"Werden Sie hybrid!"
"Hybride
Zukunft" betitelte die taz vor einiger Zeit nicht etwa einen Artikel über
den Wandel kultureller Identitäten im Zeichen der Globalisierung, sondern
über die Internationale Automobilausstellung. Die Überschrift hätte
ebenso gut zu einem Artikel über neue Marketingstrategien, Kreativitätstraining
für junge UnternehmerInnen oder eben kulturwissenschaftliche Globalisierungsdebatten
gepasst.
In den Kulturwissenschaften und der theoretisch orientierten Linken vor allem
durch die postkoloniale Theorie als Chiffre für "unreine", nicht
festschreibbare Identitäten bekannt geworden, ähnelt die Karriere
des Schlagwortes Hybridität fast der eines "kulturindustriell protegierten
Popstars". So sieht es jedenfalls der Politikwissenschaftler Kien Nghi
Ha, und er hat daher in seinem Buch Hype um Hybridität eine kritische Bestandsaufnahme
dieses Aufstiegs unternommen. Dabei nimmt er eine dezidiert kapitalismuskritische
Perspektive ein, die Hybridität nicht nur als "kulturelle Logik oder
neue Technik", sondern als "Warenform" und "postmoderne
Verwertungstechnik im Spätkapitalismus" versteht.
Zunächst verfolgt er in sehr gedrängter Darstellung den Bedeutungswandel
und die Konjunkturen des Hybriditätsbegriffes in den philosophischen Diskursen
seit der Antike. Im 19. Jahrhundert erlebte er im Kolonialdiskurs sowie über
die kulturellen und wissenschaftlichen Dimensionen des modernen Rassismus eine
Renaissance. Angetrieben durch die gleichzeitig von Furcht und Begehren bestimmten
Imaginationen des "Anderen" wurde nun der "Bastard" oder
"Mischling" als neuer "innerer Intimfeind" markiert. Nicht
"die Andersartigkeit, sondern die kulturelle und physische Ähnlichkeit
des Hybriden" führte zu seiner Pathologisierung. Wie Kien Nghi Ha
an Texten von Herder bis von Hoffmannstal aufzeigt, vermischten sich in diesem
modernen Verständnis von Hybridität philosophisch-naturwissenschaftliche
Diskurse mit Sozialdarwinismus und Biologismus sowie antike Mythologien mit
neuzeitlichen Dämonisierungsängsten.
Erst vor diesem historischen Hintergrund wird für Kien Nghi Ha die Karriere
des Hybriditätskonzeptes in den Geistes- und Sozialwissenschaften dechiffrierbar.
Die Ursprünge der positiven Umwertung von Hybridität sucht er nicht
erst im "cultural turn" der Postmoderne, sondern in Naturwissenschaft
und Technik. Der Autor zeigt überzeugend, wie Hybridisierung ausgehend
von den Biowissenschaften über landwirtschaftliche Hybridzüchtungen
und Gentechnologie zum geschätzten Innovations- und Produktivitätspotential
mutierte. Die damit verbundene normative Aufladung wird durch die Aufforderung
"Werden Sie hybrid!" als Titel eines SPIEGEL-Online-Artikels über
Geschäftsstrategien gegen die Zeitungskrise sinnfällig illustriert.
Kien Nghi Ha bezieht sich bei seiner zwischen poststrukturalistischer Diskurstheorie
und Neomarxismus mäandernden Argumentation auf einzelne Elemente der Kritischen
Theorie wie Adornos Kulturindustrie-Thesen, ohne jedoch deren negativen Totalitätsbegriff
zu teilen. Er grenzt sich hier von Adorno ab und betont "die Ambivalenz
und Vieldeutigkeit kultureller Praktiken" in den "umkämpften
Hybridisierungen". Trotz aller Kritik an deren kulturindustrieller Vereinnahmung
will Kien Nghi Ha ein widerständiges Potential von Hybridität retten.
Im letzten Teil des Buches versucht er unter Rückgriff auf das Multitude-Konzept
von Negri/ Hardt den globalisierungskritischen Aktivismus als hybride Identitätspolitik
zu theoretisieren und "Selbst-Kanakisierung als strategische Diskurspolitik"
stark zu machen. Kien Nghi Ha wendet sich zwar gegen "die weitverbreitete
Sichtweise, dass Hybridität (...) per se progressiv und authentisch'
ist" und warnt, dass "Hybridität auch eine repressive Identitätspolitik
der Selbstethnisierung sein" kann. Mit einer eingehenderen kritischen Befragung
solcher Bewegungspolitik auf ihre ideologischen und politischen Konsequenzen
hält er sich dennoch auffallend zurück.
Am stärksten ist das Buch, wo sich der Autor die deutsche Rezeption des
postkolonialen Hybriditätsdiskurses kritisch vornimmt. Er weist nach, wie
der im anglo-amerikanischen Diskurs politisch ohnehin schon umstrittene Hybriditätsbegriff
von Homi Bhabha in der deutschen Rezeption noch um den letzten kritischen Stachel
gebracht und auf "kulturelle Vermischung" verkürzt wird. Ausgeblendet
wird dabei regelmäßig die koloniale Vergangenheit Deutschlands ebenso
wie die Folgen der Tatsache, dass hierzulande die "sozialdarwinistischen
Rassenhygieniker mit ihren Pathologisierungsdiskursen gegen Rassenmischlinge
und -bastarde' insbesondere während des Nationalsozialismus eine bisher
unerreichte Geltungsmacht erlangen" konnten. Solchermaßen enthistorisiert
werde Hybridität nicht nur im akademischen Mainstream vor allem als "harmonische
kulturelle Begegnung konstruiert" und dabei kulturalistische Klischees
erneut "ethnisierend und exotisierend" festgeschrieben.
Kien Nghi Ha weist darauf hin, dass diese "Sichtweise (...) statische und
abgrenzbare Kulturen" voraussetzt. Als "offensichtlichstes Beispiel"
einer "exotistischen Arbeitsteilung im Kulturraum" bezeichnet er den
Berliner "Karneval der Kulturen", bei dem die Einbindung von MigrantInnen
"eine kulturelle Repräsentation ermöglicht, die den Stadtraum
theatralisiert und zu einer unwirklichen Welt des interkulturellen Happenings
verwandelt." Diese "Exotisierung und Festivalisierung" befördere
darüber hinaus eine nationale Repräsentation, welche "die deutsche
Hauptstadt als Weltbühne bejubelt und durch die Inszenierung migrantischer
Vielfalt als temporäre Zone der Kulturvermischung aufwertet."
Der kritische Blick auf den Hybriditäts-Hype im akademischen und kulturindustriellen
Mainstream der "Berliner Republik" macht Kien Nghi Has Buch zu einem
must für die Postkolonialismus-Diskussion. Vieles wird zwar nur angerissen
oder fällt fast gänzlich unter den Tisch, wozu leider auch die im
Postkolonialismus gerade im Zusammenhang mit dem Hybriditätsbegriff intensiv
geführte Genderdebatte gehört. Doch Kien Nghi Ha beansprucht auch
gar nicht mehr, als "die um sich greifende Euphorie um Hybridität
zu hinterfragen und Ansatzpunkte für eine kritische Wahrnehmung zu entwickeln."
Das ist ihm zweifellos gelungen.
Udo Wolter
Kien Nghi Ha: Hype um Hybridität - Kultureller Differenzkonsum und postmoderne
Verwertungstechniken im Spätkapitalismus (Cultural Studies 11, hrsg. von
Rainer Winter), [transcript] Bielefeld 2005, 132 S., 15,80 Euro.