Real Life Economics | Perspektiven der Globalisierung und der internationalen Solidarität

Die Durchsetzung der kapitalistischen Globalisierung führt in Süd wie Nord zur Marginalisierung großer Bevölkerungsgruppen. Während sozialstaatliche Absicherung und formale Beschäftigungsverhältnisse abgebaut werden, entstehen an den Rändern der Gesellschaft neue Formen des sozioökonomischen Gegen- und Miteinanders: real life economics. Ob diese vielfältigen Aktivitäten im Bereich der so genannten Schattenwirtschaft die Keimzelle neuer sozialer Bewegungen werden oder zur Barbarisierung führen, hängt von der Richtung ihrer Politisierung ab.

von der medico-Projektgruppe real life economics


Im dritten Jahrzehnt neoliberaler Globalisierung sind nahezu sämtliche Politiken ªnachholender Entwicklung´ gescheitert. Der globalen Konkurrenz des transnationalen Kapitals ausgeliefert, werden die meisten Länder des Südens wie des Ostens stärker als je zuvor auf den Status der ªPeripherie´ erniedrigt. Wo er nicht vollständig zusammengebrochen ist, fungiert der postkoloniale Entwicklungsstaat als Vermittlungsagentur der ªStrukturanpassungsprogramme´, durch die der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank die globale Durchsetzung von Freihandel und Marktwirtschaft erzwingen. Damit sind die Hoffnungen - oder besser: die Illusionen - hinfällig geworden, die mit ihm verbunden waren. In der Hand siegreicher Befreiungsbewegungen sollte der Staat zum Instrument der planmäßigen Entwicklung der jeweiligen Nationalökonomie werden. In einem ersten Schritt sollten die Grundbedürfnisse der Menschen gesichert, auf lange Sicht der ªAnschluss´ der entkolonialisierten Gesellschaften an die Erste Welt der ªIndustrienationen´, wenigstens aber an die Zweite Welt der staatssozialistischen Länder erreicht werden.

Der im Prozess der kapitalistischen Globalisierung erzwungene Bankrott dieses Entwicklungsmodells hat jedoch Millionen von Menschen so radikal marginalisiert, dass ihre (Wieder-)Eingliederung in einen industriellen Verwertungsprozess nicht einmal mehr vorgesehen ist. Weil weder der zur Beute von Eliten verkommene Entwicklungsstaat noch dessen niederkonkurrierte Ökonomie für diese Menschen Verwendung haben, suchen sie ihr Auskommen in den ªinformellen Sektoren´ der so genannten ªSchattenwirtschaft´, also jenseits staatlicher oder Çformeller' privatkapitalistischer Sektoren der Ökonomie. Wo selbst dies nicht mehr möglich ist, sind Krieg oder Migration die letzte Chance eines immer prekäreren Überlebens.

Umkehr der Perspektive

Diese Dynamik des Globalisierungsprozesses beschränkt sich nicht auf die Çklassische' Peripherie, die Länder des Südens. Längst lässt sich eine zunehmende ªPeripherisierung´ in großen Teilen der Metropolen ausmachen. Auch hier ist dies mit einer Transformation der Staatlichkeit und einem Prozess der De-Industrialisierung verbunden, wenn auch unter anderen materiellen und ideologischen Ausgangsbedingungen. Dabei spiegelt sich das Schicksal des postkolonialen Entwicklungsstaats im Abbau des metropolitanen, fordistischen Sozial- und Wohlfahrtsstaats. Dessen strategisches Ziel lag in der ªsozialpartnerschaftlichen´ Institutionalisierung der Klassenkämpfe durch die Integration der IndustriearbeiterInnen in die bürgerliche Gesellschaft. Ziel der heutigen De-Regulierung des Sozialstaats ist jedoch nicht - wie von den Neoliberalen behauptet - die Entstaatlichung der Gesellschaft, sondern deren Unterwerfung unter eine neue Form der Staatlichkeit. Die zentrale Aufgabe des postfordistischen ªWettbewerbsstaats´ liegt in der ªFlexibilisierung´ der Arbeitskraft zugunsten ihrer bestmöglichen Verwertung in der Weltmarktkonkurrenz. Infolge der dabei erzielten Produktivitätssteigerungen kommt es zur dauerhaften ÇFreisetzung' nicht mehr verwertbarer Arbeitskraft. Unter dem Druck struktureller Massenerwerbslosigkeit werden jetzt auch in den Metropolen informelle Arbeitsverhältnisse durchgesetzt, in denen ein existenzsicherndes Einkommen oft nicht mehr erzielt wird.

