Rezension: Brautpreis Deutschland
"Dies ist eine wahre Geschichte. Sie handelt von Liebe und Sklaverei, von
Ehre und Respekt, von türkischem Mocca und verkauften Bräuten."
So lautet nicht etwa der Beginn eines Abenteuerromans, sondern von Necla Keleks
viel beachtetem Buch Die fremde Braut, das den Alltag von türkischen
Frauen beschreibt, die als Importbräute nach Deutschland verschachert wurden.
Es ist ein Buch, das sowohl die multikulturelle Mehrheitsgesellschaft als auch
die türkische Community anklagt, weil für diese Importbräute
demokratische Grundrechte in Deutschland nicht gelten. Unvorstellbar, dass der
einzige Ort, an dem sich diese Frauen treffen können, die Moscheen sind,
und dass es der Autorin gelungen ist, in diesem eng begrenzten Rahmen Interviews
mit ihnen zu führen. Dabei ist ein zutiefst emotionales Buch entstanden,
das nicht umsonst wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste stand.
Die Soziologin erzählt darin detailgetreu die Geschichten ihrer Familie
und anderer Türkinnen in Deutschland. Kelek prangert "falsche Toleranzen"
in Deutschland an, will statt "Bereicherung durch Multikultur" vor
allem die Menschenrechtsmissachtungen in den Vordergrund stellen. "Wenn
in der Politik von Zwangsheirat gesprochen wird, dann ist meist auch Frauenhandel
und Zwangsprostitution gemeint - eindeutig Verbrechen, die verhindert werden
müssen." Ihre Grundforderung ist, den "Brautpreis Deutschland"
und den damit verbundenen "billigen" Import zu unterbinden. Im Stile
der Bekenntnisliteratur legt sie den Einfluss des Islams auf das Alltagsverhalten
türkischer Frauen und Männer dar. In ihrer Parteilichkeit lässt
sie selbstbewusste islamische Frauen oder liberale türkische Familien,
die eine säkulare Ordnung gutheißen, nicht auftauchen. Ihren Fokus
legt sie auf die schweigende Mehrheit mit Kopftuch und die entrechteten Frauen
und Kinder, die als Eigentum der Familie betrachtet werden.
So spannend und wichtig das Buch einerseits ist, hat es aber auch fatale Auswirkungen.
Denn Kelek argumentiert streckenweise ganz im rechtskonservativen Jargon: "Eine
demokratische Gesellschaft muss ihre Errungenschaften verteidigen. Wenn Menschen
zu uns nach Deutschland kommen, dann müssen sie das zu den Bedingungen
tun, die in diesem Lande gelten." Da mutet es auch nicht befremdlich an,
dass Otto Schily Keleks Buch im Februar vorstellte. Nach dem mutmaßlichen
Ehrenmord an der Türkin Hatun Sürücü kurz zuvor in Berlin-Tempelhof
wurde ein politisches Signal von ihm erwartet. Doch Schily berief sich nur auf
das neue Zuwanderungsgesetz und darauf, dass die Schulbildung versagt habe,
zur Zwangsehe gab er lediglich ein persönliches Bekenntnis: "In meinen
Augen ist eine Zwangsehe rechtswidrig und verfassungswidrig, und nach unserem
Verständnis kann sie eigentlich gar nicht gültig sein". So stellt
auch Kelek am Ende ihres Buches einen Forderungskatalog auf, der Zwangsehen,
arrangierte Ehen und Mehrehen ächten, sowie ein Mindestalter bei Familienzusammenführungen
und Sprach- und Integrationskurse für Import-Bräute vorschreiben will.
Bei all den wichtigen und richtigen Beobachtungen, die Kelek aufzeichnet, steckt
ihre Argumentation jedoch in einer Sackgasse. Geächtet von den Muslimen,
umstritten in der antirassistischen Linken, befindet sich Kelek in einem politischen
Dilemma. Sie verweist auf den Schuldkomplex der Deutschen, der den "Muslimen
alles verzeiht (....). Die Argumentationskette ist schlicht. Ausländer
sind arm (weil sie von uns ausgebeutet werden) und gut (weil sie nicht so sind
wie wir). Also muss die deutsche Gesellschaft ihre Schuld abtragen - und ihnen
helfen. Durch politische Rücksichtnahme und durch finanzielle Zuwendung."
Gleichzeitig macht sie den in Deutschland lebenden TürkInnen den Vorwurf,
ihre Integration sei gescheitert, weil sie sich lieber in einer Parallelgesellschaft
bewegten. Die Ursachen für das Scheitern liegen für Kelek zwar auch
in der strukturellen Benachteiligung von AusländerInnen und einer gewissen
xenophoben Grundhaltung im multikulturellen Diskurs, vor allem aber in der verfehlten
Integrationspolitik und dem fehlenden Pochen auf Grundrechte und Freiheit des
Individuums. Ja, wer ist denn nun Schuld, die türkische Community oder
der Schuldkomplex der Mehrheitsdeutschen? Oder ist es nicht eher falsch, hier
die Schuldfrage zu stellen, weil dadurch vereinfachte Lösungen suggeriert
werden?
Rosaly Magg ist Mitarbeiterin im iz3w
Necla Kelek: Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen
Lebens in Deutschland, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005. 272 Seiten,
gebunden, 18,90 Euro (D), 19,40 Euro (A), 33,40 SFr.