Im Handgepäck Rassismus | Beiträge zu Tourismus und Kultur
|
Bilderwelten im Reisekatalog... Ganz
Kenia in einem Dorf...Gestrandet an
der Costa del Sol... Begehren nach
Eroberung...Traumwelt Tibet... Das
UnBehagen in den Kulturen...Wild...,
Fremd..., Frau... Das Buch geht auf konkreter wie theoretischer Ebene den vielfältigen Zusammenhängen zwischen Tourismus und Rassismus nach. Radio "Wüste Welle" hat eine Rezension des Buches übertragen, die beim Audioportal Freier Radios als Download zur Verfügung steht. von FernWeh – Forum Tourismus & Kritik [ iz3w, 2002 ] 220 Seiten, € 15,- ISBN 3-922263-19-4 |
Inhaltsübersicht
Das Erlebnis der Grenze
Über die Verwandtschaft von Rassismus und Tourismus
|
von Tina Goethe
Reise und Rasse
Tourismus als Motor globaler Klassenbildung
|
von Hito Steyerl
Gestrandet
Von Fremden und Allzufremden an der Costa del Sol
|
von Dominik Bloedner
Das Begehren nach Eroberung
Ein Versuch, die sexuelle Ökonomie neu zu kodieren
|
von Ursula Biemann
Wild-Fremd-Frau
Weiblichkeitsbilder im Tourismus
|
von Rosaly Magg
Das Un-Behagen in den Kulturen
Multikulturelle Gesellschaft auf Reisen
|
von Christopher Vogel
Das "Andere"
Eine postkoloniale Erzählung
|
von Nina Rao
Das ganze Land in einem Dorf
Die 'Bomas of Kenya'
|
von Martina Backes
Mit weißem Blick
Bilderwelten im Reisekatalog
|
von Jessica Olsen
Traumwelt Tibet
Westliche Trugbilder
|
von Martin Brauen
Das gekaufte Anderssein
Erfahrungskonsum in der Fremde
|
von Martina Backes
Farbenblind
Die Wiederkehr des Rassismus auf Kuba
|
von Alejandro de la Fuente
Der Mann mit dem Stiefel
Fotografie und touristisches Verhalten
|
von Christiane Schurian-Bremecker
Einheimische zum Mitnehmen
Interview mit der Fotografin Marily Stroux über Rassismus in Bildern
Begegnungen auf gleicher Augenhöhe?
Das Workcamp als Ort interkulturellen Lernens
|
von Nikolaus Ell
Martina Backes Tina Goethe, Stephan Günther, Rosaly Magg (Hg.)
Verlag informationszentrum 3. welt (iz3w)
Postfach 5328
79020 Freiburg
www.iz3w.org
ISBN 3-922263-19-4
1. Auflage 2002
Rezension: ila 262/ Februar 2003
Multi-Kulti-Rassismus | Pflichtlektüre für alle reisenden Gutmenschen:"Im Handgepäck Rassismus" des iz3w
Ein materialreiches Buch mit Beiträgen zu Tourismus und Kultur, wie es im
Untertitel heißt, hat eine AutorInnengruppe im Verlag des Freiburger
Informationszentrums Dritte Welt (iz3w) vorgelegt. In 15 Artikeln werden
zahlreiche Facetten des Themas bearbeitet. Erkenntnisleitend ist immer die
Frage, wie TouristInnen ihre Sicht und Wahrnehmung, ihr Verständnis der Welt
auch in die bereisten Welten tragen. Das ist nicht alles neu, aber oft
schärft es den Blick für bis dahin nur Geahntes oder vage Wahrgenommenes.
Die AutorInnen sind um Verständlichkeit bemüht, weitgehend ist ihnen das
auch gelungen, aber wer bisher keinerlei Berührungspunkte zu postmodernen
Argumenta-tionsweisen und Denkstrukturen oder der jün-geren
antirassistischen Diskussion hatte, wird dennoch ein wenig Bereitschaft
mitbringen müssen, sich auf neue Gedanken und Begründungen einzulassen.
