Kronzeuge des Antiamerikanismus
Michael Moore wird in der deutschen Presse diskutiert wie kaum ein zweiter Linker.
Dabei geht es meist weniger um seine politischen Inhalte als um sein Äußeres.
"Optisch kommt [Moore] ohnehin rüber wie der Prototyp des tumben Amis",
urteilt der Stern. Die Gala findet "Michael Moore entspricht eher dem Klischee
des Truckerfahrers als dem eines gefeierten Künstlers". Die taz nennt
ihn "Amerikas dickste Smart Weapon", und der SPIEGEL sieht ihn als
"Donald Duck im Klassenkampf".
Drei Jahre nach der Veröffentlichung seines bekanntesten Filmes "Bowling
for Columbine" ist im Konkret Literatur Verlag ein Buch von Kay Sokolowsky
erschienen, das einen Überblick über die Karriere des Erzfeindes von
George W. Bush bietet: Michael Moore - Filmemacher Volksheld Staatsfeind. Moores
politische Laufbahn begann mit der Gründung der linken Regionalzeitung
The Flint Voice. 1989 veröffentlichte er seinen hierzulande kaum bekannten
Debütfilm "Roger&Me", in dem er die Konsequenzen der Schließung
eines General Motors Werks in Michigan aufzeigt. Sokolowsky beschreibt, wie
Moore schon damals zu dem neigte, wofür er heute viel kritisiert wird:
Fakten aus ihrem Kontext zu reißen und Halbwahrheiten zu propagieren.
Jedoch nimmt Sokolowsky ihn vor allzu harscher Kritik in Schutz: die Filme wiesen
nicht so viele Recherchefehler auf, wie es ihm seine Gegner gerne unterstellen.
Moores Filme seien zudem keine konventionellen Dokumentationen, sondern vielmehr
politische Kampfwerke.
Moores Filmprojekte "Stupid White Men" und "Bowling for Columbine"
erschienen in Deutschland kurz vor dem Beginn des Irakkrieges und lösten
eine wahre Hysterie aus. Sokolowsky beschreibt Moore treffend als "Kronzeugen
des lokalen Antiamerikanismus". Denn das Hauptproblem mit Moore liegt für
ihn im Verhältnis, das die Deutschen zu ihm haben. Hierzulande werden seine
Bücher und Werke gerne zu Hilfe genommen, um alle Übel der Welt auf
Amerika zu schieben. Dass die Selbstmordattentate der Hamas für Moore die
logische Folge aus der "Apartheid-Politik" Israels sind und er fordert,
jede amerikanische Finanzhilfe einzustellen, bis Israel sein "skrupelloses
Handeln" beendet, gibt der antiimperialistischen Linken ebenso wie den
Rechten willkommene Munition. Sokolowsky bezeichnet dies als "eines der
finstersten Elemente seiner Ideologie". Jedoch stellen solche Ausbrüche
Moores für ihn eher Anzeichen eines Theoriedefizits als für Antisemitismus
dar. Der aktuell aus Teheran zu hörende Vorschlag, den Juden doch einfach
Bayern zur Verfügung zu stellen und die Deutschen dafür in den Gaza-Streifen
zu schicken, wurde übrigens bereits 1997 von Moore in seinem Buch "Downsize
This" geäußert.
Ausführlich widmet sich Sokolowsky dem bisherigen Höhepunkt von Moores
Karriere: Als er 2003 bei der Oscar-Vergabe vor der gesamten Nation Bush verbal
harsch angriff. Kurz vor der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2004 erschienen
das Buch "Volle Deckung, Mr. Bush!" und der Film "Fahrenheit
9/11" - beides eine Kampfansage an Bush. Mit dem Ziel, die Wiederwahl seines
Kontrahenten zu verhindern, scheiterte Moore allerdings.
Wer sich eine eigene Meinung über Moore jenseits der medialen Schubladisierungen
bilden möchte, ist mit Sokolowskys biographischem Buch gut beraten.
Sven Polefka
Kay Sokolowsky: Michael Moore - Filmemacher Volksheld Staatsfeind. Konkret
Literatur Verlag, Hamburg 2005, 199 Seiten, 15 Euro.