In diesem Prozess kehrt sich die Perspektive der Entwicklung um: Bildete bisher der Norden das Modell der ªnachholenden Entwicklung´ des Ostens und Südens, so gleichen sich die Verhältnisse in der Metropole jetzt tendenziell denen der Peripherie an. Wachsende Zonen der Verelendung umschließen vereinzelte Wohlstandsinseln, die sich quer zur Spaltung von Metropole und Peripherie in allen Ländern finden, z.T. gegenläufig zum Verelendungsprozess erst entstehen. So bildet sich ein archipelisiertes Weltsystem heraus, das von immer enger vernetzten Zentren der kapitalistischen Akkumulation - etwa den Global Cities - gesteuert und von ihrer unbesiegbar gewordenen Militärmacht imperial gesichert wird.

Wiederkehr der Proletarität?

In den 90er Jahren versuchte der Historiker Karl Heinz Roth, diesen Prozess mit der These von der ªWiederkehr der Proletarität´ sozialrevolutionär zu deuten. Roth zufolge kommt es ªbei allen auch weiter fortwirkenden Differenzierungen (...) (zu) einer weltweiten Nivellierung der Klassenlagen, die die bisherigen Unterschiede zwischen Erster, Zweiter und Dritter Welt ebenso aufhebt wie alle bisherigen Strategien zur Çnationalen' Fixierung von sozialen Emanzipationsbewegungen.´ Da unter den Bedingungen des globalisierten Kapitalismus nationalstaatlich begrenzte Emanzipationsmodelle sinnlos geworden seien, kann soziale Emanzipation für Roth ªnur noch international gedacht und praktiziert werden´.1
Tatsächlich aber hat die tendenzielle ªNivellierung der Klassenlagen´ gerade nicht zur Herausbildung eines geeinten Weltproletariats geführt. Im Gegenteil, im härter werdenden Kampf um die Ressourcen des Überlebens verschärfen sich die rassistischen, ethnizistischen und sexistischen Spaltungen: Wo tendenziell alle von Verelendung und Entrechtung bedroht sind, kommt es immer häufiger zu einer mörderischen ªEthnisierung des Sozialen´. Deren Gewalttätigkeit nimmt in dem Maß zu, in dem Kriminalität und Bürgerkriege für Tausende von Menschen zur wichtigsten Möglichkeit der Überlebenssicherung werden. Dies gilt sowohl individuell - weil man als ªKämpfer´ einer Straßengang, einer Bürgerkriegspartei oder als Söldner einer Privatarmee den eigenen Lebensunterhalt verdient - als auch institutionell, wenn in den Bürgerkriegsstaaten und -ökonomien der Peripherie Kriminalität und Krieg zum Normalzustand der ªZwischenkriegsgesellschaften´ werden.

Im Schnittpunkt zwischen der ªNivellierung der Klassenlagen´ und der ªEthnisierung des Sozialen´ finden sich die MigrantInnen. Auf ihrem Weg in die prosperierenden Archipele des Weltsystems markieren sie die Richtung, in der sich dessen Krise ausbreitet. Im Umgang der jeweiligen ªEinwanderungsländer´ mit ªihren´ MigrantInnen zeigt sich erneut das Dilemma des Proletarisierungsprozesses: Obwohl die sozialen Kämpfe dagegen an jedem Ort als internationalistische Kämpfe zu führen wären, handeln die Proletarisierten im ideologischen Bann von Lokalismen, Nationalismen oder Rassismen. Deren Gemeingefährlichkeit steigert sich mit dem Grad ihrer Fiktionalität. Deshalb beginnt konsequente internationale Solidarität heute mit der Bereitschaft zur ªbedingungslosen Gastfreundschaft´ (J. Derrida).

