Nicht mehr die lichte Zeit erblickt ...
"Wie der Tag die Nacht ablöst, so wird auch die Tyrannei ihr Ende
finden. Wahrlich, wir werden noch den Untergang der Gewaltherrschaft erleben.
Mit eigenen Augen werden wir den Anbruch der lichten Zeit der Wunder erblicken."
(Schlusssatz von "Awlad Haratina" / "Die Kinder unseres Viertels")
Nagib Machfus hat den Untergang der Gewaltherrschaft und den Anbruch
der lichten Zeit nicht mehr erlebt. Auch sein hohes Alter von fast 95 Jahren
reichte nicht aus, das von ihm herbeigesehnte und -geschriebene Zeitalter der
Vernunft zu erblicken. Der einzige Literaturnobelpreisträger arabischer
Zunge, der sein geliebtes Kairo, in das er 1911 als Sohn eines kleinen Beamten
hineingeboren worden war, kaum jemals verließ, war ebenso in seiner Welt
der einfachen Leute Kairos und Alexandrias verankert, wie kosmopolitisch. Da
er für den Literaturnobelpreis 1988 Kairo nicht verlassen wollte, erklärte
er in einer schriftlichen Grußbotschaft, er stamme nicht nur aus den Zivilisationen
der Antike, die in der arabischen Kultur steckten, sondern er liebe auch den
"Zaubertrunk des Westens". Für diese Liebe wurde der weltoffene
Verteidiger universeller Werte der Aufklärung von all jenen gehasst, die
sich als die einzigen wahren Verteidiger der islamischen Zivilisation sehen.
Nagib Machfus wurde nicht nur zum Feindbild radikaler Islamisten, die im Oktober
1994 auf den damals 82-jährigen Mann ein Messerattentat verübten und
ihn so zwangen, die letzten Jahre seines Lebens ständig unter Personenschutz
zu stehen. Sein Werk war auch vielen arabischen Regierungen, die sich bei der
Frankfurter Buchmesse 2004 mit seinem Namen schmückten, zutiefst suspekt.
In einem Großteil der Länder der Arabischen Liga ist zumindest sein
Buch "Awlad Haratina" verboten und bestenfalls unter dem Ladentisch
erhältlich. Nichts desto trotz gehören seine Kairo-Triologie ("Zwischen
den Palästen", "Palast der Sehnsucht", "Zuckergäßchen"),
seine Erzählungen wie "Der Dieb und die Hunde" oder "Die
Midaq-Gasse" heute zu den bekanntesten Werken zeitgenössischer arabischer
Literatur. Immer wieder befasste er sich darin mit dem Leben einfacher Leute,
das in all ihrem Leid, aber auch in ihren durchaus eigenen Handlungsmöglichkeiten
dargestellt wird. Er vergisst dabei weder Prostituierte noch andere an den Rand
Gedrängte und wirft damit einen präzisen und ehrlichen Blick auf die
ägyptische Gesellschaft.
Ganz persönlich habe ich von Nagib Machfus mehr über Kairo gelernt
als von irgend einem anderen Autor, Wissenschafter oder Journalisten. Was ich
sehen konnte, hätte ich nie so beschreiben können, aber vielleicht
verdanke ich dem am 30. August verstorbenen Dichter, überhaupt die Augen
dafür geöffnet zu haben.
Thomas Schmidinger