Kraftproben mit Konzernen | Soziale Bewegungen in Indien zwischen Autonomie und Freihandel

Indien ist ein Land der Gegensätze und spiegelt damit internationale Verhältnisse wider: Boomende Software-Zentren stehen gebeutelten Agrar-Peripherien gegenüber. Von Spaltungen durchzogen ist auch der Widerstand marginalisierter Bevölkerungsteile gegen die Durchkapitalisierung aller Lebensbereiche. Jedoch gelingen aufgrund massenhafter Organisierung und radikaler Aktionen immer wieder Erfolge gegen die Modernisierungspolitik des Staates.

von Jürgen Kraus

Demonstrationen gegen die Welthandelsorganisation WTO in Bangalore und Delhi, Hafenblockaden gegen Großfangschiffe in Bombay, Sit-ins und Hungerstreiks auf Staudamm-Baustellen im Narmada-Tal, Abbrennen genmanipulierter Baumwollfelder in Karnataka, Adivasi-Märsche gegen Vertreibung und Ressourcenabbau in Orissa - leicht kann der Eindruck entstehen, dass ganz Indien gegen die Einbindung in den Weltmarkt und die damit verbundene Ausbeutung und Unterdrückung protestiert. In der Realität jedoch sind die Protestaktionen nur punktuell; viele von ihnen verpuffen folgenlos in den Weiten des Subkontinents. Die radikale Opposition ist der Repression und Verfolgung durch den Staat ausgesetzt, gleichzeitig gibt es Spaltungen und Schwächungen innerhalb der Netzwerke und Bewegungen.

Indien brüstet sich damit, die größte Demokratie der Welt zu sein. In der Tat leben die über eine Milliarde InderInnen unter einer demokratischen Verfassung mit Parlament, Mehr-Parteien-System, regelmäßigen Wahlen und einer föderalen Struktur von Bundesländern bis hin zu Kommunalparlamenten. Indien ist aber auch das Land mit den vielleicht größten gesellschaftlichen Disparitäten hinsichtlich materieller Verfügungsrechte und politischer Teilhabe. Nicht nur das immer noch wirksame Kastensystem trägt zu Diskriminierung und strukturellem Ausschluss großer Bevölkerungsgruppen bei, sondern auch die fragmentarische Einbindung der indischen Bevölkerung in den - von den politischen Eliten aller Parteien vorangetriebenen - Modernisierungs- und Durchkapitalisierungs-Prozess. Als augenscheinlichstes Beispiel kann die »Grüne Revolution« gelten: Darunter ist die durchgreifende Technisierung der Landwirtschaft durch die Umorientierung auf Monokulturen und die Einführung von Saatgut-, Dünge- und Pestizidmitteln zu verstehen. Die Grüne Revolution - in den USA entwickelt, von der Weltbank finanziert - sollte die Agrarproduktion steigern. Was am Ende übrig blieb, waren eine Landumverteilung zugunsten der Großbauern und sinkende Erträge durch ökologische Degradation.

Heute umfasst Indien neben einer kaufkräftigen oberen Mittelschicht - welche einen Markt von der Größe der EU darstellt - eine Unterschicht, in der über 500 Mio. Menschen mit weniger als 1 US$ pro Tag auskommen müssen. Während sich im Bundesland Karnataka das »Silicon Valley« der Software- und Microchip-Industrie Indiens erstreckt, findet im Nachbarstaat Andhra Pradesh eine Suizidwelle von Hunderten hochverschuldeter Kleinbauern statt.

Soziale Organisierung von Protest und Widerstand kann mit der Unabhängigkeitsbewegung und Mahatma Gandhi als ihrem bekanntestenen Vertreter auf eine wirkungsvolle Geschichte zurückschauen. Im Kampf gandhianischer Prägung gegen die britische Krone wurden nicht nur Formen des zivilen Ungehorsams und gewaltfreier direkter Aktion (satyagraha) entwickelt, sondern auch Konzepte für gesellschaftliche Befreiung und ökonomische Autarkie. Dies führt zu dem Paradox, dass Gandhi heute sowohl von der (links)radikalen Opposition als »prominentester« Anarchist Indiens wie auch von staatlichen Institutionen als Gründervater des unabhängigen Indiens vereinnahmt wird.

Power to the Bauer

An den heutigen sozialen Bewegungen Indiens fällt zweierlei auf: Zum einen sind sie Massenbewegungen, die mit großem Mobilisierungspotential agieren und Hunderttausende von Menschen auf die Straße bringen können. Zum anderen sind sie meist von klaren »Leadership«-Strukturen bestimmt. Sie benötigen charismatische Führungspersönlichkeiten, die sowohl nach innen als auch nach außen entsprechende Wirkungen erzielen.

