Kritische Weißseinsforschung
In den letzten Jahren hat sich in Deutschland eine Forschungsperspektive entwickelt,
die sich selbst als "Kritische Weißseinsforschung" charakterisiert.
Inspiriert ist sie von den Arbeiten schwarzer AutorInnen aus den USA (wie Toni
Morrison oder bell hooks) und Schwarzen in Deutschland. Diese nehmen einerseits
feministische Perspektiven auf Gesellschaft und Kultur ein, weisen aber andererseits
in Abgrenzung zu feministischen Positionen, die die Geschlechterhierarchien
als übergeordnet strukturierend sehen, auf die Bedeutung von "Rasse"
und Klasse als Aus- und Einschlusskategorien hin. Der Kritischen Weißseinsforschung
geht es darum, nicht mehr nur die zu "Anderen" gemachten, also die
Objekte von Rassismus, in den Blick zu nehmen, sondern sich der Analyse des
Zentrums von Rassismus, der Subjekte von Rassismus also, zu widmen.
Diesen Perspektivwechsel vollzieht auch die weiße Autorin Eske Wollrad
in ihrer Rassismusanalyse. In ihrem Buch Weißsein im Widerspruch beschäftigt
sie sich mit der Kategorie "Weißsein" und ihrer Wirksamkeit
in Geschichte, Theologie und Philosophie, in globalen Schönheitsvorstellungen
und im Warenkapitalismus sowie im Hollywood-Film. Sie analysiert die Genese
des Perspektivwechsels vom "Anderen" hin zu Weißsein und die
Probleme, mit denen die Untersuchung von Weißsein im deutschen Kontext
konfrontiert ist. Wollrad sieht den Ursprung der Weißseinsforschung in
der Wissensproduktion von Schwarzen (besonders aus den USA) und deren Auseinandersetzung
mit Rassismus, Sexismus und ökonomischer Ausbeutung. Sie ist sich der Gefahr
bewusst, dass die Kritischen Weißseinsstudien durch weiße WissenschaftlerInnen
usurpiert werden könnten.
Wollrad kritisiert die dominante Rassismusforschung in Deutschland. Diese sei
dadurch gekennzeichnet, dass derzeitiger Rassismus als losgelöst von einer
biologischen Vorstellung unterscheidbarer "Rassen" analysiert und
als "kulturalistisch" bewertet werde. Zudem werde der Eindruck erweckt,
es gäbe "nur" Opfer von Rassismus, aber keine Subjekte, die diskriminieren
und Vorherrschaft anstreben. Dies ermögliche es den weißen Forschenden,
"sich selbst als objektiv Analysierende und neutral Außenstehende
zu platzieren". Aufgabe einer kritischen Weißseinsforschung sollte
in Anlehnung an Toni Morrison sein, "den kritischen Blick vom rassischen
Objekt zum rassischen Subjekt zu wenden; von den Beschriebenen und Imaginierten
zu den Beschreibenden und Imaginierenden; von den Dienenden zu den Bedienten."
Wollrad berichtet über eigene Erfahrungen in der Zusammenarbeit zwischen
Schwarzen und Weißen und zeigt, warum diese zum Scheitern verurteilt ist,
wenn auf Seiten der Weißen keine Auseinandersetzung über die eigene
Motivation und das Interesse für antirassistische Arbeit und Probleme der
Beschäftigung mit Weißsein stattfindet. Die Autorin verweist mehrmals
auf die Gefahr der ahistorischen Essentialisierung von Weißsein, weshalb
kritische Weißseinsforschung die Instabilität von Weißsein
in historischer Perspektive herausarbeiten müsse. Im letzten Kapitel werden
Materialien für antirassistische Arbeit aufbereitet, die den Fokus weg
von der Bewusstmachung und Bearbeitung der eigenen Vorurteile gegenüber
Menschen, die aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe als "anders" wahrgenommen
werden, und hin zur kritischen Selbstreflexion der Position als Weiße/r
in der deutschen Gesellschaft richten.
Auch wenn Wollrads Buch nicht (wie auf dem Buchrücken angekündigt)
"erstmals in deutscher Sprache" die Normativität von Weißsein
und dessen gewaltvolle gesellschaftliche Realität problematisiert - die
Autorin betont ja selbst ihre Anlehnung an die Wissensproduktion von Schwarzen
Deutschen und Schwarzen in Deutschland - so gelingt ihr die Aufgabe doch ausgesprochen
gut. Sie zeigt anschaulich, dass Weißsein oft wenig mit Hautfarbe zu tun
hat, sondern, abhängig von sozioökonomischen Bedingungen und Interessen,
immer Verhandlungssache ist. So wurden z.B. Deutsche bei ihrer Migration in
die USA zuerst nicht als Weiße angesehen. Weißsein konnte zugesprochen
und aberkannt werden und wurde nicht selten gegen Schwarze erkämpft.
Leider wiederholen sich in dem Buch einige Passagen, was sicherlich der Tatsache
geschuldet ist, dass mehrere Kapitel in veränderter Form bereits als Aufsätze
oder in ihrer Dissertation erschienen sind. Nur einmal taucht ein Widerspruch
auf, wenn Wollrad ohne Anführungszeichen von der "ethnischen Herkunft
der Väter" schreibt. Da wird plötzlich doch wieder eine Vorstellung
von essentiellen, an Körper gebundene Charakteristika aufgerufen. "Ethnie"
ist kein Konzept außerhalb rassistischer Denkstrukturen, sondern hat mehr
oder weniger den mittlerweile verpönten Begriff "Rasse" abgelöst.
Wie groß selbst in einem solch kritischen und klugen Buch die Gefahr von
Abwehrstrategien ist, zeigt sich auch bei Wollrads Analyse des Hollywoodfilms
"Dangerous Minds", der in einem US-amerikanischen Ghetto spielt. Mit
diesem Beispiel wird der in Deutschland weit verbreiteten Ansicht Vorschub geleistet,
man müsse erst anderswo hingehen, um die Rassismusproblematik analysieren
zu können, da Deutschland nur kurz Kolonialmacht gewesen sei und es nur
wenige Schwarze in Deutschland gebe. Die persönliche Distanz der LeserInnen
zu rassistischen Strukturen, die im ganzen Buch abgebaut wird, kann so wieder
aufgebaut werden.
Insgesamt ist das Buch ein wichtiger Beitrag für die Auseinandersetzung
mit der Normativität von Weißsein und seinen gewaltsamen Effekten.
Durch die gute Lesbarkeit und die klare Sprache liefert es AkademikerInnen,
AktivistInnen und in der Bildungsarbeit Tätigen einen hervorragenden Einblick
in die Thematik.
Daniel Bendix
Eske Wollrad: Weißsein im Widerspruch. Feministische Perspektiven auf
Rassismus, Kultur und Religion. Ulrike Helmer Verlag, Königstein/ Taunus
2005. 230 Seiten, 20 Euro.