Roth ist insoweit zuzustimmen, als eine Neubestimmung sozialer Emanzipation und internationaler Solidarität ihren Ausgang in der Transformation der nationalen Staatlichkeit und der weltweiten Durchsetzung informeller bzw. prekärer Arbeitsverhältnisse nehmen muss. Internationale Solidarität ist heute folglich erstens nicht mehr vom Norden auf den Süden zu richten, damit sich dieser an jenen ªangleichen´ kann. Zweitens kann sie nicht mehr auf die vorgeblich emanzipativen Entwicklungspotenziale nationaler Staatlichkeit und sozial verrechtlichter Lohnarbeitsverhältnisse setzen - gleich, ob diese eine privatkapitalistische oder staatssozialistische Tendenz aufweisen. Das aber heißt, noch immer mit Karl Heinz Roth gedacht: Die Koordinaten sozialer Emanzipation können vor allem dort gefunden werden, wo Millionen von Menschen in die Proletarität de-regulierter sozialer Verhältnisse gezwungen werden.

Allerdings muss die ªweltweite Nivellierung der Klassenlagen´ mit ihrer Fragmentierung, ja sogar Atomisierung zusammengedacht werden. Daraus folgt, dass die Proletarisierten nicht in traditionsmarxistischer Weise als welthistorisches, homogenes Kollektivsubjekt gedacht werden dürfen, das sich lediglich seiner selbst bewusst zu werden hätte. Die Proletarisierten stehen vielmehr in einem pluralen Antagonismus zum Bestehenden: er widerspricht den herrschenden Verhältnissen auf der Grundlage von Positionen, die einerseits selbst von Widersprüchen, Gegensätzen und Brüchen durchzogen und andererseits trotz allem Teil dieser Verhältnisse sind. Er ist vom sozialen Ressentiment und den darin herrschenden Ideologien durchdrungen. Erst eine solche illusionslose Bestandsaufnahme frei von jedem sozialrevolutionären Romantizismus kann in den real life economics der Marginalisierten auch Politiken des Überlebens erkennen, deren subversive Potenziale solidarisch zu entwickeln wären.

Autonomie in der Schattenwirtschaft

Mit der Informalisierung der Arbeit treten eine Vielzahl bisher verdeckter, randständiger, historisch scheinbar überwundener oder aber gänzlich neuer Formen der Arbeit neben die Çklassische' fordistische Lohnarbeit. Neben der ªSchwitzbudenausbeutung´ in den weltmarktorientierten Billiglohnzonen (wie z.B. in der Maquiladora-Industrie Lateinamerikas) finden sich verschiedene Formen von Saison-, Teilzeit- Heim- und Leiharbeit sowie der häuslichen und der Subsistenzproduktion, häufig kombiniert mit Çformaler' Erwerbslosigkeit. In der Grauzone zwischen Informalität und Kriminalität breiten sich Zwangsarbeitsverhältnisse, ja sogar neue Formen von Sklavenarbeit aus. Letzteres gilt nicht etwa nur für die peripheren Schattenökonomien, sondern auch für nicht wenige der polnischen oder portugiesischen Bauarbeiter oder der thailändischen oder russischen Prostituierten, die illegalisiert in Deutschland leben und arbeiten.

Im informellen Sektor können sich soziale Gruppen häufig nur dann reproduzieren, wenn ihre Angehörigen gleichzeitig in verschiedenen Arbeitsverhältnissen ausgebeutet werden bzw. sich selbst ausbeuten. Selbstausbeutung gehört wesentlich zur informalisierten Arbeit, die deshalb auch als ªlavoro autonomo´, als ªselbstständige Arbeit´ bezeichnet wird. So sind die genannten polnischen oder portugiesischen Bauarbeiter formell freie Unternehmer, faktisch aber Sklaven ihrer Auftraggeber. Dasselbe gilt für die zahllosen selbstständigen ProduzentInnen und KleinstunternehmerInnen überall auf der Welt, die oft von einem einzigen Auftraggeber abhängen, ohne dessen Nachfrage sie sofort erwerbslos wären. Gleichwohl sind viele selbstständige ArbeiterInnen formell im Besitz der Produktionsmittel, die ihnen ihre Form der ªkleinen Warenproduktion´ oder der Dienstleistung ermöglichen.

