalisiert, die nationalökonomischen
Interessen der USA im Hinblick auf die ökologischen Fragen gegenüber
China zu verteidigen. Eine Ursache für das weitgehende Scheitern der Kopenhagener
Klimakonferenz war, dass die USA sich weigerten, Chinas Forderung zuzustimmen,
von den CO2-Reduktionen ausgenommen zu werden. Die Obama-Administration weist
Chinas Behauptung zurück, es sei immer noch ein Entwicklungsland und müsse
daher noch unter besonderen Vorzeichen behandelt werden. Diese Position war
jedoch zum größten Teil von Obamas Wunsch geprägt, keine Schwäche
im Angesicht einer ausländischen Großmacht zu zeigen. Er behält
dabei die republikanische Opposition in den USA im Auge, die ihn sofort attackieren
würde, sobald er irgendetwas unternimmt, das auch nur im Ansatz konträr
zu den Interessen der amerikanischen Wirtschaft stehen mag. Seine Haltung hat
aber nichts mit der ernsthaften Absicht seinerseits zu tun, China generell herauszufordern.
Ich würde auch das Ausmaß der aktuellen protektionistischen Tendenzen
in den USA nicht überbetonen. Obama ist genauso ein Anhänger des freien
Marktes wie seine Vorgänger, und er weiß ganz genau, dass einer
der wenigen Lichtblicke der amerikanischen Wirtschaft im vergangenen Jahr das
Wachstum der US-Exporte war. Da die amerikanischen KonsumentInnen nicht mehr
alleine in der Lage sind, die amerikanische Wirtschaft zu tragen, ganz zu schweigen
von der Weltwirtschaft, machen protektionistische Maßnahmen aus einer
bürgerlichen Sicht keinen Sinn.
In den Bush-Jahren haben sich viele linke Gruppierungen, auch in den USA, auf
einen simplen Anti-Bushismus beschränkt, oft in Kombination mit Antiamerikanismus,
kulturellem Relativismus und sogar Antisemitismus. Ideologien werden zwar nicht
mit einem neuen Präsidenten beseitigt, aber können Sie dennoch eine
objektivere Debatte innerhalb der Linken feststellen? Gerade auch vor dem Hintergrund
einer Desillusionierung über Obama?
KA: Ich habe bisher noch kein großes Umdenken in Bezug auf
Afghanistan oder Irak beobachten können. Die meisten Menschen in der Linken
haben ihre Positionen vor fünf oder mehr Jahren entwickelt und bleiben
ihnen verhaftet. Einige haben sich dem erwähnten vereinfachenden Typ des
Antiimperialismus verschrieben. Andere dagegen haben innerhalb ihrer antiimperialistischen
Position eine viel kritischere Haltung gegenüber den Taliban, dem fundamentalistischen
irakischen Widerstand usw. eingenommen. Zu den letzteren zählen Organisationen
wie Campaign for Peace and Democracy, ZNet, Bill Weinbergs World War 4 Report
und die US Marxist-Humanists. Die Desillusionierung über Obama wird bedeuten,
dass beide Seiten der Linken ihre Kritik stärker auf Obama fokussieren
werden. Allerdings führt dies nicht zwangsläufig zu einer kritischeren
Form des Antiimperialismus.
