Promenaden und Rosengärten
Wer flaniert nicht gerne durch einen arabischen Markt, schaut dem bunten Treiben
und Gefeilsche zu, atmet die Gerüche der Gewürze ein und trinkt bei
einer Wasserpfeife einen Tee mit Kardamon und viel Zucker? Orientalische Promenaden
versprechen Exotik. In dem gleichnamigen Buch von Volker Perthes sucht man nach
solchen Klischees allerdings vergebens. Dem Direktor der Stiftung Wissenschaft
und Politik in Berlin geht es um Krisen und Konflikte, um Debatten und Demokratiedefizite,
zuweilen auch um Gewalt. Er hat sich in Ägypten, Israel und Palästina,
Saudi-Arabien, dem kurdischen Teil des Irak und dem Iran umgeschaut und analysiert
die Umbrüche in einer Region, die die Aufmerksamkeit nicht nur der Tourismusbranche
fortwährend
für sich in Anspruch nimmt.
Perthes versteht es, Stimmen und Stimmungen auf der Straße einzufangen
und mit Analysen von Gesellschaft und Politik zu kombinieren. Er vermittelt
darüber hinaus Einblicke in den Alltag der Menschen - in der Familie, am
Arbeitsplatz, an der Universität. So kommen in seinem Buch neben gesellschaftlichen
Eliten ganz einfache Menschen zu Wort.
Beeindruckend ist Perthes' Porträt von Ägypten - des Molochs Kairo,
in dem der Müll und das Leben regieren, und der politischen Kultur, die
geprägt ist von der pharaonischen (also nicht-islamischen oder -arabischen)
Tradition: Das Volk beobachte, was an der Spitze geschieht, erwarte aber, dass
letztlich "Pharao" Mubarak allein die weisen Entscheidungen treffe.
Gleichzeitig ist das Land am Nil nicht nur das Mutterland des islamischen Fundamentalismus,
sondern, so Perthes, auch ein Land, in dem dieser Fundamentalismus zum einen
weniger streng und ausschließlich als anderswo und zum anderen militärisch
und politisch gescheitert sei. Der Autor nennt das alles "pluralistischer
Autoritarismus".
Erhellend sind auch die Innenansichten aus dem antiamerikanischen Frontstaat
der USA, Saudi-Arabien, in dem die Fahrt über hunderte Kilometer von Autobahnen
in der Wüste ein Verständnis für die Strenge und Schmucklosigkeit
des hier beheimateten Glaubens vermittelt. Oder die Visite in Kirkuk, einem
Mikrokosmos des am Rande des Bürgerkrieges stehenden Irak, wo es nicht
nur Öl, sondern zahlreiche Nationalitäten gibt, die die Stadt als
die Ihre betrachten.
Insgesamt hält sich Perthes mit Ratschlägen à la "Was
muss der Westen tun, damit...?" zurück. Das ist nicht von Nachteil,
zumal der Autor damit keineswegs verschwindet. Seine Absicht ist klar erkennbar:
Ihm liegt daran, die These vom "Kampf der Kulturen" zu unterminieren,
indem er über Konflikte innerhalb einer Kultur berichtet. Antidemokratische,
antiwestliche und antisemitische Stimmen unterschlägt er nicht, aber er
warnt davor, diese überzubewerten. Angesichts der gegenwärtigen Hysterie
um alles, was irgendwie mit dem Islam zu tun hat, ist Perthes' nüchterner
Blick ein Gewinn.
Perthes hat ein überaus kenntnisreiches Buch geschrieben. In Deutschland
gibt es kaum einen zweiten Politikwissenschaftler, der mit den vor allem arabischen
Gesellschaften so vertraut ist und der so klar und scharfsinnig deren Entwicklungen
aufzeichnen kann. Auf Dauer allerdings ermüden seine Spaziergänge
- weniger Begegnungen wären manchmal mehr gewesen. Perthes hat eher den
Charme und den Blick eines Schiedsrichters - immer korrekt, immer um Ausgleich
bemüht, immer vernünftig, sehr europäisch eben.
