Alltag in Indien
Die Erzählungen in dem nur 69 Seiten umfassenden Taschenbuch Der Goldene
Gürtel von Uday Prakash spielen fernab der Großstadt und berichten
aus dem Leben einer Großfamilie. "Der Nagelschneider" beschreibt
den Tod der Mutter aus der Sicht ihres Sohnes. Anhand eines Nagels, der geschnitten
werden muss, wird der Prozess des Sterbens bis aufs Kleinste nachgezeichnet. Am
Ende stirbt die Mutter, der Nagelschneider bleibt zurück. Denn Dinge gehen
"im Gegensatz zu Menschen nicht verloren. Nur wir vergessen den Ort, an den
sie gehören". Auch in "Die Schachtel" oder "Der goldene
Gürtel" stehen Gegenstände im Mittelpunkt. Anhand von Symbolen
wie diesen werden die Emotionen aus der Kindheit sichtbar, sie stehen für
eine "angeborene Angst", für die Allmacht dunkler Familiengeheimnisse
und menschlicher Grausamkeit, für Gier und fehlendes Mitgefühl.
Uday
Prakash hat sich bereits in seinen frühen Erzählungen mit aktuellen
Problemen in der indischen Gesellschaft beschäftigt. Er steht für die
Entideologisierung der Literaturproduktion und wählt einen sehr persönlichen
Zugang zu gesellschaftlichen Grundfragen. Seine atmosphärisch dichten Geschichten
stellen Bilder und Symbole in einen ungewohnten Kontext, um sie immer wieder neu
zu hinterfragen. Durch sein Anknüpfen an den lateinamerikanischen "Magischen
Realismus" hat Prakash dazu beigetragen, neue Perspektiven für die Hindi-Literatur
zu eröffnen.
Auch die elf Erzählungen des Sammelbandes Mauern
und Fenster haben allesamt etwas Magisches an sich. Sie schildern das moderne
Alltagsleben der indischen Mittelklasse. Religionskonflikte zwischen Muslimen
und Hindus, familiäre Generationskonflikte oder die Fremdheit im eigenen
Land sind dabei allgegenwärtig. Die von Ulrike Stark herausgegebene Anthologie
versammelt fast ausschließlich junge AutorInnen mit ihren Geschichten jenseits
von gängigen Indien-Klischees. Mit Uday Prakash und der in Kalkutta lebenden
Autorin Alka Saraogi sind zwei der bedeutendsten RepräsentantInnen zeitgenössischer
Hindi-Literatur vertreten.
Mauern und Fenster bilden die stilistische
Klammer. Die erste Geschichte des Bandes handelt von den engen Mauern des Heranwachsens.
Sara Rai erzählt von der Langeweile in einem alten, verrottenden Haus, in
dem die Kindheit an der Ich-Erzählerin vorüberzieht. Die letzte Geschichte
trägt den Titel "Das Fenster". Shasibhushan Dvivedi schaut sich
die "Traumhaftigkeit der Stadt" durch ein Fenster an. Mauern und Fenster
werden zum Anlass, von verdrängten Gefühlen und traurigen Momenten des
Heranwachsens zu erzählen, vom Tod und von der Übermacht der Gesellschaft.
Hier treffen sich die beiden Werke, denn auch Uday Prakash erzählt meist
von einer Gesellschaft voller Festungen, umgeben von tiefen Gräben, mit hohen
Türmen und Mauern.
Rosaly Magg
Uday Prakash: Der
goldene Gürtel. Erzählungen. Draupadi Verlag, Heidelberg 2007. 69 Seiten,
9,80 Euro
Ulrike Stark (Hg.): Mauern und Fenster. Neue Erzählungen aus
Indien. Draupadi Verlag, Heidelberg 2006. 159 Seiten, 14,80 Euro