Da geht es etwa um die Verwandtschaft von Rassismus und Tourismus in Bezug
auf die Wahrnehmung, ja aktive Schaffung von Differenz und Grenze. Es "wird
die These vertreten, dass der auf der Annahme und Herstellung kultureller
Differenzen basierende Tourismus zum Erhalt der symbolischen Ordnung der
Welt beiträgt" (Tina Goethe, S.15). Teil dieser symbolischen Ordnung ist der
Rassismus, der heute nur noch selten offen als solcher in Erscheinung tritt;
die Rede von der "Rasse" ist out, heute heißt das "Kultur" - und erfüllt
denselben Zweck: "Kultur war stets vergleichend; und Rassismus war von jeher
wesentlicher Bestandteil von Kultur. Sie sind untrennbar miteinander
verwoben, bedingen sich gegenseitig. Rasse wurde schon immer kulturell
konstruiert und Kultur wurde schon immer rassisch konstruiert." (T. Goethe,
S. 26, R. C. Young zitierend).
Diesem Gedanken folgend geht Hito Steyerl in einem eigenen Beitrag der Frage
nach, wie der Tourismus als Teil der globalen Klassenbildung funktioniert
und während der letzten 200 Jahre kolonialistischer Geschichte funktioniert
hat. Dabei arbeitet er besonders heraus, dass die vom Tourismus produzierte
Arbeitsteilung nicht nur rassistische, sondern auch patriarchale,
sexistische Muster erzeugt und bestärkt (S. 29-42). Beide Gedanken werden in
mehreren Artikeln weiter ausgeführt. Alejandro de la Fuente etwa (S.
163-174) untersucht die Beschäftigungsverhältnisse in der cubanischen
Tourismusindustrie in Bezug auf die Hautfarbe der Angestellten und ihre
Rolle im Business. Er kann nachweisen, dass AfrocubanerInnen kaum noch
eingestellt werden, weil sie als unattraktiv gelten. Waren sie in der
Branche in Bezug auf ihren Bevölkerungsanteil vor Ausbau des Tourismus zum
Devisenbeschaffer noch überrepräsentiert, so findet man sie heute nur noch
gelegentlich in Bereichen, die keinen KundInnenkontakt haben. Dabei geht
diese Beschäftigungspraxis nicht auf Wünsche der TouristInnen zurück,
sondern ausdrücklich auf die Vorstellung, die die cubanischen
Tourismusunternehmer von diesen Wünschen haben - und verweist damit auch auf
die tief sitzenden rassistischen Klischees in der cubanischen Gesellschaft.
Sexuelle Phantasien und Versprechungen sind wesentlicher Teil des
Tourismusgeschäfts. Das beginnt schon bei der Werbung und im Katalog (der,
ganz nebenbei, die Aufgabe hat, etwas, das von so vielem abhängig ist - dem
eigenen Verhalten, dem Zufall, fremden Menschen oder dem Wetter - nämlich
einen angenehmen Urlaub, als Ware darzustellen, auf die ich Zugriff haben
könnte wie auf ein Ei im Supermarkt: Ich zahle und krieg's - Jessica Olsen,
S. 119 - 132) und findet seine konkreteste Form im Sextourismus. Generell
wird im Tourismus "die Fremde sexualisiert und die Frau exotisiert":
"Sexuelle Metaphern von der Entdeckung ’jungfräulichen Gebietes' oder der
Penetration des ’dunklen Kontinents' beinhalten nicht nur sprachliche,
sondern auch tatsächliche Vergewaltigungsphantasien." (Rosaly Magg, S. 71
und 76)
So sehr TouristInnen für gewöhnlich sich nicht scheuen schamlos in die
Intimsphäre der Bereisten einzudringen - dazu ein hoch interessanter Artikel
von Christiane Schurian-Bremecker (S. 175-190) über eine touristische
Hauptbeschäftigung, das Fotografieren, und ein Interview mit der Fotografin
Marily Stroux (S. 101-200) -, so sehr betonen verschiedene AutorInnen, dass
sowohl die TouristInnen wie die Bereisten eine Wahl haben: Touristische
Attraktionen wie die "Bomas of Kenya" (Artikel von Martina Backes, S.
107-118), wo imaginierte afrikanische Dorfwelten als Touristenattraktion
dargestellt werden, sind für beide Seiten als Inszenierungen durchschaubar
und werden auch als solche erkannt - und prägen dennoch subtil Anschauung
und Verhalten.
Kein einfaches Buch also, aber eines, das den Blick auf uns selbst lenken
kann und will: "Vielleicht sollten wir uns erst mal um die Zustände im
eigenen Land kümmern, Voraussetzungen schaffen, die erholsame Lebensumstände
vor der eigenen Tür ermöglichen und im Alltag den Blick über den Tellerrand
wagen." (Christopher Vogel, S.95)
von Werner Rätz