Der wachsenden Bedeutung der selbstständigen Arbeit entspricht ihre ideologische Aufwertung. Selbstständige ArbeiterInnen sind ideale Adressaten der neoliberalen Ideologie. Schließlich wird die De-Regulierung überall durch einen ªBefreiungsdiskurs´ begründet, der die Subjekte aus staatlicher ªBevormundung´ zu Eigenverantwortung, schöpferischem Handeln und permanentem Wagemut aufruft.

Suche nach dem besseren Leben

Konnten die Industrieproletariate noch eine weitreichende soziale Autonomie ausbilden, die sich in den Klassenkompromissen der fordistischen Ära sogar institutionell niederschlug, so kann in der Informalität davon oft nur insoweit gesprochen werden, als sich jenseits einer staatlich garantierten Rechtssphäre bandenförmige, z.T. auf unmittelbarer Gewaltausübung beruhende korporative Strukturen herausbildeten. Was man korporativ erkämpft oder erreicht, gilt nur für die eigene gang und wird rigoros gegen die verteidigt, die nach der Logik der Selbstständigkeit nur Konkurrenten sein können. Hier liegt der Grund für die Bündnisse, die der neoliberal radikalisierte Individualismus mit ethnizistischen, rassistischen oder sexistischen Ideologien eingeht.

Keinesfalls zufällig kommt auch hier dem Schicksal der MigrantInnen eine exemplarische Rolle zu: Flüchtlinge aus einer zerfallenden oder verwüsteten Gesellschaft, sind sie zugleich die Abgewiesenen und Ausgeschlossenen der Gesellschaften, die sie durchqueren, um irgendwo einen Ort des ªbesseren´ Lebens zu finden. Ihre Ungeschütztheit bringt sie dazu, die eigene Existenz gegen den Zwangscharakter herrschender Vergesellschaftung zu behaupten, immer auch gegen die anderen, selbst gegen die Mitreisenden; und dennoch sind sie darauf angewiesen, offene soziale Beziehungen auf der Basis von Gegenseitigkeit einzugehen. Daran ist nichts zu romantisieren. Gleichwohl definieren ihre Grenzüberschreitung und die Weise, wie ihnen Gastfreundschaft gewährt oder verweigert wird, was ªGesellschaft´ ist und werden kann. Dem entspricht, dass Informalität und Prekarität - oder allgemeiner: Proletarität - nicht nur Resultate von Verelendung und Entrechtung sind, sondern in sich jederzeit auch individuelle wie kollektive Befreiungsmomente tragen können: Befreiung aus traditionalen Zwangsbindungen der Herkunft, der Verwandtschaft, des Geschlechts, der Kaste und Klasse, der Ethnisierung, Nationalisierung oder Rassifizierung. Diese Befreiungsmomente mögen der üblichen ªpolitischen Korrektheit´ ebenso häufig widersprechen wie der exklusiven Liberalität der bürgerlichen Moderne. Dennoch erweitern sie faktisch den Möglichkeitsspielraum derer, die sie sich erkämpfen.

real life economics werden aus der Not geboren, die Verwertung der eigenen Arbeitskraft an den Rändern der Politischen Ökonomie selbst organisieren zu müssen. Dabei funktioniert die auf Lohnarbeit gegründete kapitalistische Produktionsweise immer nur in Koexistenz mit nicht-kapitalistischen - vornehmlich denen der traditionellen SubsistenzproduzentInnen und der in die Reproduktion eingeschlossenen Frauen. Zugleich finden sich Informalität und Prekarität in sehr unterschiedlichen sozialen Lagen, die von Angehörigen der gehobenen Mittelklasse europäischer Metropolen bis in die townships, favelas und gecekondus der Peripherie reichen. Deshalb finden sich die Spaltungen und Ausgrenzungen der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse auch in den Netzwerken der Informalität. Im Rahmen fortschreitender Globalisierung ergeben sich entlang dieser Ein- und Ausschlüsse - grob differenziert - drei ªEntwicklungs´-Modelle.