Oppositionsgruppen aus dem landwirtschaftlichen Spektrum vernetzten sich vor gut 20 Jahren erstmals in größerem Stil, als die negativen Folgen der Grünen Revolution überdeutlich wurden. Die bäuerlichen Bewegungen und der daraus entstandene indienweite Zusammenschluss BKU gehören heute zu den lautesten Anti-Globalisierungs-Stimmen weltweit. Das Bewusstsein über Globalisierung und Freihandel wurde sowohl innerhalb der bäuerlichen Bewegungen durch Seminare und Kampagnen, als auch in der Öffentlichkeit durch konkrete Aktionen gegen Konzerne (z.B. Saatgutfirmen) weiter geschärft. Der massenhafte und inhaltlich breit angelegte Widerstand kulminierte 1993 in Bangalore zur bislang größten Demonstration gegen die Freihandelspolitik. Bei einer Vernetzung dieser Breite bleibt aber innerhalb der bäuerlichen Bewegungen die Suche nach politischen Alternativen bis heute diffus. Der Kampf gegen ungerechte Welthandelsstrukturen zielt in Indien in erster Linie auf den Staat ab, da er einen Großteil der landwirtschaftlichen Produkte aufkauft und somit Preismonopolist ist. Die Forderungen der bäuerlichen Bewegungen nach besseren Preisen und Handelsbedingungen geraten daher häufig in die Nähe etatistischer und protektionistischer Ansätze.

Es gibt aber durchaus Bemühungen, diese Staatsfixierung zu überwinden. So führt die bäuerliche Vereinigung Karnatakas, KRRS, direkte Aktionen des zivilen Ungehorsams etwa gegen Filialen von US-Konzernen durch, bei denen die AktivistInnen bewusst Gerichtsverfahren und Gefängnishaft in Kauf nehmen. Neben der Ablehnung des WTO-Regimes und der propagierten Abkopplung der Agrarproduzenten vom Weltmarkt werden in den von der KRSS organisierten Regionen auch die gandhianischen Konzepte autonomer Dorfrepubliken diskutiert.

Durch die auf die Anfangszeit der Bewegungen zurückgehende Verankerung in der mittleren bäuerlichen Schicht gibt es bis heute zu wenig Raum für Landlose und Subsistenzbauern. Nach wie vor stellen Frauen und Kleinbauern in den Bewegungen Minderheiten dar, deren Interessen oft mit denen der mittleren Bauern konfligieren. Wo sich die Belange der wohlhabenderen Bauern unverhohlen durchsetzen, wird die fehlende Sensibilisierung für andere unterdrückte Gruppen deutlich. Deshalb gibt es in der bäuerlichen Mobilisierung Spaltungen zwischen Bewegungen, die lediglich die Interessen von mittleren Bauern vertreten, und jenen, die stärker auf den Interessen von Landlosen und Kleinbauern gründen.

Weil in diesen Bewegungen Millionen von Menschen organisiert sind, kommt es häufig zu internen hierarchischen Strukturen. Der KRRS beispielsweise treten meist ganze Dörfer bei, die auf Distrikt-Ebene zusammengeschlossen sind. Der KRRS steht ein Präsident vor, der sich mit den Distrikt-Präsidenten koordiniert. Die Entscheidungsfindung auf Dorfebene und der Einfluss der jeweiligen Distrikte hängt dabei maßgeblich davon ab, ob Bildungs-Seminare, regionale Treffen und Diskussionsprozesse an der Basis organisiert werden. Dies wird zunehmend versucht, allerdings werden die Kampagnen immer noch überwiegend von oben initiiert und in die Distrikte weitergetragen. Dem Vorteil, dass die bäuerlichen Massenbewegungen aufgrund des hohen Mobilisierungspotentials durchaus eine relevante politische Kraft im indischen System darstellen, steht so der Nachteil gegenüber, dass permanent die Gefahr der Kooption der Führungspersönlichkeiten besteht. Viele bäuerliche Bewegungen haben die Transformation in politische Parteien bisher abgelehnt, doch nicht selten wechseln die Funktionäre der Bewegungen über. Dies schwächt die Bewegungen erheblich und läßt Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit wach werden. Nicht unproblematisch ist auch die versuchte Mobilisierung über Kastengrenzen hinweg. Ein Hauptaspekt dabei ist die kritische Haltung gegenüber hinduistischen Ritualen. Die KRRS organisiert z.B. anti-hinduistische Hochzeiten, bei denen auf die finanziell ruinöse Mitgift für Bräute verzichtet wird. Die Thematisierung kasten- und religionskritischer Forderungen erfordert jedoch von vielen, die in den Bewegungen organisiert sind, ein großes Maß an schmerzhafter Selbstreflexion.

