Schattenmenschen | Bücher zu Migration, Illegalität und prekärer Arbeit
Die Worte "Ben Younnech", schreibt Corinna Milborn, sprechen
die Flüchtlinge von Ceuta nur mit Scheu aus, "sie klingen dann fast
mythisch, nach Hölle und nach Heimat." Ben Younnech - so heißen
die Wälder direkt hinter dem Grenzzaun, in denen sie sich verstecken und
über einen langen Zeitraum hinweg ihren "Alltag" bewältigen
müssen. Milborn, Politikwissenschaftlerin und Journalistin, führt
in ihrem Buch Gestürmte Festung Europa Gespräche mit Schleppern,
begleitet Flüchtlinge auf der Suche nach "Arbeit", d.h. nach
einer Transportmöglichkeit nach Europa, trifft Menschen in Auffanglagern
und Illegalisierte, die zwischen Müllhalde und Felsküste in einer
Kiste leben. Und sie spricht mit Grenzwächtern wie Offizier Coronado, der
von dem Sinn seiner Arbeit an den Zäunen von Ceuta fest überzeugt
ist. "Schließlich sind wir ein Stöpsel für die ganze afrikanische
Elends-Badewanne. Wenn wir auslassen, wird Europa überschwemmt."
Milborn hat in ihrem Schwarzbuch Reportagen aus Spanien, Paris, London und den
Niederlanden zusammengetragen, die das Problem der Ghettoisierung ebenso ansprechen
wie die europäische Integrationspolitik. Sie führt ein Tagebuch der
Toten, die in der "Todesfalle Mittelmeer" ihr Leben ließen,
sie erzählt vom Leid der MigrantInnen, von ganz persönlichen Geschichten,
aber auch von den geringen Möglichkeiten der Autonomie. Der Fotograf Reiner
Riedle gibt dem Leben auf der Flucht und in den Ghettos ein Gesicht. Eindringlich
zeigt er die katastrophalen Verhältnisse auf, in denen Menschen zu leben
gezwungen sind, ohne dabei voyeuristisch zu sein. Seine Bilder sprechen nicht
nur von Elend, sondern auch von Chancen und Glücksmomenten innerhalb der
Migrationsgeschichte.
Das Schwarzbuch hält die Balance zwischen Reportage und Analyse, wobei
besonders die Darstellung des Schicksals der "Schattenmenschen" gelungen
ist, wenn es etwa um die Situation der Illegalisierten in der Landwirtschaft
in Spanien oder der Hausangestellten in Deutschland geht. "Dass immer mehr
Illegale die Billig-Jobs der Bau- und Gastronomiebranche erledigen oder in Haushalten
arbeiten, hat einen einfachen Grund: Es gibt seit einigen Jahren kaum eine legale
Möglichkeit, in Europa zu arbeiten."
In Deutschland gibt es 40.000 Arbeitsverträge für Hausarbeit - zugleich
aber fünf Millionen Haushalte, die eine Hausarbeiterin beschäftigen.
Diese Form der prekarisierten Arbeit für Migrantinnen nimmt sich Bridget
Anderson in Doing the Dirty Work genauer vor. Die Herausgeberinnen haben das
Werk aus dem Englischen vor allem deshalb übersetzt, weil Anderson "das
spezielle und beschissene Arbeitsverhältnis von migrantischen Hausarbeiterinnen
nicht geschmeidiger machen will, sondern mit seiner sexistischen und rassistischen
Ausbeutungs- und Herrschaftsstruktur grundsätzlich in Frage stellt und
sich mit scheinbar einfachen Lösungen nicht zufrieden gibt." Sie hängen
die Messlatte hoch, soll das Buch doch neue Standards in der Diskussion setzen.
251 Seiten später sind die LeserInnen tatsächlich klüger und
informierter, denn Anderson blickt auf Widerstand und Selbstorganisation, stellt
NGOs vor und klagt die Abhängigkeitsverhältnisse von Frauen in der
bezahlten Hausarbeit an.
Bridget Anderson interessiert vor allem das Paradoxon in der europäischen
Diskussion, wenn zum einen ein "Versorgungsnotstand der Mittelschichtfrauen"
beklagt wird, die Entlastung durch Hausarbeiterinnen suchen, zum anderen jedoch
die "Not der migrantischen Hausarbeiterinnen instrumentalisiert" wird.
Der Arbeitsmarkt Privathaushalt ist in vielen europäischen Ländern
ein großer Hoffnungsträger gegen Frauenarbeitslosigkeit. Bezahlte
Hausarbeit stellt deshalb auf theoretischer wie auf praktischer Ebene eine echte
Herausforderung dar - an den Feminismus und die Politik ebenso wie an migrantische
Communities und an Frauenorganisationen. Das Buch basiert auf empirischen Studien,
die 1995 und 1996 in Athen, Barcelona, Bologna, Berlin und Paris durchgeführt
wurden. Die Stärke des Buches liegt nicht nur in den zahlreichen Beispielen,
sondern vor allem in der Analyse der "Sklaverei der Hausarbeit" und
dem damit verbundenen Verkauf der Persönlichkeit. Laut Anderson tritt die
migrantische Hausarbeiterin in eine "analytische Leerstelle zwischen Körper
als Persönlichkeit und Körper als Eigentum". Die Trennung öffentlich
und privat könne nicht mehr vorgenommen werden, denn die Hausarbeiterin
verkaufe sowohl ihre Arbeitskraft als auch ihre Persönlichkeit.
Der Roman Luisa von Paula Fox beschreibt dieses Dilemma auf detaillierte
Art und Weise. Fox erzählt die Geschichte von Luisa de la Cueva, die als
Tochter eines reichen Plantagenbesitzers und einer Küchenhilfe auf der
kleinen Karibikinsel San Pedro aufwächst und in die Armenviertel New Yorks
auswandert. Dort arbeitet sie - wie ihre Mutter - als Hausangestellte. Eine
andere Berufswahl scheint ihr undenkbar. Das Porträt einer Hausarbeiterin,
das Paula Fox hier entwirft, ist eindringlich und nachvollziehbar. Luisa ist
auf ihre Arbeitgeberinnen fixiert. Sobald sie einen persönlichen Kontakt
zu ihnen aufbaut und sie von diesem enttäuscht wird oder dieser endet,
kann sie mit ihrer Rolle als Hausarbeiterin nicht mehr umgehen. Ihr fehlt die
Distanz: Die Arbeitgeberin ist die Brücke zwischen Öffentlichem und
Privatem, Luisas ganze Identität ist durch die Arbeitgeberin definiert.
Ein weiteres Problem in der bezahlten Hausarbeit ist, dass die geleistete Arbeit
nicht der Hausarbeiterin, sondern der Managerin des Hauses Ansehen verschafft.
Auch Luisa muss diese Erfahrung machen, sie wird zur stillen Beobachterin fremden
Lebens, findet zunächst darin ihre Freiheit, um schlussendlich jedoch das
häusliche Unterdrückungsverhältnis im Anderson'schen Sinne am
eigenen Leib zu erfahren.
Rosaly Magg
Bridget Anderson: Doing the Dirty Work. Migrantinnen in der bezahlten
Hausarbeit in Europa. Assoziation A, Berlin 2006, 272 S., 14 Euro, 25,30 SFr
Paula Fox: Luisa. Roman. C.H. Beck, München 2005, 443 S., 22,90
Euro
Corinna Milborn / Reiner Riedler: Gestürmte Festung Europa. Einwanderung
zwischen Stacheldraht und Ghetto - Das Schwarzbuch. Styria, Wien-Graz-Klagenfurt
2006, 248 S., 19,90 Euro