Editorial | Zwischen den Welten
Tagsüber von neun bis fünf arbeitet er als Postmann in einer niederländischen
Großstadt, ab sechs Uhr abends kontrolliert er Studentenausweise in einem
Sportzentrum. Das Wochenende verbringt Moses häufig in Belgien, als Kajakfahrer
leitet er Bootstouren in den Ardennen. Von Mitte Juni bis Ende August führt
der 35-jährige Abenteuerreisende über die Stromschnellen des Zambezi
unterhalb der Viktoria Fälle. Für zwei Monate im Jahr besucht der
gebürtige Sambier hier seine Familie, die in einem Dorf nahe der spektakulären
Schlucht liegt.
Als kleiner Junge rannte Moses den Trucks mit den TouristInnen hinterher, die
hier auf der Rückkehr von ihrer Zambezi-Tagestour vorbeifuhren. Als junger
Mann trug er tageweise die Boote der ausländischen Veranstalter aus der
steilen Schlucht hinaus. Wegen des geringen Verdienstes wurde er zum Gespött
des Dorfes, gute Zukunftsaussichten konnte sich niemand vorstellen. Als sich
über die Jahre eine Vertrauensbasis zwischen Moses und seinem Chef bildete,
bot dieser ihm eine Ausbildung als Raftguide an - ein Job, der bis dahin den
weißen Immigranten aus Europa und Südafrika vorbehalten war. Trainingsaufenthalte
in den USA, in Australien und in Costa Rica waren die ersten Auslandserfahrungen,
dann wurde Moses einer der ersten schwarzen Raftguides auf dem Zambezi. Inzwischen
hat er in Österreich für ein deutsches Unternehmen die Alpenflüsse
befahren. Seine niederländische Frau hat er vor einigen Jahren in Sambia
bei einer Bootsfahrt auf dem Fluss kennen gelernt.
as Aussehen des Dorfes hat sich seit seiner Kindheit kaum gewandelt: Lehmhütten
mit Strohdächern inmitten einer trockenen Savannenlandschaft, in der die
Elefanten regelmäßig die Ernte platt trampeln. Es gibt kein öffentliches
Transportwesen, kaum Wasser, nur eine kleine Grundschule, keine Gesundheitsstation,
nicht einmal ein Kiosk, nur ein Fußballfeld für die Kinder. Wenn
der Truck des Adventure-Unternehmens hier nachmittags für eine halbe Minute
hält, weil die Träger abspringen, machen die TouristInnen von ihren
Hochsitzen aus Fotos von der Dorfszenerie.
Das globalisierte Milieu, in dem viele der (Ex-)DorfbewohnerInnen leben, und
die ökonomischen und materiellen Verflechtungen, die sich daraus ergeben,
sind den Lehmhütten auf den ersten Blick nicht anzusehen. Immer noch laufen
die kleinen Jungs zum Truck mit den vorbeifahrenden TouristInnen, und immer
noch arbeiten die jungen Männer aus dem Dorf als Träger, vornehmlich
diejenigen, die nicht Schwimmen können und kein Englisch sprechen. Nur
einige wenige haben die Chance, zum Guide aufzusteigen. Moses pendelt zwischen
den Welten. Er ist ein Idol für die Jugendlichen im Dorf. Die einheimischen
Kollegen fragen ihn, wie er es anstellt, von den Weißen respektiert zu
werden. Und die Dorfältesten argwöhnen, dass er sich inzwischen lieber
mit den Weißen trifft als mit seinen ehemaligen Schulfreunden im Dorf.
Dem touristischen Blick bleiben diese Nuancen oftmals verborgen. Die unterschiedlichen
Lebensgeschichten und die vielfältigen interkulturellen Erfahrungen der
DienstleisterInnen, die flugs zwischen den kulturellen Standards der Herkunftsländer
der TouristInnen und ihren eigenen unterschiedlichen Lebenswelten hin- und herwechseln
können, werden selten erkannt. Viele TouristInnen bleiben stattdessen einem
Afrikabild verhaftet, das aus exotischen Tierwelten, primitivem Leben in der
Wildnis und dadurch vor allem aus eigenen Entdecker- und Abenteurermythen besteht.
Erst die Familiengeschichte von Moses offenbart, wie globalisiert das Milieu
ist, in dem die DorfbewohnerInnen leben. Der jetzt 78-jährige Vater war,
nach mehreren Jahren Arbeit in Südafrika, als Koch in der Küche des
staatlichen Hotel Interkontinental in Sambia tätig. Die Schwester arbeitet
als Rezeptionistin in einer Mittelklasse-Lodge in der Stadt. Ein Bruder ist
Träger und wartet seit nunmehr sechs Jahren auf die Chance, auch einmal
eines der Boote fahren zu dürfen, die er täglich für zwei Dollar
pro Tour in die Schlucht und wieder hoch trägt. Zwei andere Brüder
haben es inzwischen bis zum Raftguide geschafft, einer von ihnen ist sogar in
der Schweiz gewesen. Der älteste Bruder verkauft Schnitzfiguren auf einem
Souvenirmarkt am Parkeingang zu den Victoria Falls.
