Rezension: Der afrikanische Aufbruch
Am 9. Oktober wäre Léopold Sédar Senghor hundert Jahre alt
geworden. Der vor fünf Jahren gestorbene senegalesische Dichter und Politiker
hat als erster Afrikaner in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des
Deutschen Buchhandels erhalten. Das war 1968, und die Preisverleihung war begleitet
von lauten Studentenprotesten. In deren Mittelpunkt stand die Politik Senghors:
Als Präsident Senegals hatte er damals die Opposition wenig demokratisch
ausgespielt.
Der Bayreuther Afroromanist János Riesz hat weniger dem politischen als
vielmehr dem poetischen Werk Senghors, das in einer seltenen Breite in deutscher
Übersetzung vorliegt, ein überaus interessantes Buch gewidmet: Léopold
Sédar Senghor und der afrikanische Aufbruch im 20. Jahrhundert. Gleich
vorneweg: Riesz ging es nicht um eine klassische und vollständige Biografie
Senghors. Stattdessen handelt es sich um eine zeitpolitische Abhandlung, um
einen geistesgeschichtlichen Essay.
Senghor zählte zu den Vordenkern der so genannten Negritude. Diese Geistesströmung
entstand in den 1930er Jahren in Paris. Ihr Ziel war die Aufwertung der Gesamtheit
der kulturellen Werte der schwarzen Welt. Mit dieser schwarzen Welt war nicht
nur Afrika gemeint, sondern auch die afrikanische Diaspora vor allem in den
USA und in der Karibik. Riesz' Buch leistet ganz hervorragend eine Einbettung
von Senghors Negritude-Theorie in den Zusammenhang auch US-amerikanischer Befreiungsideologien.
Die Negritude war eben nicht nur ein afrikanisches Phänomen, isoliert von
der "Ersten Welt", sondern vielmehr verknüpft und verankert in
einer breiten Tradition, die noch über die Negritude hinaus wirkte. Auch
Albert Camus und Jean-Paul Sartre zählen zu den Wegbereitern und Weggefährten
Senghors. Riesz arbeitet dies umsichtig heraus, indem er sich einem in Deutschland
noch unbekannten Teil von Senghors Werk widmet: dem essayistisch-theoretischen
Schaffen des Senegalesen. Wer lediglich den hymnischen, pathetischen Gestus
von Senghors Poesie kennt - sämtliche Gedichte erschienen schon 1963 auf
Deutsch -, der wird erstaunt sein von der unmissverständlichen und klaren
Rationalität in seinen Essays.
Anschaulich schildert Riesz die Phase des Aufbruchs afrikanischer Intellektueller.
Er zeigt, wie Senghor versuchte, seine Auffassung von einer zusammengehörigen
schwarzen Kultur auch politisch manifest werden zu lassen. Und als sich diese
Vision eines Panafrikanismus, einer westafrikanischen Föderation, nicht
realisieren ließ, da strebte Senghor nach einer Kulturgemeinschaft im
Konstrukt der so genannten Frankophonie, des weltweiten Verbunds französischsprachiger
Länder.
Riesz stellt die Gedankenwelt Senghors ausgezeichnet dar. Er beleuchtet sie
von ihren intellektuellen Wurzeln bis zu ihren ideologischen Folgen. Er zeigt,
wie sich das Denken eines Menschen unter sich ändernden politischen Vorzeichen
wandelt - der Zweite Weltkrieg, die afrikanischen Unabhängigkeiten -, und
illustriert damit die Entwicklung des Dichters, Denkers und Politikers. Der
Band, in Erzählstil geschrieben, ist wunderschön zu lesen und illustriert
mit einer Zeittafel und ausgewählten Fotografien. Leider kommen die politische
Seite Senghors und sein späteres Wirken als Präsident Senegals zu
kurz, also jene Phase, die einst zu den Frankfurter Protesten 1968 geführt
hatte. Dieser Abschnitt aus Senghors Leben sollte Riesz ein weiteres Buch wert
sein.
Manfred Loimeier
János Riesz: Léopold Sédar Senghor und der afrikanische
Aufbruch. Essay. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2006, 349 S., 24,90 Euro.