Rezension: Wer was warum verdient
Die ghanaische Autorin Amma Darko ist ein Phänomen. Sie verfasst ihre Unterhaltungsromane
vorrangig für den deutschen Büchermarkt, aber mittlerweile hat sie
damit auch in ihrer Heimat und im weiteren Ausland beachtlichen Erfolg. Es begann
mit ihrem Erstling "Der verkaufte Traum", in dem die Autorin vor gut
15 Jahren ihre Immigrantinnenjahre in Deutschland beschrieb. Doch das ist nun
schon vier weitere Romane und einen Erzählungsband her, und inzwischen
hat sich Darkos Literatur stilistisch etwas erweitert. Darko schreibt kaum noch
autobiografisch, hat den Schauplatz ihrer Bücher nach Afrika verlegt, und
sie versucht sich neuerdings sogar in Rückblenden und inneren Monologen.
Freilich ist Darko dem Genre der Unterhaltungsliteratur treu geblieben, wie
auch ihr Buch Das Lächeln der Nemesis beweist. Ernst nehmen kann man Darkos
neue Geschichte nicht. Denn die 52-jährige Schriftstellerin packt alles
in die Handlung ihres neuen Romans hinein, was ihr unterkommt und was das interna-tionale
Publikum interessieren könnte. Da geht es um Sekten und Prediger, um Hexen
und böse Orakel, um Liebe, Sex, Prostitution, Aids und Seitensprung, um
konkurrierende Radiosendungen und um einen alten Fluch, der aus dem Jenseits
herüberwirkt wie in einem Hollywood-Mysterienspektakel. Auch bei diesem
Fluch geht es um Sex - genauer um Polygamie, Sugar Daddies und das Feilschen
um den Höchstpreis, der mit Sex erzielt werden kann. Dabei ist nicht zu
vergessen, dass in afrikanischen Ländern das weibliche Schreiben über
Sex dazu beitragen kann, die Tabuisierung des öffentlichen Sprechens von
Frauen über Sex, das in merkwürdigem Missverhältnis zur männlichen
Praxis steht, zu brechen.
Dass Darko dabei aber die Haupthandlung bisweilen aus dem Auge verliert, darf
die LeserInnen, denen es nicht anders ergeht, aber nicht stören. Zuverlässig
löst sich gegen Ende des Buches der Spuk auf - wobei allerdings nicht ganz
klar wird, wie es das Schicksal mit zahlreichen weiteren Figuren meint. Hat
zum Beispiel die junge Randa, die sich eigentlich als Cora entpuppt und als
Rachegöttin für die Schmach fungiert, der ihrer Familie angetan wurde,
nun auch Aids?
Kein Zweifel: Darkos Roman wird seine LeserInnen finden, denn ihre Fangemeinde
hier zu Lande ist treu. Aber schade ist es doch, dass derlei - natürlich
durchaus berechtigte - Unterhaltungsliteratur unverhältnismäßig
stark das Image afrikanischer Literaturen in Deutschland prägt. Aber das
Selbe ließe sich auch von den Emotionsschmökern der Kamerunerin Calixte
Beyala oder der Südafrikanerin Marita van der Vyver sagen. Letztlich bekommen
LeserInnen die Literatur, die sie verdienen - und damit auch die Botschaft,
die sie hören wollen. In diesem Roman lautet sie: Keine Tat bleibt ohne
Sühne. Und das könnte zu verantwortlicherem Handeln beitragen, immerhin.
Manfred Loimeier
Amma Darko: Das Lächeln der Nemesis. Roman. Aus dem Englischen
von Kirsten Esser. Schmetterling-Verlag, Stuttgart 2006. 259 Seiten, 18 Euro