Rezension: Die Grenzen Europas
"Wir sind Weltmeister" oder gar "Wir sind Papst" funktioniert
bislang nur auf nationaler Ebene. Ob "unsere Jungs" Fußball
spielen oder "unser" Bildungssystem bei PISA schlecht abschneidet
- stets wissen wir, dass es um Deutschland geht. Auf europäischer Ebene
dagegen ist noch nicht einmal die Verfassung gemeinsame Grundlage geworden.
Der "europäische Geist", so scheint es, ist noch in der Flasche.
Wo das "Wir" noch in den Anfängen, ist das "Ihr" umso
wichtiger. Folgerichtig wird in jüngster Zeit gerne darüber gestritten,
wo denn die Grenzen Europas verlaufen. Die Stacheldrähte und Abschiebeknäste
in Spanien und Nordafrika markieren diese Grenzen mehr als deutlich. Und auch
in der Debatte um den Eintritt der Türkei in die Europäische Union
geht es zuallererst um Abgrenzung. Stefan Staumer analysiert in seinem Buch
Türkei: Europa oder Orient? diesen Diskurs anhand von wissenschaftlichen
Texten, offiziellen Publikationen, Zeitungen, Reiseführern und Karten.
Der Autor weist nach, dass in der Grenzziehung Europas der "Orient"
eine entscheidende Rolle spielt. Umstritten ist lediglich, welchem Kulturraum
die Türkei zugeschlagen wird. Sie gehört zwar zu den Teilnehmerländern
des Eurovision Songcontest, wird jedoch im Weltatlas oder bei der Definition
von zehn "Kulturerdteilen" dem Orient zugeteilt. Einig sind sich die
Autoren und Kartenzeichner laut Staumer lediglich darin, dass "die Türkei
eine spezifische, verteidigungspolitische Funktion für uns" erfüllt.
Gudrun Quenzel widerspricht im ihrem Buch Konstruktionen von Europa Staumers
These von der Identitätsbildung über reine Grenzziehungen nach außen:
"Im Spannungsfeld zwischen nationalen und supranationalen Identitätsangeboten
kristallisiert sich eine zukunftsorientierte Inszenierung europäischer
Identität heraus, die sich weniger gegen die klassischen Gegenidentitäten
Russland und Türkei abgrenzt, sondern gegen die eigene kriegerisch-nationalistische
Vergangenheit." In Anlehnung an Benedict Anderson zeichnet die Autorin
zunächst die Entstehung nationaler Identitäten in Europa nach. Anderson
sieht die "leeren Gräber" als das herausragende Symbol des modernen
Nationalismus. "Die Leere der Gräber", so Quenzel, "ist
genauso wie die Leere der Begriffe, die die Nation oder das Volk bezeichnen,
die Voraussetzung dafür, dass sich dieser Signifikant mit dem nationalen
Imaginären füllen kann."
Anhand der europäischen Kulturpolitik und der Darstellung Europas durch
die europäischen Kulturhauptstädte Salamanca und Graz weist Quenzel
nach, dass die Konstruktion eines "europäischen Kulturraums"
in sehr unterschiedlichen und teils sich widersprechenden Formen funktioniert.
"So umfasst die ästhetische Einheit Europas in Salamanca vor allem
die westeuropäischen Staaten, in Graz umfasst sie auch Osteuropa, Salamanca
bezieht sich auf eine europäische Opfergemeinschaft, Graz auf eine europäische
Tätergemeinschaft." Gerade Letzteres hätte einer weiteren Interpretation
bedurft: Können in Andersons "leeren Gräbern" Täter
und Opfer nebeneinander begraben liegen? Funktioniert die gerade von deutscher
Seite betriebene Einebnung der Täter- und Opfer-Geschichte zu einer gemeinsamen
Geschichte vergangener Kriege? Offenbar nur über eine andere Ausgrenzung,
eine historische: "Auf die historische Bedeutung des Judentums und des
Islams für die kulturelle Entwicklung Europas verweisen weder Salamanca
noch Graz, wohl aber auf die christliche Vergangenheit."
Anders als in den Diskursen um die Konstruktion europäischer Identitäten
besteht in der Migrationsdebatte weitgehende Übereinstimmung darin, dass
es ein "Innen" und ein "Außen" gibt. Die hermetisch
gesicherten Grenzen lassen keine Zweifel daran. Kontrovers diskutiert wird meist
nur, wer und wie viele MigrantInnen diese Grenze überschreiten dürfen.
Clemens Benedikt in Diskursive Konstruktion Europas wie auch Ursula Birsl in
Migration und Migrationspolitik im Prozess der europäischen Integration?
geht es dabei nicht so sehr um die Migration selbst, sondern um eine Diskursanalyse
und um die Frage, welche Rolle die Einwanderung und ihre Kontrolle im Prozess
der Europäisierung spielen.
Benedikt hat sich dabei der offiziellen Verlautbarungen europäischer Institutionen
zur Entwicklungs- und Migrationspolitik angenommen. Die Migrationskontrolle
stiftet indirekt ebenfalls Identität auf europäischer Ebene, wenn
es um "Sicherheitsversprechen für Bürger der Union" oder
die "innere Gleichheit durch die Unionsbürgerschaft (europäische
Bürger')" geht. In dem Kontext der Abgrenzung ist dabei aber selten
von kulturellen Werten und Normen, sondern von "ökonomischen (Arbeitsmarkt'),
demokratiepolitischen und sozialen (Gefahr der Xenophobie', Erhaltung
des sozialen Gleichgewichts') Zusammenhängen" die Rede. Das
Selbstbild eines liberalen und freien Europas lässt kulturalistische oder
gar rassistische Formulierungen kaum zu, daher sind im institutionellen Diskurs
"diese anderen' nicht mehr schwarz', kaum mehr kulturell
fremd', sondern einfach illegal'."
Ursula Birsl beschäftigt sich weniger mit der Grenzsicherung und den Folgen
dieser äußeren Abgrenzung. Sie hält "Perspektiven einer
externen Öffnung der EU" sogar für "möglich und wahrscheinlich".
Eine interne Öffnung der Gesellschaften sei jedoch "nicht absehbar".
Die Autorin, Dozentin an der Uni Göttingen, hält das Festhalten an
den Prinzipien des "Staatsvolks" und der "ethnischen Gemeinschaft"
- und damit am Staatsbürgerrecht - für die eigentlichen Probleme,
die zu Ausgrenzung und Stigmatisierung innerhalb Europas führen. Gleichzeitig
stellt auch diese Abgrenzung einen Baustein zur Konstruktion europäischer
Identität dar.
Stephan Günther
Clemens Benedikt: Diskursive Konstruktion Europas. Migration und Entwicklungspolitik
im Prozess der Europäisierung. Brandes & Apsel, Frankfurt 2004. 280
S., 24,90 Euro, 42,30 SFr.
Ursula Birsl: Migration und Migrationspolitik im Prozess der europäischen
Integration? Verlag Barbara Budrich, Opladen 2005. 360 S., 36 Euro.
Gudrun Quenzel: Konstruktionen von Europa. Die europäische Union und die
Kulturpolitik der Europäischen Union. transcript Verlag, Bielefeld 2005.
326 S., 28,80 Euro.
Stefan Staudner: Türkei - Europa oder Orient? Rhombos-Verlag, Berlin 2004.
148 S., 24,30 Euro.