Gewalttraumata heilen
Der medico-Report 26, Im Inneren der Globalisierung. Psychosoziale Arbeit in
Gewaltkontexten, ist in erster Linie eine Sammlung von Berichten über Traumata
und ihre Heilung in unterschiedlichen Kontexten. Zum einen versucht das Buch,
einen theoretischen Hintergrund zur Trauma-Therapie zu liefern. Sehr informativ
ist diesbezüglich der Beitrag von David Becker, der jedoch weiter vorne
im Buch besser zur Geltung gekommen wäre. Zum anderen werden Erfahrungsberichte
von HelferInnen an diversen Orten der Welt präsentiert. Betrachtet wird,
wie Gewalttraumata entstehen, wie und ob überhaupt eine Unterscheidung
von Opfern und Tätern getroffen werden kann und wann das Pochen auf den
Opferstatus sinnvoll ist. Es wird über Aufarbeitung und Wiedergutmachung
diskutiert und gefragt, ob "Wahrheit heilen kann": Hilft das Verbalisieren
dem traumatisierten Individuum? Welche gesellschaftlichen Aufgaben erfüllen
Wahrheitskommissionen und welche Erwartungen der Opfer enttäuschen sie?
Im ganzen Buch zu Recht hervorgehoben und durch die Vielzahl an Beiträgen
verdeutlicht wird der gesellschafts- und kulturspezifische Umgang mit Erinnerung
und der Verbalisierung von Innerlichkeit. Aus verschiedenen Perspektiven werden
pathologisierende und standardisierte Verfahren und Diagnosen hinterfragt und
teilweise explizit abgelehnt. In den komplexen und oft das ganze Leben durchdringenden
Gewaltumfeldern der heutigen Zeit nimmt Traumatisierung die verschiedensten
Formen an. Für die psychosoziale Arbeit kann es deshalb kein universelles
Patentrezept geben. So schaffen es einige Artikel, nicht nur die Probleme mit
westlichen Heilungskonzepten darzustellen, sondern auch Handlungs- und Heilungsperspektiven
zu eröffnen, die die jeweiligen materiellen, politisch-sozialen und kulturellen
Kontexte berücksichtigen.
Die vielfältige Zusammensetzung der Texte macht das Buch zu einem empathischen
und angenehm unakademischen Werk. Oft ergibt sich so im Zusammenhang ein sinnvoller,
sich ergänzender Überblick. Teilweise bleibt die Textsammlung aber
ein widersprüchliches Potpourri, das durch die versuchte Aufteilung in
verschiedene Themengebiete keine hilfreiche Gliederung erhält. Auch bleiben
manche Texte oberflächlich. Zudem suggeriert der Titel "Im Inneren
der Globalisierung", dass es um die Verortung neuerer Entwicklungen und
Phänomene in einem globalen Kontext geht. Der Versuch, die teils sehr direkten
Erfahrungsberichte in einen theoretischen Zusammenhang bringen zu wollen, wirkt
jedoch bemüht. So liegt die eigentliche Stärke des Buches in der Nähe
zur psychosozialen Arbeit vor Ort.
Maren Küster
medico international (Hg.): Im Inneren der Globalisierung. Psychosoziale Arbeit
in Gewaltkontexten. Mabuse Verlag, Frankfurt 2005, 212 Seiten, 12 Euro.