Geschichte wird gemacht
Klassen
und Kämpfe klingt nach der guten alten Zeit: als das Proletariat 40-Stundenwoche
und Urlaubstage erstritt und die Linke sich über das Verhältnis von
Reform und Revolution Gedanken machte. Heute, da oft nur noch vom "Klassenkampf
von oben" die Rede ist, wird ein Buch umso wichtiger, das die Frage nach
sozialen Bewegungen und kritischen Denkmodellen wieder aufwirft. Die jour fixe
initiative berlin entfaltet in ihrem Sammelband ein weites Spektrum historischer
und aktueller Kämpfe, von der Stadtguerilla, über den Mai '68 in Frankreich,
den heutigen Arbeitslosen- und MigrantInnenbewegungen bis hin zur Analyse kultureller
Widerstandsformen wie dem Reggae.
Und sie fragt nach deren emanzipatorischem Gehalt. Allzu gut kommen die aktuellen
Bewegungen dabei nicht weg: Moishe Postone kritisiert beispielsweise in seinem
Beitrag, dass sich ein großer Teil der internationalistischen Bewegung
nach dem 11. September nicht von den dualistischen (Denk)Strukturen des Kalten
Krieges habe lösen können. Die neue Welle des Antisemitismus in der
arabischen Welt sieht er in dem "steilen Abstieg der arabischen Welt"
begründet, der diese "fetischisierte, grundlegende reaktionäre
Form des Antikapitalismus" hervorbringe. Gänzlich falsch sei es, den
Anstieg des Antisemitismus lediglich als eine Reaktion auf die Politik der USA
und von Israel zu begreifen. Indem sich die westliche Linke darauf konzentriere,
unterstütze sie die Tendenz, die Misere der arabischen Massen auf das Handeln
bösartiger fremder Mächte zurückzuführen. Postone sieht
darin Analogien zu einer verkürzten Kapitalismuskritik, die das Abstrakte
- die Herrschaft des Kapitals - als Konkretes (US-amerikanischer Hegemonie)
zu begreifen versuche.
Eine weitere Schwachstelle der globalisierungskritischen Bewegung zeigt Stefanie
Kron auf. Auf der Grundlage von Beispielen aus Bolivien und Guatemala beleuchtet
sie die Wirkungen einer verkürzten feministischen Ökonomiekritik.
In den Kämpfen der guatemaltekischen Rückführungsbewegung von
Flüchtlingen wie auch bei den bolivianischen Protesten gegen die Privatisierung
der Gasvorkommen hätten die Frauen in der Öffentlichkeit vor allem
als "Mütter" starke mediale Aufmerksamkeit erreichen können;
später aber hatte diese unpolitische Positionierung zur Folge, dass sie
aus dem öffentlichen Raum ins Private zurückgedrängt und ihr
politisches Mitspracherecht eingeschränkt wurde.
So disparat die einzelnen Ansätze auch sind, in einem sind sich insbesondere
die theoretischen Beiträge einig: Mit einer an der traditionellen Arbeiterklasse
orientierten Politik kommt die Linke nicht weiter. Sergio Bologna, ehemaliger
Hochschullehrer für Geschichte der Arbeiterbewegung und Industriegesellschaft,
analysiert die neue Klassenzusammensetzung und kommt zu dem Schluss, dass heute
keine Schicht als privilegierter Träger sozialer Umwälzung infrage
kommt. Auch sei keine Ideologie oder Partei mehr notwendig, die den Unterdrückten
den richtigen Weg zeige. Es komme vielmehr auf die "politische Selbstbildung"
an, denn der aktuelle Kapitalismus basiere auf der Kommunikation und damit auf
Lügen. Um diesen nicht zu erliegen, müssen Gegeninformationen zur
Verfügung stehen - diese bereitzustellen sei eine Aufgabe der radikalen
Linken. "Echte Bildung ist wie ein Immunsystem, echte Bildung ist das Einzige,
was dem Einzelnen übrig bleibt, um sich vor der herrschenden Weltanschauung
zu schützen." Fraglich aber, ob diese Gegeninformationsstrategie die
ideologische Einbindung der Bevölkerung aufbrechen kann, ganz zu schweigen
davon, ob sich auf dieser Grundlage eine Gegenbewegung formieren lässt.
Auch für die HerausgeberInnen der jour fix initiative stehen die neuen
Bedingungen der Kämpfe im Vordergrund. Ob es nun "Klassen" oder
"soziale Bewegungen" sind, die sich gegen bestehende Ungerechtigkeiten
artikulieren, bleibt offen. Der Kapitalismus ist für sie Resultat von "Klassenkämpfen"
- wobei alle im Buch versammelten Initiativen darunter subsumiert werden. Das
bedeutet zwar, dass Geschichte machbar, der Kapitalismus kein Schicksal ist.
Der Stellenwert der einzelnen Bewegungen und ihre politischen Zielsetzungen
bleiben allerdings recht diffus.
Doch was bleibt angesichts der neoliberalen Dominanz und dem frontalen Angriff
auf noch die bescheidensten "fordistischen" Rechte? Vielleicht die
Hoffnung, wie sie auch die jour fix initiative formuliert, dass sich - trotz
des mageren emanzipativen Gehalts mancher Kämpfe - durch sie gesellschaftskritische
Utopien und Ansätze der Selbstorganisation entwickeln, die jenseits einfacher
Interessenspolitik liegen.
Christine Parsdorfer
jour fixe initiative berlin: Klassen und Kämpfe. Unrast Verlag, Münster
2006, 224S., 16 Euro.