Bolivarianische Prozesse
Venezuela und der dortige "bolivarianische Prozess" des gesellschaftlichen
Umbaus gehören zu den Themen, die die internationalistische Linke zur Zeit
am meisten entzweit. Die wenigsten hingegen kennen das Land aus eigener Anschauung.
Diesem Missstand abzuhelfen, hat sich das AutorInnenkollektiv "p.i.s.o.
16" zum Ziel gesetzt. Sie bereisten im September 2004 vier Wochen lang
Venezuela, um sich in Gesprächen mit den ProtagonistInnen des Prozesses
zu informieren.
Erfreulicherweise vermeiden die AutorInnen eine vorschnelle Bewertung der Situation.
Stattdessen dokumentieren sie die geführten Gespräche und ihre Eindrücke
von der venezolanischen Realität. Den Schwerpunkt legten die Reisenden
auf die Prozesse der sozialen Selbstorganisierung. Ihre GesprächspartnerInnen
sind in der Mehrzahl AktivistInnen in den Stadtvierteln und Gewerkschaften,
nicht Funktionäre aus Politik und Verwaltung.
Das gefällige Layout und die Mischung aus Interviews, Reiseeindrücken,
Fotografien und kurzen Hintergrundbeiträgen machen die Lektüre kurzweilig.
Das Buch ist ohne Vorwissen gut verständlich, gibt mit den Interviews aber
auch KennerInnen des Landes interessantes Material an die Hand. Trotz der Fülle
der Informationen bleiben aber wichtige Bereiche der Gesellschaft ausgespart,
wie die AutorInnen selbstkritisch anmerken, etwa die Rolle des Militärs,
die Perspektive von Frauenorganisationen oder den Einfluss indigener und afro-venezolanischer
Bevölkerungsteile auf den Umwälzungsprozess. Diese Lücken mindern
jedoch nicht den Wert der dokumentierten Gespräche und Eindrücke.
Der Schwerpunkt auf Basisgruppen und Selbstorganisierung erweist sich als ausgesprochen
glücklich. So wird deutlich, dass schon lange vor Chávez ein breites
Feld an sozialer Organisierung und Auseinandersetzung bestand, an das der "bolivarianische
Prozess" anknüpfen kann und das dieser wiederum beflügelt. Gerade
aus der Perspektive der Basis erweist sich der gesellschaftliche Umbau als prozesshaft
und konfliktiv. In diese umkämpfte, sehr dynamische Entwicklung vermittelt
der vorliegende Band einen Einblick, der dazu beiträgt, die Debatte um
Venezuela und die "bolivarianische Revolution" zu versachlichen. Die
lebendige Darstellung macht Lust auf mehr, doch da hilft wohl nur selber hinreisen
und mit eigenen Augen sehen.
Olaf Berg
Kollektiv p.i.s.o. 16: Venezuela. Welcome to our Revolution. Innenansichten
des bolivarianischen Prozesses. Verlag Gegen den Strom, München 2004. 169
S., 10 Euro.