Weltgeschichte des Fußballs: Auszüge aus Detlev Claussens Buch über Béla Guttmann
Die Fußball-Weltmeisterschaft wirft ihre Schatten voraus. Der Markt ist
schon jetzt übervoll mit vorausschauenden und rückblickenden Büchern,
mit Bildbänden und Hörbüchern. Dennoch überrascht, dass
sich nun auch der Adorno-Schüler Detlev Claussen jenes Themas annimmt,
das das Land mit einer schwarz-rot-goldenen Welle zu ertränken droht.
Detlev Claussen lässt die aktuellen Ereignisse jedoch außen vor.
Dem Autor geht es um die Weltgeschichte des Fußballs, die er in einer
Person zu bündeln versucht: Béla Guttmann, ein ungarischer Jude,
der zunächst als Spieler mit der jüdischen Hakoah in Österreich
in den 1920er Jahren Furore machte und dann als Trainer Weltruf erlangte. Es
geht um Systeme und Stile, um Kommerzialisierung und Kulturkontakte, um die
Globalisierung des Fußballs inmitten einer Weltgeschichte, die das Spiel
nicht unberührt gelassen hat.
Claussen schildert, wie nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Fußballmigration,
insbesondere den Einkauf südamerikanischer Spieler nach Europa, ein Fußballweltmarkt
entsteht. Das "Moving with the ball" erfolgte im Zuge der Professionalisierung
des Fußballs, und im Zuge dieser Professionalisierung entwickelten sich
neue Spielkulturen, wie jene von Benfica Lissabon. Hier berührten sich
dank Guttmann Brasilien und Europa:
Nach dem Spiel war Eusébio zu ihm gekommen, um das Trikot zu tauschen.
Puskas willigte ein. Viele Medien interpretierten diese Geste symbolisch: Der
alte Meister tritt ab, der neue Himmelsstürmer übernimmt. Ein Epochenwechsel
schien sich in dieser Geste auszudrücken. Die konventionelle Interpretation
verfehlt allerdings die Bedeutung dieses entscheidenden Augenblicks. Der wiederholte
Erfolg Benficas über die beiden spanischen Großklubs, FC Barcelona
1961 und Real Madrid 1962, signalisierte tatsächlich eine Veränderung
im Weltfußball. In Barcelona und Madrid war es Fußballpatriarchen
gelungen, Weltstars aus Lateinamerika und vornehmlich aus Ungarn zu einer kreativen
Vereinigung zusammenzubringen. In ihrem Zusammenwirken berührten sich fußballerische
Traditionen zweier Kontinente. Doch der Einbau des modernen brasilianischen
Elements war noch nicht gelungen: Noch 1959 war Didi, der brasilianische Mittelfeldstar
der beiden vorangegangenen Weltmeisterschaften, bei Real Madrid gescheitert.
Neben di Stefano fand er keinen Platz. In Lissabon, wo mit Béla Guttmann
der rechte Mann zur rechten Zeit am rechten Ort stand, berührten sich Brasilien
und Europa buchstäblich. Guttmann konnte die brasilianischen Stilelemente,
die er selbst in São Paulo mit entwickelt hatte, in den europäischen
Fußball integrieren. Und er konnte mit seinen jungen Spielern, die sich
an brasilianischen fußballerischen Idealen orientierten, eine ganz neue
Mannschaft kreieren. Auf das harmonische Zusammenleben einzelner Stars war er
nicht angewiesen. Eusébio und seine Freunde hatten ihre erste eigene
Straßenmannschaft in Lourenço Marques Os brasileiros genannt. Später
bekannte er: 'Zwei Herzen schlagen in meiner Brust: ein brasilianisches und
ein portugiesisches.' Die von Guttmann aufgebaute Benficamannschaft verkörperte
diese Synthese, die erst durch die Professionalisierung des Fußballs in
der gesamten Welt möglich wurde. Der Fußball als Beruf brachte den
jungen schwarzen Straßenfußballer aus einer kolonialen Provinzhauptstadt
mit einem ungarischjüdischen Trainer zusammen, der notgedrungen im bewegten
zwanzigsten Jahrhundert die ganze Welt kennengelernt hatte. Mit Geduld und Ironie
versuchte er seinen Erfolg zu erklären: 'In meiner langen Laufbahn habe
ich viele Länder bereist und in einigen auch gearbeitet. Wenn ich irgendwo
im Fußball etwas Gutes sah, das habe ich sofort gestohlen und für
mich behalten. Nach einer Weile mixte ich mir einen Cocktail von diesen gestohlenen
Delikatessen.' Sein bester Drink hieß Benfica. (S. 121-122)
Das Schlüsselspiel des Buches findet am 2. Mai 1962 in Amsterdam statt:
Benfica Lissabon besiegt in einem legendären Europacupfinale Real Madrid
um di Stefano und Puskas mit 5:3. An der Außenlinie des Teams um den aufstrebenden
Eusébio steht Guttmann. Mit seinem Namen ist der ungarische Wunderfußball
zu Beginn der 50er Jahre verbunden wie die europäischen Triumphe von Benfica.
Das offensive 4-2-4-Sytem, mit dem Brasilien 1958 die Weltmeisterschaft gewann,
trug die Guttmannsche Handschrift, der kurz vor den Titelkämpfen in Schweden
den Sao Paolo FC betreut hatte.
Auf diese Qualität konnte er auch im Finale von Amsterdam gegen Real Madrid
bauen, das zum sportlichen Gipfel seiner Trainerkarriere werden sollte. In der
Halbzeit stand es 2:3, nachdem Benfica bereits einen 2:0-Vorsprung der Spanier
ausgeglichen hatte und dann doch noch ein drittes Puskas-Tor hatte hinnehmen
müssen. Guttmann aber hatte seinen Spielern gesagt, selbst wenn sie zwei
Tore zurückliegen würden, könnten sie es schaffen. (...) Nun
kam die große Zeit von Eusébio, der alles vorführen konnte,
was den Benficafußball von Guttmann ausmachte: Die Nutzung von Länge
und Breite des Platzes, den Variantenreichtum der Angriffszüge und das
unermüdliche Pressing gegenüber einem technisch versierten Gegner.
Der Druck im Strafraum Reals wurde übermächtig, Eusébio konnte
schließlich nur durch ein Foul gestoppt werden. Den fälligen Elfmeter
verwandelte der gerade Zwanzigjährige selbst. Nun schwand die Siegeszuversicht
bei den mit übergroßem Selbstvertrauen gestarteten Spaniern, und
das wiederum verstärkte die Gewißheit der jungen portugiesischen
Mannschaft, an diesem Tag als Sieger vom Platz zu gehen. Noch einmal bäumte
sich di Stefano zu einem Alleingang auf, aber er scheiterte am Weltklassetorwart
Pereira. In der 77. Minute entschied Eusébio das Spiel. Statt wie erwartet
direkt draufzuknallen, hatte Coluna ihm einen Freistoß 20 Meter vor dem
Tor quergelegt: Freie Schußbahn für Eusébio. Real konnte nur
noch zuschauen, wie der Ball ins Netz zischte.
(S. 117-120)
Detlev Claussen: Béla Guttmann. Weltgeschichte des Fußballs
in einer Person, Berenberg Verlag, 2006. 140 Seiten, 19 Euro, 33,60 SFr.