Neuer Ausgrenzungsimperialismus

Das erste Modell kann als ªSicherheits- und Ausgrenzungsimperialismus´ (R. Kurz) der Globalisierungsgewinner bezeichnet werden. Die gegenwärtig als außerordentliches Krisenphänomen erscheinende Marginalisierung droht zur gewöhnlichen Lebens- und Reproduktionsweise ganzer Bevölkerungen zu werden. Dies würde zuerst eine Perfektionierung jener Grenzregime erfordern, die die Zonen des Reichtums kontrolliert von denen der Marginalität scheiden. Genau darin besteht das im Kosovo praktisch gewordene, 1999 auch explizit erklärte Ziel der neuen NATO-Strategie. Auf längere Sicht verlangt dieses ªEntwicklungs´-Modell den Bruch mit der universalistischen, auf das ªgrößtmögliche Glück der Meisten´ verpflichteten Leitideologie der westlichen Liberaldemokratien. Mit neoliberaler Entsolidarisierung und militärhumanistischem Menschenrechtsdiskurs ist dieser Schritt in einer Mischung aus Perfidie und schlechtem Gewissen bereits eingeleitet.

In Ländern wie Algerien oder Angola, im Kongo wie in Liberia, Ruanda, Sierra Leone, Somalia, aber auch in Tschetschenien und Jugoslawien deutet sich ein zweites Modell an. Hier sind die real life economics der Marginalisierung zu einer ªÖkonomie des Bürgerkriegs´ (J. Rufin) barbarisiert. Im Kampf um die Restressourcen ihrer heruntergewirtschafteten Länder haben sich die Führungseliten des Entwicklungsstaats clan- oder bandenförmig gespalten. Amtierende Regime und in der Regel von unterlegenen Konkurrenten geführte ªRebellenbewegungen´ nehmen die eigene Bevölkerung zur Geisel. Dabei geht das Gewaltmonopol vom ªStaat in Auflösung´ auf die warlords über, die in ihrem Herrschaftsbereich teilweise offen sklavenhalterische Produktionsregime errichten.

Da in vielen afrikanischen Ländern mehr als die Hälfte aller Jugendlichen erwerbslos sind, ist der Dienst in der Armee oder in den Banden der warlords für große Teile der männlichen Bevölkerung zur einzigen Verdienstquelle geworden - und zwar gleichgültig, ob der Erwerb aus Soldzahlungen oder aus unmittelbarem Raub einschließlich der räuberischen Aneignung von Frauen stammt. Zwischen den Fronten kommt privaten Söldnerarmeen eine immer wichtigere Rolle zu. In bestimmten Gebieten etablieren ausländische NGOs ªhumanitäre Korridore´ oder ªsave heavens´, in denen ein stets gefährdeter Status Quo einen Restbestand an ziviler Reproduktion ermöglicht: hier geht die Bürgerkriegsökonomie in eine Ökonomie der humanitären Hilfe über. Der Krieg ist in bürgerkriegsökonomischen Gesellschaften nicht mehr die gewaltsame Unterbrechung der friedlichen Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens, sondern eine eigengesetzlich regulierte Produktionsweise barbarischen Typs.

Die Realität der real life economics lässt sich in den beiden bislang skizzierten ªEntwicklungs´-Modellen darstellen. Die Übergänge zwischen beiden Modellen sind fließend; Mischformen finden sich z.B. in den von sozialer Gewalt durchherrschten großstädtischen ªno-go-areas´. Selbstverständlich müssen auch die Zonen der Bürgerkriegsökonomie sicherheitsimperialistisch eingegrenzt werden - auch hier mit den unvermeidlichen ideologischen Konsequenzen für die BewohnerInnen der ªentwickelten´ Zitadellen, die das Gerede vom ªChaos´ oder den ªethnischen Konflikten´ für bare Münze nehmen.

