Im Schatten der Apartheid
Südafrika hat die höchste Vergewaltigungsrate weltweit. Auch im Bereich
der häuslichen Gewalt ist das Land trauriger Spitzenreiter. Das extreme
Ausmaß der geschlechtsspezifischen Gewalt - vor allem gegen schwarze Frauen
- hat sich als Erbe der Apartheid bis heute so sehr ausgeweitet, dass staatliche
Institutionen in den letzten Jahren zahlreiche Gesetze erlassen haben, die Rechte
von Frauen stärken und den Schutz vor Gewalt vorschreiben. Deren Umsetzung
geht aber nur schleppend voran, mangelt es doch an politischem Willen und der
entsprechenden Unterstützung von Seiten der Polizei und der Justiz.
Die Ethnologin Rita Schäfer geht in ihrer Studie Im Schatten der Apartheid
dem Dilemma auf den Grund, dass trotz inzwischen relativ guter Gesetzeslage
geschlechtsspezifische Gewalt noch immer ein strukturelles Problem im Post-Apartheid-Südafrika
darstellt. Auf rund 500 Seiten liefert sie einen detailreichen Überblick
zur Situation von Frauen und geschlechtsspezifischer Gewalt in Südafrika
- beginnend mit der kolonialen Herrschaft und den damit verbundenen Geschlechterhierarchien
bis hin zu den Verbindungslinien von Kapitalismus und Industrialisierung in
Bezug auf Gewalt gegen Frauen.
Die vorliegende Studie basiert auf einer empirischen Forschung in Südafrika
aus den Jahren 2000 bis 2001. Im Mittelpunkt steht nicht nur die Analyse der
aktuellen Situation, sondern auch deren kulturelle Legitimation, entlarvt Schäfer
doch sexuelle Gewalt als interessengeleitetes Machthandeln aufgrund eines Patchworks
an patriarchalen Strukturen. Ihre Analyse mit historischer Tiefenschärfe
greift außerdem das Zusammenspiel von Gewaltbereitschaft und Gesundheitsrisiken
auf, beispielsweise bei männlichen Teenagern, die Vergewaltigung als Teil
ihrer Männlichkeitskonstruktion sehen. Aufgrund mangelnder Präventionsarbeit
kommt es somit auch zum Anstieg von HIV-Infektionen bei Jugendlichen (insbesondere
Mädchen).
Obwohl Frauenrechtsorganisationen als Forschungsgegenstand in der deutsch- und
englischsprachigen Ethnologie noch weitgehend unbeachtet sind, gelingt es Schäfer,
zahlreiche dieser Organisationen nicht nur vorzustellen, sondern auch deren
konträre Gender-Konzepte darzulegen. Trotz aller niederschmetternden Nachrichten
aus einem gewaltdurchsetzten Südafrika haben Organisationen wie die Black
Women´s Federation, Black Sash oder Rape Crisis zumindest erreicht, dass
geschlechtsspezifische Gewalt nicht länger als tabuisiertes Privatproblem
geduldet, sondern öffentlich darüber diskutiert wird. Rita Schäfers
Verdienst ist die klare und umfangreiche Darstellung der unterschiedlichen Positionen
von schwarzen und weißen FeministInnen.
Rosaly Magg
Rita Schäfer: Im Schatten der Apartheid. Frauen-Rechtsorganisationen
und geschlechtsspezifische Gewalt in Südafrika. LIT-Verlag, Berlin 2005,
496 S., 29,90 Euro