Rezension: Lebensgeschichten aus Namibia
Der (Ost-)Berliner Schriftsteller Jürgen Leskien hat sich Namibia und seinen
Menschen über die Jahre hinweg auf verschiedensten Ebenen angenähert.
Sein jüngstes Buch Dunkler Schatten Waterberg ist Ergebnis seiner kreativen
Neugierde auf jene Menschen, die - aus Deutschland stammend - als Angehörige
einer durchaus heterogenen Minderheit in diesem Land leben. Einige davon treten
in diesem Band mit ihren selbsterzählten Biographien aus der Anonymität
und lassen die Individuen jenseits der - zumeist falschen, weil allzu verallgemeinernden
- Kollektivzuschreibung lebendig werden.
Sie alle teilen unterschiedlich intensive, aber zumeist höchst bewegte,
zu keiner Zeit langweilige Lebensabschnitte und -erfahrungen mit. Ihre tiefe
Verwurzelung mit Südwestafrika/ Namibia wird in nuancierter Vielfalt deutlich.
Dabei war die Lebensbewältigung auch für die allermeisten Angehörigen
der privilegierten deutschen' Minderheit kein Honigschlecken, wie aus
den mehr als ein Dutzend biographischen Skizzen deutlich wird (bei denen leider
nur eine einzige weibliche Zeitzeugin berücksichtigt wurde). Viele Gesprächspartner
waren noch den Kriegswirren sowohl in Europa als auch in Afrika ausgesetzt,
aber auch in unterschiedlicher Weise in den Konflikt um die Unabhängigkeit
des Landes verwickelt. Die Grenzen der deutsch-namibischen Identität (auch
im Sinne von Südwester) sind dabei fließend und keinesfalls immer
klar zu erkennen. Wohl aber, dass ungeachtet der unterschiedlichen räumlichen
und sozialen Herkunft Südwestafrika/Namibia den zentralen Bezugs- und Lebensmittelpunkt
bildet.
Eigentlich hätte es gereicht, die dreizehn Gesprächsprotokolle als
jeweils eigene Kapitel mit einleitenden Bemerkungen zu dokumentieren. Das Ergebnis
wäre ein solides Sachbuch gewesen, mit hohem dokumentarischem Wert für
diejenigen, denen nicht nur, aber auch die "Südwester"-Geschichte
zum Verständnis des Landes und seiner Menschen bedeutsam ist. Störend
bliebe dabei einzig eine Reihe von falsch geschriebenen Orts- und Eigennamen,
die auf die Grenzen der lokalen Kenntnisse des Verfassers deuten, was aber auszuhalten
ist, weil sie letztlich irrelevant sind.
Leider vermochte der Schriftsteller Leskien sich nicht auf die Rolle des Chronisten
zu beschränken. Er flicht eine fiktive Erzählung ein, die einzig seiner
Phantasie entspringt. Sie operiert mit Klischees, die so hart an der Grenze
zwischen Erdachtem und Tatsächlichem verlaufen, dass sie für Verwirrung
sorgt. Weniger wäre in diesem Fall eindeutig mehr gewesen. Gleiches gilt
auch für das Glossar und die chronologische Übersicht.
Abgesehen von diesen störenden Accessoires handelt es sich um einen gelungenen
Versuch, die so diverse deutsch-namibische Minderheit in ihren spezifischen
Lebenserfahrungen auch für eine größere Öffentlichkeit
sichtbar werden zu lassen. Vorausgesetzt, dass die LeserInnenschaft sich darauf
einlässt, die individuellen Geschichten in ihrer Einzigartigkeit zugunsten
einer Horizonterweiterung aufzunehmen - ohne Ressentiments und Vorverurteilungen.
Henning Melber
Jürgen Leskien: Dunkler Schatten Waterberg. Afrikanische Nachtgespräche.
Schwartzkopff Buchwerke, Berlin 2004. 360 Seiten, 18 Euro.