Schrecken des Fundamentalismus
Am 15. August 2007 feierte Indien den 60. Jahrestag seiner Unabhängigkeit.
Einen Tag zuvor, damals am 14. August 1947, hatte Mohammed Ali Jinnah das unabhängige
Pakistan ausgerufen. Beide Tage gelten als Auftakt für die Entkolonialisierungswelle
in Afrika und Asien. Sie lösten aber auch die blutigsten Massaker aus, die
der Subkontinent bis dahin gesehen hatte. Muslime flohen von Indien nach Pakistan,
Hindus und Sikhs von Pakistan nach Indien. Mindestens eine Million Menschen wurden
dabei massakriert, Frauen hunderttausendfach vergewaltigt, Häuser, Dörfer
und Stadtteile niedergebrannt. Während die Unabhängigkeit mit einem
Nationalfeiertag begangen wird, gebe es "weder in Indien noch Pakistan ein
Denkmal für die Opfer", die "wie gewöhnlich in erster Linie
die Armen aus Stadt und Land waren", schreibt der britische Autor Tariq Ali
in seinem Nachwort zu den Kurzgeschichten des Schriftstellers und Journalisten
Saadat Hassan Manto.
Manto, der bis 1948 in Bombay lebte und dort erfolgreich
als Drehbuchautor arbeitete, musste nach Pakistan fliehen, weil ihm vorgeworfen
wurde, er begünstige Muslime. In seinen Schwarzen Notizen stellt Manto das
Grauen nicht nur dar, er versucht es auch zu verarbeiten, mit bissigem, verzweifeltem
Humor, der immer auf die Täter zielt und die Würde der Opfer wahrt.
Er hält Distanz, schlägt sich weder auf die Seite der Moslems, noch
auf die der Hindus. In seinen manchmal sehr knapp gehaltenen Geschichten, die
schlaglichtartig eine Situation erhellen, bedient er sich einer schnörkellosen
Sprache.
In seinen längeren Kurzgeschichten reißt Mantos Erzählkunst
die LeserInnen mit, er lässt sie mitleiden und mitfürchten, verschafft
ihnen Erleichterung und konfrontiert sie am Ende wieder mit der ausweglosen Brutalität
des religiösen Fanatismus, die seine Figuren immer wieder einholt. Etwa in
der Geschichte "Gurmukh Singhs Vermächtnis", in der eine alte Familienfreundschaft
schließlich den Flammen des Hasses geopfert wird.
In vielen Geschichten
wirft Manto einen Blick auf die von der Gesellschaft Ausgegrenzten. In "Toba
Tek Singh" sind es diejenigen, die als "geisteskrank" weggesperrt
werden. Zwei, drei Jahre nach der Teilung haben die Regierungen Indiens und Pakistans
beschlossen, auch die Insassen ihrer "Irrenanstalten" auszutauschen.
Dazu gehört Toba Tek Singh, ein Sikh, der nun nach Indien soll. An der Grenze
angekommen, klettert er auf einen Baum und ruft, er wolle weder nach Pakistan
noch nach Indien. In einer Welt, in der die Irrationalität regiert, lässt
Manto seinen "irren" Protagonisten den einzigen vernünftigen Gedanken
aussprechen, den die brutale Realität noch zulässt. Manto selbst zerbricht
an dieser Realität, ertränkt seinen Schmerz im Alkohol und stirbt im
Alter von 43 Jahren.
"Heute fault diese Vergangenheit weiter und scheint
auch die Zukunft zu vergiften", befürchtet Ali in seinem Nachwort. Die
jüngsten Ereignisse geben ihm Recht. Muslime aus dem indischen Bundesstaat
Gujarat, 2002 Schauplatz von antimuslimischen Pogromen, wollen nun wieder in ihre
Dörfer zurückkehren. Aber Vertreter der ansässigen Hindus stellen
ihnen Bedingungen: Sie könnten nur zurückkehren, wenn sie den Hinduismus
annehmen oder ihre juristischen Klagen gegen ihre Verfolger zurückziehen.
Manto hat seine Geschichten in Urdu geschrieben, was ein Grund dafür
ist, dass sie so spät ins Deutsche übersetzt wurden. Denn die großen
deutschen Verlage konzentrieren sich auf die englischsprachige Literatur aus Indien
und Pakistan. Dabei ist das Werk von Manto schon Ende der 1990er Jahre von Salman
Rushdie als "Weltliteratur" bezeichnet worden. Mantos meisterhafte Kurzgeschichten
lenken die Aufmerksamkeit auf einen Teil der Geschichte des Subkontinents, die
den Höhepunkt der Entfremdung zwischen Hindus und Muslimen markiert und noch
nicht aufgearbeitet ist. Indem er in seinen Geschichten den Schrecken des religiösen
Fundamentalismus mit aller Deutlichkeit aufzeigt, leistet er einen wichtigen Beitrag
zur Verständigung.
Gerhard Klas
ausgewählt und
übersetzt aus dem Urdu von Christina Oesterheld. Suhrkamp, Frankfurt 2006.
157 Seiten, 12,80 Euro.