Jedenfalls versprüht er nicht Witz und Esprit wie Christopher de Bellaigue
in seinem gleichzeitig erschienenen Reisebericht aus dem Iran, Rosengarten der
Märtyrer. Der Londoner Journalist, der 1979, zum Zeitpunkt der islamischen
Revolution im Iran, gerade mal acht Jahre alt war und später selbst mit
seiner iranischen Frau zehn Jahre in Teheran gelebt hat, nimmt uns mit auf eine
eindrückliche Reise. Was er vorfindet, ist eine Gesellschaft, die von einer
missratenen Revolution und einem brutalen Krieg - dem ersten Golfkrieg - bis
heute gezeichnet ist.
Über Gespräche mit Veteranen, über Monumente und Baudenkmäler,
aber auch über alltägliche Nebensächlichkeiten wie den Straßenverkehr
oder die Südteheraner Unterwelt verdeutlicht de Bellaigue das Nachleben
des Krieges. Die Momentaufnahmen der gegenwärtigen iranischen Gesellschaft
werden kombiniert mit kompakten und kompetenten Abhandlungen über die Geschichte
des Landes - die permanente ausländische Einflussnahme, die Tradition der
orientalischen Despotie, die gesellschaftliche und politische Institution der
Geistlichkeit und natürlich die Revolution und der Krieg gegen den Irak.
"Im Rosengarten der Märtyrer" ist ein ungewöhnliches Buch.
Man begegnet lebendigen Menschen, nicht Karikaturen, Modellen oder Ideen von
Menschen. Mit Empathie und Respekt beschreibt der Autor seine Gegenüber,
mit kritischer Aufmerksamkeit schildert er gescheiterte Lebenswege und Lebenslügen.
De Bellaigue ist kein besorgter Stirnrunzler, er ist weder Orientschwärmer
noch Islamverächter. Er verzichtet nie auf ein eigenes Urteil, wohl aber
darauf, seine LeserInnen mit politischen Botschaften zu quälen.
Die Geschichte dieser fehlgeleiteten Revolution und des zerstörerischen
Krieges ist keine Opfergeschichte, aber eine, die verständlich macht, warum
der Iran sich immer in der Rolle des Betrogenen gefällt, warum er AusländerInnen
und Frauen mit Misstrauen begegnet, warum er überall Konspirationen wittert.
Das Gefühl, einer Welt von FeindInnen gegenüber zu stehen, begann
in den Tagen Alis und Hosseins, es hielt sich in den Jahren der europäischen
Vorherrschaft, es erneuerte sich mit der Gründung Israels und dem Aufstieg
Amerikas, es setzte sich fort nach der verratenen Revolution, vor allem aber:
es wird im "Rosengarten der Märtyrer" beständig kultiviert.
Aus diesem Hang zum Martyrium erwächst die selbstmörderische wie mörderische
Bösartigkeit, die Männer dazu veranlasst, für ihre Überzeugungen
zu töten und zu sterben. Und er legt einen Schleier der Trauer über
das Land.
Die Menschen im Iran lächeln deshalb wenig, berichtet de Bellaigue. Sein
Buch hingegen strotzt vor Witz und Esprit. "Ich weiß nicht, warum
alle so schnell fahren", kommentiert eine Reisebegleiterin den Fahrstil
des Taxichauffeurs. "Wenn sie da ankommen, wo sie hinwollen, tun sie ja
doch nichts anderes, als Tee trinken." Der Fahrer revanchiert sich und
klopft beim Abschied dem Autor väterlich auf die Schulter: "Was auch
immer Sie tun, heiraten Sie keine Iranerin." De Bellaigue hat es längst
getan. Ein Ergebnis dieser Liaison ist dieses wunderbare Buch.
Jörg Später
Volker Perthes: Orientalische Promenaden. Der Nahe und Mittlere Osten
im Umbruch. 400 Seiten, geb., Siedler, München 2006. 24,95
Euro.
Christopher de Bellaigue: Im Rosengarten der Märtyrer. Ein Portrait des
Iran. 341 Seiten, geb., C.H. Beck, München 2006. 24,90 Euro.