Unberührbare Interessen

Die üblichen gesellschaftlichen Grenzen zu überwinden ist auch der Anspruch derjenigen Bewegungen, in denen der Anteil von Adivasis (den »Ur-Einwohnern« Indiens) und Dalits (»Unberührbare«, Angehörige der untersten Kaste der hinduistischen Gesellschaftspyramide) größer ist. In der Bewegung zur Rettung des Narmada-Flusstals, Narmada Bachao Andolan (NBA), beispielsweise organisieren sich unterschiedliche Bevölkerungsschichten aus der Narmada-Region, die die kompromisslose Ablehnung der Staudamm-Bauprojekte eint. Weil im Narmada-Tal der Bevölkerungsanteil der Adivasis hoch ist, sind viele Indigene an den Protesten beteiligt. Mit Medha Patkar steht aber eine nicht-indigene charismatische Persönlichkeit an prominenter Stelle der Bewegung. Sie hat einen großen Anteil am Bekanntheitsgrad des Narmada-Widerstands, sowohl innerhalb Indiens als auch international. Nicht-indigene Stichwort- und IdeengeberInnen gehören zur Funktionsweise der NBA. Daraus entstehen durch Diskussionsprozesse konkrete Aktionen auf Dorfebene. Der Anteil der Frauen bei den Aktivitäten ist meist höher als der der Männer, was die gesellschaftliche Stellung der Frauen in dieser Region nicht unwesentlich stärkt.

Bei den von der NBA bekämpften Staudammprojekten steht der Erhalt der Lebensgrundlage und der Identität indigener Bevölkerungsgruppen dem kapitalistischen Verwertungsinteresse zur Gewinnung von Elektrizität und zum Aufbau von Bewässerungssystemen gegenüber, die vor allem den Großbauern in den angrenzenden Regionen zugute kämen. In den direkten Aktionen wird besonders schonungslos deutlich, dass dieses Verwertungsinteresse auch buchstäblich über Leichen geht, und der plakative Spruch »kein Opfer für Entwicklung« erhält visuelle Eindringlichkeit. Über die Ablehnung der als »Modernisierungstempel« verklärten Staudämme hinaus ist die NBA strikt modernisierungskritisch und steht so genannten Entwicklungsprojekten sehr skeptisch gegenüber.

Auch der Staat ist Ziel von Kritik und Agitation, da die NBA mit dem Slogan »in unserem Dorf regieren wir« für dezentrale Modi der politischen Entscheidungsfindung kämpft. Dabei fährt die NBA eine Art Doppelstrategie: Einerseits mobilisiert sie mit hohem Risiko zu Baustellenblockaden, Protestmärschen und satyagrahas, bei denen sich die AktivistInnen auch bei Überschwemmungsgefahr im Staudammgebiet nicht evakuieren lassen. Andererseits geht sie den legalen Weg, indem sie vor Gericht gegen die mangelhaften Kompensationsangebote für die von Vertreibung Bedrohten klagt und damit die weiteren Bauvorhaben stoppen will. Wegen des zwar zögerlichen, aber doch voranschreitenden Staudammbaus lässt sich die NBA aber immer mehr auf Kuhhändel und juristische Kraftproben ein. Dies mag gerechtfertigt sein, um konkrete Verbesserungen zu erzielen, schwächt aber die Bewegung in ihrer Radikalität und Kompromisslosigkeit. Trotz bemerkenswerter Erfolge, wie der erzwungene Rückzug der Weltbank aus dem größten der zahlreichen Staudammprojekte, dem Sardar Sarovar-Damm, wird im Narmada-Tal weiter gebaut, zwangsumgesiedelt und überschwemmt.

Regionaler Widerstand sorgt für...

Von einem ebenfalls schon vor zwei Jahrzehnten geplanten Staudamm, der in einem von Adivasi bewohnten Gebiet im Bundesland Bihar errichtet werden soll, steht dagegen noch nicht ein Stein: Die Planungen für den Koel-Karo-Damm versetzten die ganze Region Jharkhand in Alarm. Im Vergleich zur NBA wurde dieser Bewegung keine internationale Aufmerksamkeit zuteil, auch fehlen ihr Persönlichkeiten, die einen größeren Bekanntheitsgrad ermöglicht hätten. Das Erfolgsrezept gegen den Koel-Karo-Damm liegt stattdessen in der Kompromisslosigkeit des Widerstandes und seiner regionalen Vernetzung, unter anderem mit dem Jharkhand-Movement, dass seit Jahrzehnten für die Unabhängigkeit vom Bundesstaat kämpft.

