Der Westen und sein Islam
Kann sich der Islam reformieren? Ist er mit der Demokratie, dem Säkularismus,
dem Westen überhaupt vereinbar? Diese Fragen werden in der öffentlichen
Debatte über den Islam nach dem 11. September 2001 immer wieder gestellt.
Olivier Roy, Forschungsdirektor am Centre National de la Recherche Scientifique
(CNRS) in Paris, hält sie in seinem Buch Der islamische Weg nach Westen
schlicht für verfehlt. Denn eine Modernisierung des Islam, präziser
eine Verwestlichung, habe im Zuge der Globalisierung von Migration, freiem Markt
und allgemeinem Bildungssystem längst stattgefunden.
Verwestlichung heiße dabei nicht zwangsläufig Reform und Säkularisierung
analog der christlichen Reformation. Eine säkularisierte und liberale Auffassung
des Islam sei bloß eine Möglichkeit von Religiosität unter Muslimen.
Eine andere, nicht weniger verwestlichte, ist in Roys Augen der Neofundamentalismus:
das Bemühen, die Gesellschaft zu "re-islamieren" und eine religiöse
Wiedergeburt zu initiieren (nicht zu verwechseln also mit dem politischen Islamismus).
Worauf gründet sich dieser auf den ersten Blick erstaunliche Befund? Wie
kann man einen Neofundamentalismus, dessen Frucht unter anderem Al-Qaida ist
und der die vermeintlich materialistische und degenerierte westliche Gesellschaft
ablehnt, selbst als verwestlicht bezeichnen? Roys Schlüsselbegriffe heißen
"Dekulturation" und "Entterritorialisierung" des Islam.
Dekulturation beschreibt eine Entwicklung kultureller Entwurzelung und Privatisierung
des Glaubens, wie sie für muslimische Minderheiten in Europa kennzeichnend
sein soll. Entterritorialisierung bedeutet die Loslösung von den Kulturen
und Krisen des Nahen Ostens und eine Veränderung der Beziehung zur Religion.
Die Verwestlichung des Islam findet also insofern statt, dass vor allem unter
den Muslimen und Muslima in Europa, und hier insbesondere unter den Jugendlichen,
ein allen kulturellen und nationalen Besonderheiten entkleideter Islam neu gedacht
worden ist.
In dieser Konstruktion einer virtuellen Umma wird der Islam zu einem individuellen
Identitätsentwurf und einem persönlichen Glauben. Dies bildet auch
den gemeinsamen Nenner zwischen SäkularistInnen und NeofundamentalistInnen:
Der Islam wird als bloße Religion gesehen und nicht als Kultur. Halal
zum Beispiel ist eine Art, ein Tier zu schlachten, und nicht eine Art, es zu
kochen oder zuzubereiten. Es ist nicht mit einer bestimmten Kultur verbunden
und lässt sich deshalb auch perfekt mit dem modernen globalen Fast Food
vereinbaren. Bei Roy geht es also nie um Religion als Dogma, sondern immer um
Religiosität als historisch-gesellschaftliche Aneignung von Religion.
Roys Blick ist der des Religionssoziologen und nicht der des philologischen
Islamwissenschaftlers, wie er in Deutschland oft vorherrscht. In Frankreich
hatte Maxime Rodinson schon Ende der 1960er Jahre einen Paradigmenwechsel in
der westlichen Islamforschung eingeleitet, als er in seinem Buch "Islam
und Kapitalismus" argumentierte, dass das Ausbleiben einer dynamisch-kapitalistischen
Entwicklung im islamischen Orient nicht mit dem Islam selbst erklärt werden
könne. Er wies die Lehre vom homo islamicus als Ideologie zurück und
forderte, sich fortan bei der Betrachtung der islamischen Welt der Analyse von
Sozialstrukturen zu widmen.
Auch Roy kann den kulturalistischen Annäherungen an den Islam wenig abgewinnen.
Ihn erinnert der Neofundamentalismus weniger an Mohammed und das Mittelalter
als an Evangelikale in den USA und an die Neue Linke der 1970er Jahre in Europa.
Die Parallelen, die er herausarbeitet, sind erhellend, aber auch bezeichnend:
Roy interessiert immer mehr die Form als der Inhalt, also die Muster von Religiosität
und Radikalität mehr als die politischen Ideen ihrer ProtagonistInnen.
Der Begriff Verwestlichung ist bei Roy somit der politischen Inhalte beraubt,
er bezeichnet lediglich gesellschaftliche Verhaltensmuster.
Roy bedient sich dabei einer redundant vorgetragenen Argumentation (einen Plot
hat das Buch nicht - in jedem Kapitel wird jeweils die gesamte Argumentation
ausgebreitet): Je mehr der Islam als Lösung beschworen werde, desto deutlicher
sei dies ein Zeichen für den Siegeszug der Säkularisierung; der Ruf
nach Gemeinschaft bedeute, dass die Individualisierung erfolgreich war; je mehr
das Bedürfnis nach Tradition in den öffentlichen Raum getragen werde,
desto deutlicher zeige dies an, dass die Modernisierung sich bereits durchgesetzt
hat. Der Schein trüge, das Gegenteil des Offensichtlichen sei der Fall.
Das ist möglich, aber keineswegs zwingend.
Insgesamt besticht Roy mit scharfsichtigen Beobachtungen, die das Neuartige
einer Bewegung wahrnehmen. Er fordert den stereotypen und denkfaulen Islamdiskurs
heraus: Die virtuelle Umma stützt sich weder auf ein Territorium oder eine
Kultur noch auf eine soziale Basis. Sie ist das, was die Menschheit für
den Kosmopoliten, die Nation für den Nationalisten und das Proletariat
für den Kommunisten ist. Sie ist eine vorgestellte Gemeinschaft, mit der
den Anforderungen der Moderne begegnet wird. Mit klassischen Modernisierungstheorien,
die mit Gegenüberstellungen von traditionell und modern operieren, kann
man einen globalisierten Islam nicht begreifen. Roy empfiehlt daher eine politische
Integration der Muslime und Muslima analog der Christdemokratie - oder besser
noch: dem Wandel der Grünen von einer linksradikalen Protest- zur staatstragenden
Regierungspartei - und eine gesellschaftliche Integration durch Anerkennung
der Muslime und Muslima auf einer pluralistischen Basis.
Jörg Später
Olivier Roy: Der islamische Weg nach Westen. Globalisierung, Entwurzelung
und Radikalisierung. Pantheon Verlag, München 2006.
368 Seiten, 12,90 Euro (D), 13,30 Euro (A), 23,50 SFr.