Es hat jedoch in den letzten sechs Monaten einige hitzige Debatten über
die iranische Demokratiebewegung gegeben. Von Beginn der massenhaften Proteste
gegen das Wahlergebnis an haben einige plumpe Antiimperialisten die Bewegung
abgetan, weil sie aus einer Minderheit der Mittelklasse oder einer westlich
gebildeten Elite bestehe. Zugleich behaupteten sie, dass Ahmadinejad die Wahl
tatsächlich gewonnen hatte. Den unverhohlensten Versuch dieser Art unternahm
James Petras, ein bekannter lateinamerikanischer Soziologe. Viele andere wurden
von der Umarmung Ahmadinejads durch Hugo Chávez beeinflusst. Selbst die
geachtete Monthly Review hat solchen Positionen viel Platz auf ihrer Internetseite
eingeräumt, was dann zum Rücktritt von Barbara Epstein führte,
einer der bekanntesten RedakteurInnen des Journals. In der Debatte um den Iran
waren jedoch die kritischeren Elemente der amerikanischen Linken in einer stärkeren
Position. Nahezu alle linken iranischen Intellektuellen sowohl im Land
selbst wie auch im Ausland unterstützen die Protestbewegung. Und
selbst Intellektuelle wie Noam Chomsky, der nach dem 11. September 2001 seine
Kritik an den Taliban und Al Kaida heruntergespielt hatte, unterschrieben Stellungnahmen,
die entweder die iranischen Proteste unterstützten oder zumindest ein Ende
ihrer brutalen Unterdrückung forderten. Umfassendere Unterstützungsbekundungen
und Analysen kamen aus den oben erwähnten kritischen antiimperialistischen
Kreisen. Dies kann beispielsweise in unserem Statement vom letzten Herbst, Support
the Iranian People's Movement against the Repressive Regime! nachgelesen
werden. Oder auf Frieda Afarys blog Iranian Progressives in Translation,
einer der vielen Quellen aus der iranischen Community, die die amerikanische
Linke beeinflussen.
Wie steht es um die Friedensbewegung hinsichtlich des Kriegs gegen den
Terror? Zu Beginn des Irakkrieges war sie in den USA eine Massenbewegung,
allerdings genauso wie sonst auch auf der Welt hauptsächlich von den oben
genannten Ideologien geprägt. Viele Menschen aus dem Spektrum der Demokratischen
Partei waren Teil dieser Bewegung und machten ihre ersten Erfahrungen mit staatlicher
Gewalt. Findet man noch irgendetwas von dem Geist dieser Bewegung in der gesellschaftlichen
Mitte?
PH: Die massive, jedoch kurzlebige Antikriegsbewegung, die 2002 und
2003 in Opposition zu Bushs Plänen im Irak entstanden war, hat tatsächlich
die verschiedensten Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund zusammengeführt.
Als jedoch klar wurde, dass Bush überhaupt kein Ohr für die KritikerInnen
seines Irak-Abenteuers hatte, schrumpften die Proteste dramatisch. In den letzten
Jahren gab es in den USA so gut wie gar keine linke Antikriegsbewegung mehr,
obwohl es hin und wieder zu Aufmärschen und Kundgebungen durch Gruppierungen
der traditionellen Linken kam. In der Zwischenzeit bewirkte die Obama-Kampagne,
dass viele KriegsgegnerInnen ihr Vertrauen in seine Wahl legten, statt den Versuch
zu unternehmen, die Antikriegsproteste zu revitalisieren. Allerdings gab es
in den vergangenen Monaten Anzeichen einer Erneuerung von Antikriegsaktivitäten.
Viele AnhängerInnen Obamas waren schockiert von seiner Ausweitung des Afghanistankriegs,
und eine ganze Reihe von Kundgebungen sind für diesen Frühling angekündigt.
Allerdings bleibt weiterhin das Problem, dass es notwendig ist, den Widerstand
gegen die Aufrüstung des US-Militärs so auszudrücken, dass dabei
keine Entschuldigung der Taliban oder eine Verharmlosung der wirklich sehr realen
Bedrohung durch terroristische Attacken auf die USA stattfindet. Die Antikriegslinke
hat zum großen Teil noch kein Mittel gefunden, um sich mit beiden Seiten
dieses Widerspruchs auseinanderzusetzen.
Gibt es Anzeichen einer alternativen Außenpolitik durch die
proletarische Bewegung? Etwa durch die Wobblies auf der einen, radikaleren Seite
und die offiziellen Gewerkschaften auf der anderen, reformistischeren Seite?