Werden Bauvorhaben für das Staudammprojekt bekannt, wird das ganze Gebiet von den Bewohnern zur »No-entry« Zone erklärt. Mit Schlagbäumen an den Verkehrsstraßen werden Baumaschinen und Polizei am Zutritt gehindert. Die Strategien und Aktionen werden in Dorfräten und regionalen Versammlungen besprochen. Sie berufen sich weniger auf Gandhi als beispielsweise auf Birsa Munda, und knüpfen daher im Vergleich zu den Adivasis im Narmada-Tal an eine andere Widerstandstradition an. Auffallend ist das gute Funktionieren von traditionellen Mitteln direkter Demokratie und der hohe Frauenanteil in dieser Bewegung.

Die Bewegungen in der Jharkhand-Region vertreten als fast reine Adivasi-Organisationen zivilisationskritische Inhalte. Sie haben in ihrer ganzen Widerstandsgeschichte erfahren müssen, dass im dominanten indischen Modell für sie und ihre Lebensformen kein Platz ist. Entsprechend hegen sie keine Erwartungen in »gerechte« Kompensationen für Vertreibung und Umsiedlung, in partizipative Entwicklungsprojekte oder in landwirtschaftliche Modernisierung. Ihr Problem dabei ist, wie bei vielen anderen indigenen Widerstandsbewegungen weltweit, die Unsichtbarkeit ihres Kampfes und ihrer Anliegen.

...internationale Aufmerksamkeit

Die Bemühungen für nationale und internationale Vernetzungen der hier vorgestellten Bewegungen sind sehr unterschiedlich. Während die Adivasi-Bewegungen nicht nur in Bihar, sondern auch in anderen indischen Bundesstaaten eher auf regionalem Ebene zusammenarbeiten, vernetzen sich die KRRS und der BKU-Zusammenschluss auch international im Rahmen des oppositionellen weltweiten Bauernbündnisses La Via Campesina. Allein aufgrund des Themas Freihandel und WTO ist für die bäuerlichen Bewegungen eine globale Vernetzung naheliegend, weshalb die KRRS auch zu den Mitinitiatoren des globalisierungskritischen Zusammenschlusses People's Global Action (PGA, vgl. S. 40) gehörte. Hier kann im Gegensatz zu Via Campesina über den Landwirtschaftssektor hinaus der Kontakt zu Bewegungen aus anderen Bereichen hergestellt werden.

Eine besondere Form internationaler Zusammenarbeit war die Interkontinentale Karawane 1999 durch Europa mit VertreterInnen von Basisbewegungen vor allem aus Indien. Sie bewies, dass alle Beteiligten im direkten Austausch viel voneinander lernen können. So wie die Gruppen in Europa beeindruckt wurden von der konsequenten Umsetzung zivilen Ungehorsams oder von den gandhianisch inspirierten Autarkie-Ansätzen, so wirken in den indischen Bewegungen das Thematisieren von Genderaspekten und von anti-hierarchischen Organisationsformen nach.

Diese Kontakte sollten intensiviert werden, um permanente Aufmerksamkeit für die Anliegen indischer Bewegungen zu schaffen. Im Falle des Maheshwar-Damms, wo bis heute deutsche Konzerne wie Siemens am Bau beteiligt sind, ist kontinuierlicher Druck auf die multinationalen Akteure nötig. Er bewegte z.B. das Bayernwerk und die HypoVereinsbank zum Ausstieg aus dem Projekt. Zu berücksichtigen ist auch, dass der Kampf gegen die Staudamm-Projekte nur auf den ersten Blick eine Ein-Punkt-Kampagne ist, denn mit ihnen steht die ganze Entwicklungslogik und -ideologie nach den Regeln von Weltbank, OECD, aber auch des indischen Staates am Pranger der Kritik. Nicht zuletzt sind die Probleme der Adivasis in Indien ähnlich gelagert wie die der Indigenen in Mexiko oder der AfrokolumbianerInnen (vgl. S.15). Sie leben in Regionen, die voller wichtiger Ressourcen für den kapitalistischen Verwertungsprozess sind. Das stetig wachsende Interesse seitens der Staaten und der Multikonzerne an Ressourcenabbau, Investitionsabsicherung und Patentierung etwa von Planzengenen bedeutet für die Indigenen Vertreibung und Verelendung.


Jürgen Kraus ist Mitautor des Videos »Der indische Kampf um Würde und Selbstbestimmung. Widerstand gegen »Frei«handel und neoliberale Politik« (Hamburg 2000).