Rezension: Der Schein der Person
Die so genannte Visa-Affäre war das politische Highlight im ersten Quartal
2005. Oppositionelle Bundestagsabgeordnete starteten eine Stimmungskampagne
gegen Außenminister Fischer, der in kürzester Zeit in die Defensive
geriet. Die Reiseerleichterungen hätten hauptsächlich Schwarzarbeiter,
Kriminelle und Zwangsprostitution nach Deutschland gebracht, der ehemalige Staatsminister
im Außenamt, Ludger Volmer, sei folglich ein "einwanderungspolitischer
Triebtäter" und Joschka Fischer ein "Zuhälter". Der
Medienprofi Fischer fiel nach drei Jahren unangefochtener Führung als "beliebtester
Politiker" auf Rang sechs. Die Frage der Visa-Erteilung hatte offensichtlich
an tiefer liegende Schichten im politischen Bewusstsein gerührt. Ist der
zu Tage getretene Widerstand gegen die partielle Reisefreiheit ein Schritt zurück
in die Ära des Nationalismus?
Mehr noch, sagt der Luzerner Mediävist Valentin Groebner in seinem Buch
Der Schein der Person. In den Papieren, die uns heute bescheinigen, wer wir
sind, stecke der Geist des Mittelalters. Schon im 8. Jahrhundert schrieben karolingische
Gesetze jedem Reisenden den Besitz von brieffen oder einer epistula vor: Dokumente
zur Weiterreise auf Wachstafel oder Pergament, welche von Grenzwächtern
mit einem Stempel oder Siegel zu versehen waren. Das Motiv dafür war fragwürdig,
so der Historiker: "Geleitbriefe stellte jede Gewalt aus, die mächtig
genug war, Reisende für Schutz vor ihr selbst bezahlen zu lassen."
Eine entscheidende Grundlage der heutigen Pässe ist zwar jüngeren
Datums als das Mittelalter, denn von Staatsangehörigkeiten im modernen
Sinne kann erst seit dem 19. Jahrhundert die Rede sein. Der Begriff "Passport"
ist dennoch schon weitaus älter als die Nationalstaaten. Er bezeichnete
ein Dokument, mit dem Händler das Tor (port) einer Stadt passieren durften.
Die Unterschiede zum heutigen Pass waren noch groß, denn die alten Urkunden
enthielten kaum Angaben zur Person. Bilder spielten in den Dokumenten des Mittelalters
keine Rolle. Die Person wurde mittels Stempeln, Wappen und Insignien dargestellt.
Entscheidend war "der Schein der Person". Nur eine kleinere Minderheit
besaß solche Dokumente, sie waren ein Privileg.
Mit der Erfindung von Papier ging ein Aufschwung des Registrierwesens einher.
Gleichzeitig wurden die Personenbeschreibungen genauer. Die Kategorie der "besonderen
Kennzeichen" wurde erfunden. In dieser frühen Geschichte der Bürokratie
erscheint Schriftlichkeit als Kampfmittel um Definitionsmacht: "Das Dokument
verwandelte denjenigen, der den besiegelten brieff als Ausweis vorzeigen konnte,
in das, was in und auf dem Dokument bescheinigt war." Ab Mitte des 15.
Jahrhunderts wandelten sich die passborten vom seltenen Privileg zum obligatorischen
Identitätspapier. Reisen wurde immer mehr zu einer Frage der richtigen
Papiere. Mit der Ausweispflicht stieg die Dichte der Kontrollen. Gegenüber
missliebigen Gruppen wie Bettlern wurden Pässe ein Mittel, um sie zu assimilieren
oder zu vertreiben. Die Erlasse, die die Welt fortan geordnet und verwaltet
haben wollten, sahen sich allerdings weiter einer widerborstigen Realität
gegenüber. So stiegen mit den neuen Papieren ihre Doppelgänger auf:
die Fälschungen. Migration fand auch weiterhin ohne obrigkeitliche Zustimmung
statt.
Nach seinem informativen Rückblick auf die Frühzeit des Ausweiswesens
fragt Groebner abschließend nach den Methoden des Identifizierens heute.
Wo lebt das Mittelalter in den Ausweisen fort und wo nicht? Die aktuelle Aufnahme
biometrischer Merkmale in den neuen Reisepässen bietet ein bisher unerreichtes
Maß an Identifizierbarkeit. Aber, so der Autor, "es sieht ganz so
aus, als ob die alten Geschichten aus Mittelalter und Renaissance heute in den
Debatten um DNA-profiling und Biometrie auf dem Schwarzmarkt für gestohlene
Pässe und in den Biographien der papierlosen Flüchtlinge immer wieder
neu erzählt werden. Wer ist wer? Und womit kann er es beweisen?"
Manche Frage lässt Groebner offen. Im Schwenk zur Gegenwart zeigt der Historiker
zu einseitig die Kontinuitäten auf, er verweist kaum auf die Brüche.
So bleibt etwa die emotionale Aufladung der Zugehörigkeit zu einem Staat
durch das Nationalgefühl seit dem 19. Jahrhundert unerwähnt. Dennoch
kann das Buch als ein Standardwerk zur Entstehung der Identifikationstechniken
gelten, das reichlich spannende Thesen enthält. Wenn Groebner das Mittelalter
in den neuen Plastikkarten erkennen lässt, wird deutlich, dass die "Negation"
der Anderen, der Nicht-dazu-gehörigen schon am Anfang des Passwesens stand.
Die "Präsenz der Obrigkeit", die heute noch in den "farbenprächtigen
Hologrammen und Kinegrammen" schimmert, verweist auf die intendierte Erhabenheit
der Dokumente, die Joschka Fischer kurzzeitig nicht im Blick hatte.
Winfried Rust
Valentin Groebner: Der Schein der Person. Steckbrief, Ausweis und Kontrolle
im Mittelalter. Beck, München 2004. 230 Seiten, 23,60 Euro