Rezension: Ewiger Nuscheler
Die Zeiten haben sich geändert: Heute steht das "Staatsunternehmen
Entwicklungshilfe" nicht mehr unter marxistischem, sondern unter neoliberalem
Beschuss. Der Papst der wissenschaftlichen Begleitung der bundesdeutschen Entwicklungspolitik,
Franz Nuscheler, hat das eine überstanden und wird auch das andere überdauern.
Denn solange es den Kapitalismus gibt, wird es auch eine internationale Sozialpolitik
geben müssen. Man darf also konstatieren: Die Kritiker von Entwicklungspolitik
kommen und gehen - der Nuscheler aber bleibt bestehen.
Damit dies so auch wirklich bleibt, hat der inzwischen emeritierte Politologe
die fünfte vollständig veränderte Auflage des Lern- und Arbeitsbuches
Entwicklungspolitik herausgebracht - eine, wie es im Untertitel heißt,
"grundlegende Einführung in die zentralen entwicklungspolitischen
Themenfelder Globalisierung, Staatsversagen, Hunger, Bevölkerung, Wirtschaft
und Umwelt". Keine Frage, das Buch ist ein Überblickswerk, das seines
Gleichen sucht. Nuscheler ist ein Meister der Komplexitätsreduzierung auf
hohem Niveau. Manchmal doziert er wie ein Schullehrer, aber Nuscheler ist ja
eben eine Schule für Entwicklungspolitik.
Zu dieser Attitüde gehört das penetrant vorgetragene Credo der Differenziertheit.
Das geht so: Nuscheler stellt Position A vor, die behauptet: "Alles ist
schlecht". Dann widerspricht Position B: "Alles ist gut." Dann
kommt Nuscheler und sagt: "Nicht alles ist gut, aber auch nicht alles ist
schlecht." Manchmal sagt er auch: "Nicht alles ist schlecht, aber
auch nicht alles ist gut." Gut ist in jedem Fall Willy Brandts Nord-Süd-Politik,
undifferenziert wahrscheinlich die iz3w, die erstmals nicht mehr zu den im Handbuch
erwähnten wichtigen Zeitschriften zählt, obwohl sie weder neoliberal
ist noch Attac angehört.
Nun sind zwar pauschale und einseitige Urteile in der Regel tatsächlich
undifferenziert; Urteile jedoch, die notorisch den vermeintlich "goldenen
Mittelweg" wählen, egal, worum es geht, lassen darauf schließen,
dass der Urteilende es sich bequem gemacht hat. Für den Leser ist das zumindest
oft langweilig. So gilt insgesamt für den neuen Nuscheler: Zwar ist nicht
alles gut, aber das wenigste ist wirklich schlecht.
Jörg Später
Franz Nuscheler: Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik. 5. Auflage, J.H.W.
Dietz, Bonn 2004. 16,80 Euro.