Aufgrund der Wirkungsmächtigkeit der touristischen Bilder scheint es keineswegs
selbstverständlich, dass die komplexen Realitäten der BewohnerInnen
in den Reiseländern wahrgenommen werden. Die Eindrücke werden gefiltert
durch vorgefertigte Klischees und Interpretationsmuster, von denen sich niemand
leicht lösen kann. Viele der möglichen Eindrücke auf Reisen werden
ausgeblendet oder fallen durch, weil sie nicht in das touristische Vorstellungsraster
passen.
Das touristische Wissen beeinflusst aber auch den Blick auf MigrantInnen zuhause
und anderswo - und die Einordnung dessen, was in der Tagesschau aus fernen Ländern
berichtet wird. Der Blick auf den sambischen Postmann in Holland oder den Schlauchbootführer
auf dem Alpenfluss wird von den Vorkenntnissen geleitet, die für "Afrika"
stehen und die zum Teil erst von der touristischen Bilderwelt erzeugt und vermarktet
werden. Hinzu kommt, dass die Perspektiven der beschäftigten DienstleisterInnen,
ihre Erwartungen und auch ihr Widerstand, kaum in den Medien repräsentiert
sind. Störende oder einfach nur andere Sichtweisen irritieren das Urlaubswissen
somit nur selten.
Genau diesen Irritationen des touristischen Blicks sind die Geschichten und
Bilder dieses Sammelbandes auf der Spur. Teils ernsthaft, teils ironisch handeln
die hier veröffentlichten Romanauszüge und Kurzgeschichten von Begegnungen
und Nicht-Begegnungen auf Reisen und von den Erlebnissen an der Grenze der gebuchten
Vorstellungswelten. Die AutorInnen erzählen von Situationen, in denen sich
für sie Fenster zur Parallelwelt öffneten, weil sie den Geschehnissen
hinter der touristischen Inszenierung ihre Aufmerksamkeit schenkten oder sie
touristische Vergnügungswelten und ihre eigene Rolle als TouristIn als
widersprüchlich oder sogar abstoßend empfanden. Der gewählte
Begriff der Parallelwelt ist dabei bewusst mehrdeutig. Je nach Perspektive stellt
entweder der Alltag der lokalen Bevölkerung oder die touristische Erfahrungswelt
eine nur bedingt zugängliche und dadurch fremd erscheinende Welt dar.
"Fenster zur Parallelwelt" möchte durch die Konfrontation mit
anderen, ungewohnten Perspektiven neue Einblicke und Ausblicke auf die komplizierten
Beziehungen zwischen TouristInnen und DienstleisterInnen ermöglichen, Wiedererkennungseffekte
anregen oder als Spiegelungen einen Blick zurück auf die eigene Bilderwelt
über die Fremde werfen. Damit eröffnen sich Möglichkeiten, die
Perspektiven zu wechseln und immer wieder Überraschungen zu erleben.
Die Zusammenstellung von Reisegeschichten und Bildern aus der FernWeh-Wander-Ausstellung
"Beyond Paradise" führt auf eine imaginäre Reise über
sieben Stationen. Beginnend mit Impressionen aus der (Reise-)Werbung und Reisevorbereitungen
wird der Blick auf klassische Reisesituationen gelenkt. Vor Ort gilt die Aufmerksamkeit
den Blickfängen der touristischen Parallelwelten, der lokalen Reisewerbung
und der Schwierigkeit, als ReisendeR nicht auch immer wieder TouristIn zu sein.
Extrem wird die Exotik dort, wo die Schattenseiten des Urlaubs eine nervenkitzelnde,
aber kontrollierbare Abwechslung versprechen. Klassische und (post-)koloniale
Dienstleistungssituationen gehören zu den Reiseerfahrungen, die gerne romantisiert,
touristisch verklärt oder auch völlig ausgeblendet werden - insbesondere
die Berührungspunkte zwischen Migration und Tourismus. Die Gegenüberstellung
von touristischen Blicken auf die Migration und migrantischen Perspektiven auf
Tourismus verdeutlicht, wie verflochten die beiden Mobilitätsphänomene
Tourismus und Migration sind. Am Ende schlägt die multikulturelle Bilderflut
den Bogen zurück: denn je nach Perspektive ist "nach der Reise"
auch wieder "vor der Reise".
Martina Backes · Rosaly Magg · Steffen Schülein FernWeh
2006
Wir möchten allen Verlagen und AutorInnen danken, die uns die hier
abgedruckten Reisegeschichten zur Verfügung gestellt haben. Ohne ihre freundliche
Abdruckgenehmigung hätte dieses Buch nicht entstehen können! Außerdem
gilt unser Dank allen FotografInnen, deren Bilder für die Ausstellung "Beyond
Paradise - Stationen des touristischen Blicks" (2005) in diesem Buch abgedruckt
sind. Ihr detailreicher und kritischer fotografischer Blick auf die Fremde hat
uns dabei geholfen, die vielfältigen Begegnungen auf Reisen in Worte und
Bilder zu fassen.