KA: Es hat einige Versuche gegeben, wobei diese eine Minderheitenposition
innerhalb der linken und der Antikriegsbewegungen einnehmen. Gruppierungen wie
die US Labor Against the War haben sich sowohl gegen den Krieg und die Besatzung
im Irak gestellt, als auch irakische Gewerkschaften unterstützt. Sie haben
diese neuen unabhängigen Gewerkschaften einerseits gegen Repressionen durch
die US-gestützte irakische Regierung unterstützt, andererseits auch
gegen fundamentalistische Gruppierungen.
Im Hinblick auf Afghanistan, wo die Arbeiterbewegung nicht sehr entwickelt ist,
hat es seit Jahren ähnliche Versuche gegeben, säkulare feministische
Gruppen wie die Revolutionary Association of the Women of Afghanistan (RAWA)
zu unterstützen und sich gleichzeitig dem Krieg zu widersetzen. Diese Themen
treten nun aufgrund der Ausweitung des Kriegs in Afghanistan durch sowohl US/NATO-Truppen
und die Taliban als auch durch des Übergreifens des Konflikts auf Pakistan
wieder stärker hervor.
Die Campaign for Peace and Democracy wird demnächst eine Stellungnahme
veröffentlichen, die die amerikanischen Drohnenangriffe in Pakistan kritisiert.
Sie hat schon vorher Erklärungen veröffentlicht, die stark auf die
Gefahren durch die Taliban hinweisen (siehe http://www.cpdweb.org/stmts/1014/stmt.shtml).
PH: Es hat Bemühungen in der amerikanischen Arbeiterbewegung gegeben,
einen höheren Grad der internationalen Zusammenarbeit zu entwickeln. Ein
Beispiel hierfür ist die Verbindung, welche die UE (United Electrical workers'
union) mit der unabhängigen Gewerkschaft FAT in Mexiko eingegangen ist.
Ein anderes Beispiel ist die von amerikanischen ArbeiterInnen geäußerte
Absicht, die Gründung unabhängiger Gewerkschaften im Irak und Iran
zu unterstützen, etwa im Rahmen von US Labor Against the War. Allerdings
sind diese Anstrengungen weiterhin relativ marginal und der jüngste wirtschaftliche
Abschwung hat das Schmieden solcher Verbindungen nur noch schwieriger gemacht.
Die meisten Gewerkschaften in den USA sehen ArbeiterInnen im Ausland als KonkurrentInnen
der amerikanischen ArbeiterInnen. Die etwas progressiveren Gewerkschaften sehen
sich in den USA vor eine ganze Reihe schwieriger Herausforderungen gestellt.
Es stimmt, dass die aktuelle Krise prinzipiell einen guten Grund für ArbeiterInnen
darstellt, einen globalen Kampf wieder aufzunehmen. Aber wenn die
Gewerkschaften sich unmittelbaren Problemen wie Einschränkungen ihrer Organisationsmöglichkeiten
(welche die Obama-Administration nicht aufgehoben hat, trotzt ihrer früheren
Versprechen) und einer sinkenden Mitgliederanzahl durch Entlassungen ausgesetzt
sehen, dann scheinen die materiellen Bedingungen für einen solchen Internationalismus
nicht gegeben zu sein. Es wäre leichter, die Ausweitung internationaler
Verbindungen zu einem Zeitpunkt zu thematisieren, wenn die Verhandlungsmacht
der Gewerkschaften am Wachsen ist. Dies ist jedoch heute in den USA nicht der
Fall. Umso wichtiger ist es allerdings, dass kleinere Gruppen radikaler AktivistInnen
und DenkerInnen wenigstens die Idee einer solchen internationalen Solidarität
am Leben erhalten.
Peter Hudis ist Dozent für Philosophie am Oakton Community College.
Kevin Anderson ist Professor für politische Wissenschaft an der University
of California in Santa Barbara. Beide sind Mitgründer der Gruppe U.S. Marxists
Humanists, eine der verschiedenen Organisationen in der Tradition des US-amerikanischen
marxistischen Humanismus.
Das Interview führte Simon Birnbaum. Übersetzung: David Jüngst