Plauderstündchen mit Fidel Castro
Oliver Stone begleitet in seiner Dokumentation "Comandante" drei Tage lang den kubanischen Máximo Líder.
von Felix Schmieding
Kuba, Revolution und Fidel Castro gehören zusammen. Um den Mann, der seit über 40 Jahren auf Kuba regiert, näher kennen zu lernen, reiste der US-amerikanische Regisseur Oliver Stone ("Platoon", "JFK") im Jahr 2002 nach Kuba und traf den damals 76-jährigen. Mit dabei: Ein Filmteam und mehrere Kameras. Auf den ersten Blick eine Brisanz versprechende Mischung. Bei der Betrachtung Stones persönlicher und filmischer Vita wird jedoch schnell klar, dass das Zusammentreffen ohne Eklat ablaufen wird: Stone gilt als Gegner der gegenwärtigen US-Administration und ist kritischer Vietnamveteran. Dreißig Stunden sprachen die beiden Männer miteinander. Daraus entstand eine 99minütige Dokumentation, deren Ausstrahlung Stones Auftraggeber, die Fernsehanstalt HBO, absagte, weil sie zu "unkritisch" sei. In Deutschland läuft der Film seit dem 13. Januar im Kino.
Die zwei Männer sprechen über Bürosport, Sophia Loren, Charlie Chaplin-Filme, Rasieren, Evolutionstheorien und Viagra. Politische Fragen werden kaum gestellt, politische Antworten noch seltener gegeben. Wenn Stone doch einmal nach Castros potentiellem Nachfolger oder nach Guantanamo fragt, lässt Fidel ihn auf seiner Frage sitzen und weicht aus. Nachgehakt wird nicht.
Unterstützt wird das ganze von einem wilden Mix historischer Filmaufnahmen, der die Geschichte Fidels und der kubanischen Revolution Revue passieren lässt: Fidel als Redner vor jubelnder Menge, Ernesto "Che" Guevara und andere "compaņeros" in der Sierra Maestra, und natürlich die Kubakrise.
Es wird klar, dass Fidel ein guter Rhetoriker ist und war, seine stärksten Tage aber hinter sich hat. Seine Stimme ist leise, seine Gedanken manchmal ungeordnet. Dennoch genießt der alte Mann das Gespräch sichtlich; er liebt es, sich selbst zu inszenieren und eine immer noch "Fidel!" jubelnde Menge persönlich zu begrüßen. Selbstbewusst ist der "Comandante" nach wie vor. Er präsentiert der Kamera, wie er kaum bewacht durch die Strassen Havannas läuft und sich vollkommen sicher fühlt. Die Passanten sind begeistert.
Castro beschreibt sich selbst als "Sklave im Büro", der seit zehn Jahren ohne Urlaub ist. Sein Training besteht aus dem Umherlaufen im Büro. Energisch und entschlossen schreitet er voran, wie ein Revolutionär auf dem Weg zu einer entscheidenden Schlacht - jedoch nur von der Tür zum Konferenztisch. Castros Haltung passt nicht in seine nun alltägliche Umgebung. Er kämpft nicht mehr Mann gegen Mann und vermisst das. Zwischendurch gibt es Momente, in denen er in Erinnerungen zu versinken scheint. Seine Augen scheinen für einen Moment zu leuchten, wenn er erzählt, wie er bei einer Belagerung das Gewehr in die Hand nähme und kämpfen würde, bis zum Tod. Oder wie er einst in einer Verhandlung 25 Jahre Haft für einen Angeklagten forderte. Castro als Kämpfer, Castro als Jurist.
Die Bilder zeigen eine andere Realität: Castro als Büromensch, Castro als händeschüttelnder Staatsmann.
Als Castro und Stone die Rückbank einer Staatskarosse teilen, kommt es zu Momenten, die das persönliche Portrait des "Comandante" bereichern: Fidel Castro scherzt locker und unverklemmt mit dem amerikanischen Regisseur über Schusswaffen und Geheimdokumente. Es folgen, über den Film verteilt, weitere Szenen, in denen Castro sich erstaunlich humorvoll zeigt. Stone: "Wenn Bush nach Kuba käme, hätten Sie ein großes Problem." Castro: "Wieso? Wir würden schon gut auf ihn aufpassen."
Am Esstisch wird große Politik besprochen und bleibt auf Stammtischniveau: Nixon war ein "Heuchler" und "politischer Kleingeist", Chrustschow dagegen ein "schlauer Bauer".
Wenn Castro doch einmal politisch wird - z.B. wenn er die "Nationale Sicherheit der USA" als heiligen Satz bezeichnet, der nie seine Wirkung verfehlt -, spricht er dem regierungskritischen Oliver Stone aus der Seele, was dieser sogleich nutzt, um mit eingeschobenen Bildern Seitenhiebe gegen die Bush-Administration auszuteilen.
Filmisch setzt der Regisseur auf eine unruhige und wacklige Handkamera, die den alten Mann hauptsächlich in ultranahen Nahaufnahmen oder aus der Zwergenperspektive zeigt. Zoom auf Castros Pupillen, seine Fingernägel, seine Altersflecken. Hin und wieder zeigt der Blick der Kamera kleine, scheinbar ironische Details auf: Castro trägt Nike-Turnschuhe und fährt Mercedes. Derweil hat der Zuschauer permanent mit dreifachem sprachlichen Input zu kämpfen: Castro spricht spanisch, seine Dolmetscherin übersetzt synchron auf Englisch, dazu kommen die deutschen Untertitel.
Mit "Comandante" hat Stone vor allem eines geschaffen: Einen Film, der zwei alternde Männer zeigt, die beide auf ihre Weise Rebellen waren und es gerne immer noch wären.
Fidel Castro, der die kubanische Revolution anführte, verbringt heute die meiste Zeit am Schreibtisch. Nur seine Liebe zum Debattieren und zur Selbstdarstellung hat er erhalten.
Oliver Stone, der mit bisherigen Filmen gegen Krieg und Ungerechtigkeit wetterte, schuf weder einen Film, der das Bild einer anderen Weltordnung zeichnet noch einen, der die kubanische Realität aufzudecken versucht. Er ist eher eine Art moderner Hoffotograf.
Der persönliche Blick, der dadurch auf eine der wohl interessantesten Persönlichkeiten der Weltgeschichte frei wird, ist leider unpolitisch und unkritisch, aber dennoch sehenswert und offenbart vor allem eines: Der Revolutionär Fidel Castro ist gealtert, beherrscht aber immer noch das Spiel mit der Kamera.
Felix Schmieding ist Mitarbeiter im iz3w.