Die etwas andere Weltwirtschaftsanalyse
Die
akademischen VertreterInnen der Jugendrevolte Ende der 1960er Jahre gehen in
Rente. Vor wenigen Monaten hat auch Elmar Altvater seine Abschiedsvorlesung
an der FU Berlin gehalten. Dennoch: Altvater ist aktueller denn je. Er ist kein
Marxist, der zurück zum "wahren Marx" will, sondern er wollte
und will im Gegenteil seinen zentralen Theoretiker aus den Verkrustungen befreien,
zu denen viele seiner GegnerInnen, aber auch seine JüngerInnen beigetragen
haben.
Bereits 1987 hat Altvater in "Sachzwang Weltmarkt" am Fallbeispiel
Brasilien die Kritik der politischen Ökonomie mit Themen wie Weltwirtschaft,
sozialer Frage und ökologischen Grenzen verknüpft. Zentrale Beispiele
damals waren die Verschuldungskrise der Entwicklungsländer und die Inwertsetzung
der Amazonasregion "Grande Carajas". In den 1990er Jahren war "Grenzen
der Globalisierung" ein theoretisches Standardwerk der so genannten GlobalisierungsgegnerInnen.
Jetzt hat Altvater mit Das Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen ein zorniges
und gleichsam fundiertes Buch in den politischen Raum gestellt.
Altvater ruft in Erinnerung, dass erst Marx "unter dem Kapital ein spezifisches
soziales Verhältnis zwischen Kapitalisten und denjenigen, die für
sie arbeiten und dabei ausgebeutet werden, um einen Überschuss, einen Mehrwert,
einen Profit zu erzeugen" (S. 34) versteht. Marx geht mit dem Begriff Kapitalismus
sehr zögerlich um. In seinen Analysen komme er kaum vor, nur wenn es um
Alternativen jenseits unserer Gesellschaftsform gehe. "Marx hatte gegen
die im Begriff Kapitalismus möglicherweise angelegten Tendenzen einer Verdinglichung
von Sprache und Bewusstsein Vorbehalte, wie sie gegen alle Ismen, das sind Namen,
nicht Begriffe, angebracht sind" (S. 37). Viele MarxistInnen sahen das
später leider etwas anders.
Altvater führt die LeserInnen durch eine knapp 150jährige Wirtschaftsgeschichte.
Der Überblick ist subjektiv, aber nie langweilig. Es geht um die Auseinandersetzung
mit linken KlassikerInnen wie Rosa Luxemburg, die das Ende des Kapitalismus
voraussagte, oder Antonio Gramsci, der anhand linker Bewegungen und Parteien
beschrieb, wie sie sich in der Konsensproduktion verfingen. Aber auch bürgerliche
Ökonomen des 20.Jahrhunderts wie Max Weber oder Karl von Polany werden
in die Analysen mit einbezogen.
Der Titel "Das Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen" kann in die
falsche Richtung lenken. Denn Altvater ist überzeugt, dass der Kapitalismus
nicht an seinen inneren Widersprüchen zugrunde geht. Der zentrale Anstoß
werde von außen kommen. Zum Beispiel durch das Versiegen der fossilen
Energiequellen. Der Übergang von der fossilen hin zu regenerativen Energien
könne über drei Wege beschritten werden: über "den der Effizienzrevolution,
den der Suffizienzrevolution und den einer neuen Allianz von Natur und Gesellschaft"
(S. 211). Der erste Weg führt für Altvater weiter in die Sackgasse,
der zweite verbleibt in den Fallstricken der kapitalistischen Vergesellschaftung
und nur der dritte Weg bietet seiner Ansicht nach eine Chance, die "Erde
aus der Zwangsjacke des geschlossenen fossilen Energiesystems zu befreien und
wieder zu einem offenen Energiesystem zu machen, das vor allem die Strahlenenergie
der Sonne verarbeitet" (S. 213).
Altvaters Alternative zur bestehenden Wirtschaftsweise ist eine solidarische
Ökonomie. Diese beschreibt er theoretisch fundiert, wobei er auch taktisch-praktische
Überlegungen anstellt. Wer Theorie und Praxis mal wieder gegen den Strich
gebürstet sehen will, ist mit Altvater bestens bedient.
Georg Lutz
Elmar Altvater: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale
Kapitalismuskritik. Verlag Westfälisches Dampfboot. Münster 2006,
240 Seiten, 19,90 Euro.