Rezension: Zwischen allen Stühlen | Der Friedenspreisträger Orhan Pamuk steht unter Druck
Der
Schriftsteller Orhan Pamuk hat am 23. Oktober in der Frankfurter Paulskirche
den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Obwohl er zweifelsohne
einer der größten Romanciers der Gegenwart ist, darf man sich bei
solchen Auszeichnungen nie sicher sein, ob nicht politische Motive ausschlaggebend
gewesen sind, insbesondere dann, wenn der Preisträger kein Deutscher ist.
Autoren der Peripherie werden zudem mit einem ethnisierten Maß gewogen:
Pamuk selbst beklagte einmal, dass Proust über die Liebe schreiben dürfe,
er jedoch nur über "türkische Liebe". Dass ein westlich
sozialisierter Türke genau in dem Jahr einen der wichtigsten Literaturpreise
zugesprochen bekommt, in dem ein möglicher EU-Beitritt der Türkei
die Gemüter bewegt, würde kein Tatort-Kommissar und schon gar kein
Schriftsteller als Zufall durchgehen lassen.
Dabei bezeichnet sich Pamuk selbst als unpolitischen Schriftsteller. Wenn er
sich politisch äußere, dann als Staatsbürger. Diese Selbststilisierung
hat ihn nicht davor bewahrt, dass er in diesem für ihn äußerst
turbulenten Jahr in die Mühlen der Politik geraten ist. Sein jüngster
Roman Schnee erlebte in der Türkei eine ungewöhnlich hohe Auflage
von 100.000 Stück. Die New York Times kürte das Buch Ende 2004 zum
besten ausländischen Buch des Jahres. Anfang Februar 2005 erklärte
Pamuk dann im Schweizer Tagesanzeiger, in der Türkei seien eine Million
Armenier und 30.000 Kurden ermordet worden. Die türkische Presse und der
nationalistische Mob tobten daraufhin: Pamuk wurde als "Agent des Westens"
und "Volksfeind" zum Abschuss freigegeben. Anfang August schließlich
wurde der Autor angeklagt, die "türkische Identität" beschädigt
zu haben. Ihm droht nun eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren.
Pamuk scheint es ähnlich zu ergehen wie seinem Romanhelden in Schnee: Der
in Frankfurt lebende türkische Schriftsteller Ka kommt getragen von einem
Gefühl der Einsamkeit und Fremdheit in die nordostanatolische Provinzstadt
Kars und fällt unter Kurden, Geheimpolizisten und Revolutionäre, Islamisten
und Kopftuchanhängerinnen. Alle Seiten schmeicheln Ka, um ihn für
ihre Interessen einzuspannen, doch niemand kann sich auf ihn verlassen. Ka,
der seine Jugendliebe mit nach Deutschland nehmen will, wird am Ende aus Eifersucht
Teil der politischen Intrigen, aus denen er sich eigentlich heraushalten möchte.
Pamuk ist politisch nicht so naiv wie Ka. Zwar kommentiert er die vielen Stimmen
in seinem Roman nicht, denn ihm geht es darum, den Seelenzustand in der ländlichen,
dunklen, anatolischen Türkei einzufangen. Pamuk will der Empörung
über den Westen nicht Recht geben, sie aber verstehen und erklären.
Solange das Wesen und die Menschlichkeit anderer verdrängt und nicht dargestellt
würden, sei es viel einfacher, sie ohne schlechtes Gewissen grausam zu
behandeln. Wirklich unpolitisch ist eine solche Haltung nicht: Pamuk hat die
großen Ideen wie den Kemalismus oder den Islamismus satt. Seine Imagination
des Anderen dient der produktiven Provokation, die festgefahrene Identitäten
zum Tanzen bringen will.
Pamuk ist der postmoderne Erzähler der Türkei. In Schnee begegnen
wir einem jungen Islamisten, der einen Science-Fiction-Roman schreibt, jungen
gebildeten Frauen, die das Kopftuch als Ausdruck ihrer individuellen Selbstbestimmung
begreifen, und säkularen Autoritäten, die den Kampf gegen den rückständigen
Islam als Legitimation für Mord und Folter anführen. Pamuk ist ein
Kind der städtischen, vom technologischen Fortschritt wie von der westlichen
Kultur geprägten Türkei, die das Unbehagen an sich selbst ergriffen
hat. Statt für ein positivistisch-rationalistisches Ingenieursleben entschied
er sich für die Kunst. Die radikale Modernisierung durch Atatürk bedeutete
für ihn das Vergessen der osmanischen und islamischen Geschichte. Pamuk
ist kein Versöhnler zwischen Orient und Okzident, beobachtet aber teils
interessiert, teils ängstlich, was passiert, wenn beide aufeinander treffen.
Er schreibt aus der Erfahrung, "dass der Boden, auf dem wir stehen, im
Grunde schlüpfrig und unsicher ist".
In Frankfurt traf Pamuk nun selbst auf die Honoratioren von Literatur, Gesellschaft
und Politik eines maßgeblichen westlichen Landes. Das Publikum wartete
gespannt, was der Vorzeigetürke zur Gretchenfrage - "Wollen wir sie
reinlassen?" - sagen würde. Leider ließ er sich auf dieses Spiel
ein. Zwar sprach er zunächst über die Romankunst als solche, über
"die Möglichkeit die Geschichte eines anderen als die unsere"
und "unser Leben als das eines anderen" zu erzählen. Die politische
Dimension des Romans - in Schnee ja deutlich vor Augen geführt - wäre
klar und dringlich gewesen. Doch dann appellierte er an Europa, "das hoffnungsfrohe
Warten des Mannes, der an eine Tür klopft und um Einlass bittet",
nicht zu enttäuschen. Dieser Appell ist verständlich: Pamuk ist der
Überzeugung, dass das Einzige, was gegen islamistische Demagogen hilft,
eine offene Gesellschaft und steigender Wohlstand sind - beide erhofft er sich
von Europa. Aber das Vertrauen auf die Kraft und politische Wirkung des vermeintlich
unpolitischen Romans wäre nicht nur eleganter gewesen, es hätte auch
unterstrichen, dass der großartige und durchaus politische Schriftsteller
und nicht der Bittsteller Pamuk diesen Preis verdient hat.
Wahrscheinlich hat Pamuk nach einem aufreibenden Jahr nur resigniert der Einsicht
nachgegeben, dass das vermeintlich Unpolitische nicht vom Politischen fernzuhalten
ist. Pamuks Romanheld Ka wird übrigens nach seiner Rückkehr nach Frankfurt
nicht gefeiert, sondern auf offener Straße erschossen.
Jörg Später
Orhan Pamuk: Schnee. Carl Hanser Verlag, München 2004. 512 Seiten,
25,90 Euro.