Emanzipation durch Bewegung?

Das dritte ªEntwicklungs´-Modell der real life economics entsteht dort, wo ihre Spaltungen und Ausgrenzungen zum Anlass einer Politisierung in emanzipativer Tendenz werden. Solche Politisierung ist die Voraussetzung dafür, dass aus den real life economics Keimformen neuer sozialer Bewegungen werden können. Bewegungen, die im Unterschied zu den Partei- und Gewerkschaftsorganisationen der Industrieproletariate ihren ªSitz´ in allen Sphären der Lebenswelt haben und deshalb zum Medium werden können, in dem sich die Überlebensstrategien von Individuen und sozialen Gruppen zu Strategien der Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse auswachsen. Dass es gerade die Spaltungs- und Ausgrenzungslinien, mithin die Macht- und Herrschaftsverhältnisse in der Proletarität selbst sind, an denen sich Politisierung entzündet, belegt noch einmal, dass die Marginalisierten nicht das endlich wiedergefundene ªrevolutionäre Subjekt´ sind. Die Proletarität ist selbst ein umkämpftes Terrain und insofern Entstehungsherd vielfältiger und mehrdeutiger Antagonismen. Nehmen diese eine emanzipative Tendenz ein, so ist diese stets das Resultat von Widerstreit und fortdauernder Auseinandersetzung.

Spielräume einer solchen Entwicklung finden sich oft dort, wo sich die ªinformellen Sektoren´ der Marginalisierung mit dem ªDritten Sektor´ der sozialen Arbeit im weitesten Sinn des Begriffs überlappen.2 Der Zerfall der Sozialstaatlichkeit und der formalen Ökonomie haben den Institutionen des Dritten Sektors - darunter fallen z.B. Menschenrechts- und Entwicklungs-NGOs, Non-Profit-Unternehmen, kommunale, politische, religiöse oder karitative Einrichtungen der Gemeinwesenarbeit, aber auch grassroots-Selbstorganisationen - in nicht wenigen Gebieten der Welt quasi-staatliche Funktionen zugewiesen.

Der Dritte Sektor spielt sowohl in neoliberaler wie in antikapitalistischer Perspektive eine zentrale strategische Rolle. Umkämpft ist dabei, ob und inwieweit NGOs die Rolle von ªerweiterten Staatsapparaten´ (Gramsci) des neoliberalen Regimes oder von Knotenpunkten organisierter gesellschaftlicher Gegenmacht spielen. Gegenwärtig ist beides der Fall, und das nicht selten im Praxisfeld ein und derselben NGO. Welche Option sich durchsetzt, ergibt sich zum einen aus den Machtverhältnissen in und zwischen den NGOs und zum anderen aus ihrem Verhältnis zu Staatlichkeit und Kapital sowie zu ihren ªKlienten´, zu sozialen Bewegungen und grassroots-Selbstorganisationen. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt dabei, dass die ArbeiterInnen und Angestellten des Dritten Sektors oft selbst prekär beschäftigt sind und von daher einerseits auf staatliches oder privatwirtschaftliches funding, andererseits auf solidarische Partizipation an sozialen Kämpfen angewiesen sind. Hinzu kommt, dass die Angehörigen vieler Süd-, aber auch nicht weniger Nord-NGOs zuvor AktivistInnen sozialer Bewegungen oder linker Organisationen waren.

