Rezension: Das wahre Drama
Es
gibt Filme, die sind so unglaublich politisch korrekt, dass kein Publikum und
kein Kritiker sie wirklich schlecht finden kann. Bamako ist einer von ihnen.
Der Plot von Autor und Regisseur Abderrahmane Sissako geht so: In einem Hinterhof
in Malis Hauptstadt Bamako tagt ein imaginäres Gericht. Verhandelt werden
die Verbrechen der westlichen Staaten gegenüber Afrika. Als Ankläger
treten verschiedene ProtagonistInnen der "afrikanischen Zivilgesellschaft"
auf, wie eine Schriftstellerin und eine Aktivistin. Auf der Anklagebank sitzt
ein Vertreter der Weltbank, ein älterer weißer Herr. Der Reihe nach
sagen Zeugen aus und berichten vom Elend in Afrika, wie etwa ein Flüchtling,
der auf dem Marsch durch die Sahara mit ansehen musste, wie ein Gefährte
stirbt.
Diese etwas rigide Anordnung unterbricht Sissako mit allerlei Exkursen. Er deutet
die Geschichte der Sängerin Melé an, die von einem Engagement in
Afrikas Musikhauptstadt Dakar träumt und dafür Mann und Tochter im
Stich lässt. Er zeigt das Alltagsleben im Hinterhof und dessen BewohnerInnen,
die dem Schauprozess mal mehr, mal weniger interessiert zuhören. Und er
schiebt einen Film im Film ein - eine Persiflage auf einen Italowestern mit
dem Titel "Tod in Timbuktu". Der schwarze Hollywoodstar Danny Glover
hat darin einen Auftritt als Rächer der Erniedrigten.
All das sind zweifellos gute Zutaten für einen metapherstarken Film aus
und über Afrika. Und doch hinterlässt "Bamako" einen zwiespältigen
Eindruck. Obwohl Sissako keinen Agitprop im engeren Sinn anstrebt, ist die politische
Botschaft, die er den ZuschauerInnen bei aller Kunstfilm-Attitüde auf's
Auge drückt, ziemlich schlicht. Der Westen, sein neoliberales Modell und
der Kolonialismus sind in "Bamako" an allem Elend des afrikanischen
Kontinents schuld. Über Schlagworte wie "Privatisierung", "Strukturanpassung"
und "G8" geht die Suche nach den Ursachen für Afrikas Armut kaum
hinaus. Erwartungsgemäß sind US-Präsident Bush und Weltbankpräsident
Paul Wolfowitz die Oberschurken. Die Plädoyers und die als authentisch
präsentierten Zeugenaussagen im Schauprozess klingen bisweilen so, als
seien sie aus einer Attac-Broschüre abgeschrieben. Ob das daran liegt,
dass der Regisseur in Paris lebt?
Trotz seiner Längen, trotz der wenig überzeugenden Montage von Bruchstücken
ist der Film bewegend. Er zeichnet sich durch eine geradezu existentialistische
Melancholie aus. Selten wurde die Trauer und Desillusionierung der vom guten
Leben Abgeschnittenen so schonungslos gezeigt wie in "Bamako". "Das
wahre Drama in Afrika sind nicht die Menschen, die sterben, es sind jene, die
enttäuscht sind und jegliche Hoffnung verloren haben." (Sissako).
Dieses Drama in all seinen Ausdrucksformen als Film zu inszenieren und dabei
auf ein versöhnlerisches Happy End zu verzichten, ist die Stärke von
"Bamako".
Christian Stock
Bamako (Regie/ Buch: Abderrahmane Sissako, Mali/ Frankreich 2006, 118 Min.),
läuft im ganzen Jahr 2007 in ausgewählten Programmkinos. Infos bei
www.kairosfilm.de (D) oder www.trigon-film.org (CH).