Mythen, Masken und Subjekte
Die "Critical Whiteness Studies" sind in den USA eine etablierte,
obgleich umkämpfte Forschungsrichtung. In Deutschland führt die kritische
Weißseinsforschung bislang eher ein Schattendasein (siehe iz3w 290 und
293). Das soll sich nun ändern: Mit dem umfangreichen Sammelband Mythen,
Masken und Subjekte bieten die Herausgeberinnen einen Überblick über
die bereits existierende Forschung und versuchen "Weißsein als selbstverständliche
wissenschaftliche und politische Kategorie in Deutschland zu etablieren".
Beiträge zur Kritik an den Rassevorstellungen der deutschsprachigen Aufklärung
stehen neben Erörterungen der andauernden (Neo-) Kolonialgeschichte Deutschlands.
Kritische Untersuchungen zum Multikulturalismus ergänzen Beiträge
zur Spurensuche nach der Geschichte schwarzer Krankenschwestern in Deutschland.
Am Beispiel von chemischen Hautaufhellungscremes vertreten María do Mar
Castro Varela und Nikita Dhawan die Position, dass diese postkoloniale Praxis
nicht mit subversiver Mimikry verwechselt werden dürfe. Der letzte Abschnitt
"Kritische weiße Perspektiven" gibt weißen AutorInnen
Raum, ihre Erfahrungen zu reflektieren, die sie in der Auseinandersetzung mit
der Kategorie Weißsein gemacht haben.
Wie aber kann "kritisches Weißsein" in Deutschland verstanden
werden, das doch nur eine relativ kurze Kolonialgeschichte aufweist? Diesen
Standardeinwurf beantworten die AutorInnen auf verschiedenen Ebenen: einmal,
indem sie über die konkrete Rekonstruktion der (neo-)kolonialen Geschichte
nachweisen, dass Afrika und schwarze Menschen für das Deutschland des 19.
und 20. Jahrhunderts konstitutiv waren und es weiterhin sind. Sie untersuchen
die Schriften von Kant und Hegel und belegen, dass nicht nur sie von rassistischen
Essentialisierungen ausgingen, sondern dass auch kritischere Geister der deutschen
Aufklärung sich dem nicht zu entziehen wussten. Die Fülle der Analysen
von verschiedenen gesellschaftlichen Feldern, betreffen sie nun das Theater,
die Jurisprudenz, die Krankenpflege oder die Universität, verdeutlicht,
welchen Beitrag die kritische Weißseinsforschung zur Demaskierung weißer
Hegemonie leisten kann.
Dabei entsteht kein einheitlicher Begriff des kritischen Weißseins. So
schreibt beispielsweise Peggy Piesche, dass "Weißsein in seiner in
sich selbst eingeschriebenen Essentialität gerade nicht verhandelbar ist",
während Maureen Maisha Eggers "von der Möglichkeit und sogar
der Notwendigkeit einer kritischen und zugleich konstruktiven Positionierung
innerhalb weißer Kollektive" (Hervorh. i. O.) ausgeht. Der Widerspruch,
ob die Dekonstruktion der Kategorie Weißsein und die Herausarbeitung ihrer
historischen Genese bereits eine Verhandlung um den zukünftigen Status
ausschließenden Denkens entlang von Hautfarben und kulturellen Praxen'
sind und sich hier mögliche Allianzen auftun, oder ob dieses grundsätzlich
unmöglich ist, hätte auch zugespitzt werden können.
Obioma Nnaemka und Sander L. Gilman stellen in ihren Beiträgen die entscheidende
Rolle der Herrschaft über den Körper heraus. Während Nnaemka
untersucht, wie die "Ausstellungen" verschiedener Schwarzer bis in
die heutige Zeit "schwarz" vor dem Hintergrund eines "nebulösen,
schwer definierbaren Standards" von Weißsein definieren, erörtert
Sander L. Gilman am Beispiel der Geschichte medizinischer Eingriffe zur operativen
Veränderung der "jüdischen Nase", wie eine Gruppe trotz
äußerlich sichtbarer' Zugehörigkeit zur weißen Gruppe
dennoch durch bestimmte historische Traditionen und kulturelle Markierungen
von dieser ausgeschlossen sein kann. An diesem und anderen Beispielen hätte
sich angeboten, die Frage nach der Universalität der Perspektive der Nicht-Weißen'
zu diskutieren. Es verwundert, dass die Zuspitzung der Kategorie "Weißsein"
im deutschen Faschismus nur durch Gilmans Artikel indirekt benannt wird.
Wenn "Kritische Weißseinsforschung in Deutschland [...] keineswegs
ein rein akademisches Feld [ist], sondern auch die alltägliche Reflexion
Schwarzen Lebens in einem hegemonialen weißen Setting" (Hervorh.i.O.),
dann hätte man diesem Band auch ein Kapitel über die widerständigen
Praxen und Organisationsformen von afroamerikanischen Menschen und People of
Color in Deutschland gewünscht. Trotz aller Kritik: zur Verankerung
der kritischen Weißseinsstudien im Kanon universitärer Lehre ist
der Band wie kein zweiter geeignet.
Lars Stubbe
Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt: Mythen,
Masken und Subjekte: Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Unrast
Verlag, Münster 2005, 540 Seiten, 24 Euro.