Social movement unionism

Erste politische Artikulationen dieses dritten ªEntwicklungs´-Modells, das auf die fragile Verbindung zwischen real life economics, der ªgesellschaftlichen Linken´ des Dritten Sektors und sozialen Massenprotesten gestützt ist, finden sich in den Bauernbewegungen des indischen Subkontinents, den Bewegung der Landlosen in Brasilien, den grassroots-Organisationen südafrikanischer townships oder den nicht zufällig von FeministInnen bestimmten NGO-Zusammenschlüssen beispielsweise des postsandinistischen Nicaragua. Im fragilen Bündnis mit einzelnen Gewerkschaften praktizieren diese Bewegungen jenen neuartigen Typ eines lokal organisierten und zugleich global vernetzten sozialen Widerstands, der als social movement unionism bezeichnet wird: ªIn der heutigen sozialen Welt verabschieden sich politische Parteien von umfassenden sozialen Programmen, während Gewerkschaften in die Rolle von politischen Akteuren geraten. Vielerorts gibt es andere, zwischen solchen Kategorien angesiedelte oder sie überlappende Organisationen der Arbeiterklasse - die Arbeiterzentren in den USA, Erwerbslosenorganisationen in Europa, Volksbewegungen in lateinamerikanischen Städten, die ÇCivics' in Südafrika und soziale Bewegungen von Frauen und anderen unterdrückten Gruppen fast überall.´ 3Gemeinsames Merkmal ist, dass ihr Konzept des social movement unionism die simple Aufteilung der Lebenswelt in ÇÖkonomie' und ÇPolitik' ablehnt.

Das beeindruckendste Beispiel einer aus der Marginalisierung erwachsenen Rebellion neuen Typs stellt zweifellos der Marcha por la Dignidad IndÌgena dar, der im Frühjahr 2001 zum bisherigen Höhepunkt des Kampfes des EjÈrcito Zapatista de LiberaciÛn Nacional (EZLN) und der mit ihm symphatisierenden Massenbewegung wurde. Im Bruch mit einer ªrevolutionären´, auf die ªEroberung´ der Staatsmacht gerichteten Strategie einerseits und einer auf die parlamentarisch-repräsentative Teilhabe an der Staatsmacht gerichteten ªreformistischen´ Strategie andererseits folgt die acciÛn zapatista einer ªStrategie der permanenten Rebellion´. Diese soll die real life economics lokaler gesellschaftlicher Autonomien mit den Organisationen der Industrieproletariate und den Einrichtungen der ªZivilgesellschaft´ und des Dritten Sektors verbinden, und zwar in landesweiten und internationalen Mobilisierungen. Diese zielen auch dann nicht auf die Beteiligung an der Staatsmacht, wenn sie auf den Staat einwirken und Gesetze, Abkommen, administrative Maßnahmen oder institutionelle Veränderungen bewirken. Im Idealfall zeichnet sich dabei eine Subversion der globalen kapitalistischen Herrschaft ab, die diese ªvon unten´ in Frage stellen könnte: nämlich gleichzeitig von jedem Ort der Welt aus.

Gerade angesichts der Erfolge der acciÛn zapatista zeigt sich freilich, dass hier erst ein Anfang gemacht worden ist. Wie die erreichten subjektiven und lokalen Autonomien für sich offen gehalten und untereinander frei assoziiert werden und wie sie dadurch zur Demokratisierung und zur Überwindung der sie umschliessenden Macht- und Ausbeutungsverhältnisse führen können, wird noch auszukämpfen sein. Dabei gilt Louis Althussers Satz: ªDie Veränderung der Welt hat kein Subjekt.


Anmerkungen:
1 Karl Heinz Roth, Die Wiederkehr der Proletarität. Die neuen Klassenverhältnisse und die Perspektiven der Linken. Nachdruck der 1994 erschienenen Dokumentation, hier: S. 33.
2 Der ªDritte Sektor´ der sozialen Arbeit wird vom ªErsten Sektor´ der Privatwirtschaft und dem ªZweiten Sektor´ der staatsbürokratischen öffentlichen Dienste unterschieden.
3Kim Moody, Das neue Proletariat. Gewerkschaften im globalisierten Kapitalismus, Supplement der Zeitschrift Sozialismus 2/99, S. 43.

Die Projektgruppe real life economics ist eine interne Arbeitsgruppe der Hilfsorganisation medico international.
Der Beitrag ist in Teilen bereits publiziert und zwischenzeitlich mehrfach überarbeitet worden.