Rezension: Abseits der Joggingstrecke
go.stop.act! entfaltet einen Fächer kreativer Straßenprotestformen
- allesamt erprobt im Rahmen des gegenwärtigen Ringens um eine andere,
eine bessere Welt für alle." Der Enthusiasmus dieses Zitats aus dem
Vorwort der Trotzdem Verlagsgenossenschaft durchzieht wie ein Leitmotiv den
ganzen Sammelband rund um Aktionen, Demonstrationen und Happenings. Den Autoren
von go.stop.act! geht es weniger um die Beschreibung des Vergangenen - das völlige
Fehlen von Heldengeschichten ist wohltuend - als vielmehr um das Ausloten von
neuen Formen des Straßenprotests. Ob diese Formen jeweils so neu sind
wie behauptet, sei dahingestellt. Der Band hält sich jedenfalls nicht lange
mit Vorreden auf, sondern kommt schnell zur Sache: dem unvollständigen
Alphabet der Aktionsformen, von "Carnival against Capitalism" über
"Radical Puppetry" zu "Stolpersteinen auf der Datenautobahn".
Zum Abschluss gibt es noch eine Sammlung von nicht ausführlich dargestellten
Aktionen, Ideen und Tipps.
Sicher werden nicht alle LeserInnen der im Buch geäußerten Meinung
sein, dass "der Protest auf der Straße" und das "Protestpotential
wieder zunimmt". Der weitgehend ausbleibende Widerstand gegen die Zumutungen
des Neoliberalismus könnte einen da auch ganz depressiv werden lassen.
Doch davon will go.stop.act! nichts wissen. Mit großem Optimismus werden
die Aktivitäten der Antiglobalisierungsbewegungen dargestellt. Aufgeweckt,
mitreißend, farbenfroh, irritierend und bissig will der Widerstand sein.
Und er ist es ja auch, denn die Sammlung an Widerstandsformen, die Marc Amann
und seine Mitstreiter zusammengetragen haben, hat es durchaus in sich.
Ein beeindruckendes Panoptikum zieht da an einem vorbei, vom klassischem Straßentheater
über "Radikal Cheerleading", "Pink and Silver" bis
zum "Guerilla Gardening". Was für jüngere Attac-Profis sprachliches
Standardrepertoire sein mag, wird bei den meisten LeserInnen jedoch leichte
Irritationen hervorrufen. Besonders interessant sind die Abschnitte, in denen
der Einsatz von neuen Technologien zugunsten neuer Aktionsformen vorgestellt
wird, etwa die Kapitel "Flash Mobs" von Marc Amann und "Stolpersteine
auf der Datenautobahn" von der Autonomen A.F.R.I.K.A. Gruppe. In jedem
Fall ist das unvollständige Alphabet der Aktionen gut zu lesen, lehrreich
und wahrscheinlich auch anregend, wenn einer Polit-Gruppe mal wieder partout
nicht einfallen will, wie sie ihre Inhalte an die Öffentlichkeit bringen
kann.
Es geht den Autoren um "neue" Straßenprotestformen, und da wäre
es natürlich gut zu erfahren, wie und wo der Schnitt zu den "alten"
gesetzt wird. Die etwas zu knapp gehaltene Einleitung von Marc Amann gibt dazu
drei Hinweise: Der Zusammenbruch des Sozialismus setzte eine Zäsur, nach
der "die Linke" nicht länger in ihren alten Stellungen verharren
konnte. Mit den mexikanischen Zapatistas betrat eine Gruppe die Bühne,
die nicht mehr Teil der Blockkonfrontation war und die alte Formel der internationalen
Solidarität neu formulierte. Und schließlich begannen sich Graswurzelbewegungen
und Nichtregierungsorganisationen weltweit zu vernetzen, was anlässlich
des Treffens der Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle 1999 zum ersten Mal
zu international organisierten Großdemonstrationen und Straßenprotesten
führte.
Der frische Wind, der nach Seattle und Genua die Bewegung vorantrieb, ist zwar
schon etwas verflogen. Doch mit Gruppen wie Attac traten tatsächlich neue
Akteure auf die Bühne, die mit der alten Linken wenig zu tun haben. Vor
allem jüngere Leute, die mit den traditionellen Organisationen der Linken
nichts anfangen können, finden hier Anschluss. Diese bringen auch, wie
Amann schreibt, Interesse an Aktionen auf der Straße mit. Soweit ist ihm
zuzustimmen. Aber die Aufzählung der Demonstrationen, Aktionen und sozialen
Praxen, die er für die neue Bewegung vereinnahmt, ist so nicht haltbar.
Die Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV und die Demonstrationen gegen den
Irak-Krieg waren weit stärker von der traditionellen Linken geprägt,
als Amann suggeriert.
Trotz dieser Kritik: Go.stop.act! liefert "Geschichten, Aktionen und Ideen"
für alle, die sich auch mal abseits der Jogging-Strecke bewegen wollen,
sei es auf der nächsten Demo, auf der Datenautobahn oder beim Radioballett.
An Anlässen und Möglichkeiten fehlt es nicht, aber ob sich noch genug
Leute finden, die mitmachen? Vielleicht also doch erst mal das Buch lesen, sich
der ausgezeichneten Gestaltung erfreuen und dann ganz klein mit einer "laugh-parade"
anfangen.
Tommy Hohner
Marc Amann (Hrsg.) go.stop.act! - Die Kunst des kreativen Straßenprotests.
Trotzdem Verlag, Grafenau/Frankfurt am M. 2005. 240 Seiten, 18 Euro.
Siehe auch: www.go-stop-act.de und weblog zu den Aktionsformen: http://kreativerstrassenprotest.twoday.net