Rezension: Postmoderne Verhütungsmethoden
Ein Jahr nach der UN-Weltbevölkerungskonferenz 1994 in Kairo initiierte
die peruanische Regierung unter dem damaligen Präsidenten Alberto Fujimori
das "Nationale Programm für reproduktive Gesundheit und Familienplanung
1996-2000". In der Folge wurden insbesondere in ländlichen Gebieten
und städtischen Armenvierteln rund 300.000 Frauen und 20.000 Männer
mit Hilfe von "Anreizen", indirekten oder direkten Druckmitteln, sterilisiert.
Mindestens 17 Frauen starben an den Eingriffen. Erst nach internationalen Protesten
stellte die Regierung das Programm 1998 ein. Verschiedene Gremien des peruanischen
Parlaments fordern bis heute die Eröffnung eines Verfahrens wegen Verbrechen
gegen die Menschlichkeit. Die meisten feministischen, frauen- und gesundheitspolitischen
NGOs auf peruanischer und internationaler Ebene hingegen schwiegen oder stimmten
auf ambivalente Weise dem Sterilisationsprogramm zu, das Fujimori als Möglichkeit
einer "selbstverantwortlichen Mutterschaft" bezeichnete.
Susanne Schultz setzt in ihrem neuen Buch Hegemonie - Gouvernementalität
- Biomacht am Schweigen dieser Akteurinnen an. Sie fragt, wie die Zurückhaltung
feministischer NGOs bei der drastischen Verletzung reproduktiver Rechte zu erklären
ist, "gegen die sie sich jahrzehntelang engagiert hatten." Entstanden
ist ein komplexes Standardwerk zur Transformation und Kritik internationaler
Bevölkerungspolitik. Die Autorin bringt nicht nur ein ehemals zentrales
Aktionsfeld feministischer und linker Politik wieder auf die Tagesordnung. Vielmehr
fordert sie einerseits die auf das Individuum zielenden genderpolitischen Entwicklungsparadigmen
der 1990er Jahre - empowerment, Rechte und (reproduktive) Gesundheit - mit provokanten
Thesen heraus. Sie werden empirisch untermauert und richten sich vor allem an
frauenpolitische NGOs. So behandelt der zweite Teil des Buches exemplarisch
das Konfliktfeld Müttersterblichkeit, das den selbst erklärenden Untertitel
"Vom Recht auf Geburtenhilfe bis zur Pathologisierung von Schwangerschaften"
trägt. Im ersten Teil der Untersuchung unterzieht Susanne Schultz andererseits
auf die Makroebene fokussierende neomarxistische und staatskritische Ansätze
wie die Regulationstheorie einer feministisch-poststrukturalistisch inspirierten
Revision und zeigt deren Ausblendungen auf dem Gebiet der Geschlechterpolitik.
Das auf der UN-Weltbevölkerungskonferenz 1994 unter Einbindung von Frauengesundheits-NGOs
verabschiedete Aktionsprogramm markiert in Schultz' Analyse einen Wendepunkt
internationaler Bevölkerungspolitik. Hier setzt die Analyse der eingangs
thematisierten Gleichzeitigkeit von staatlichen Politiken, die reproduktive
Rechte verletzen, und Diskursen, die reproduktive Selbstbestimmung proklamieren,
an: "Das Kairoer Aktionsprogramm formuliert ganz konkret das Ziel, das
Bevölkerungswachstum auf unter 7,5 Milliarden Menschen bis zum Jahr 2015
zu begrenzen (...) Das Verhältnis zwischen dieser Zielsetzung und dem ebenfalls
angestrebten Ziel der individuellen Entscheidungsfreiheit von Frauen über
die Zahl ihrer Kinder problematisieren Kritikerinnen als ideologische
Schizophrenie'".
Im Verlauf des Buches wird nicht nur deutlich, dass diese Schizophrenie lediglich
eine scheinbare ist, sondern vor allem, dass der "Fall Peru" zwar
ein besonders drastisches Beispiel darstellt, aber eingebettet ist in einen
neuen "postmodernen" hegemonialen Bevölkerungsdiskurs. Er ist,
so die zentrale These der Autorin, von einem antinatalistischen bias in der
Formulierung und Durchsetzung gender- und gesundheitspolitischer Programme geprägt
und bahnte sich als "Post-Kairo-Konsens" seinen Weg in die biopolitischen
Institutionen auf internationaler und nationaler Ebene. Minutiös arbeitet
Schultz die Kontinuitäten und Diskontinuitäten heraus, die den Post-Kairo-Bevölkerungsdiskurs
zu einem dominanten biopolitischen Projekt haben werden lassen. Für eine
Revitalisierung feministischer Debatten besonders interessant ist ihr Fokus
auf den Beitrag, den ehemals feministische Diskurse und Akteurinnen dazu leisteten.
Als Kontinuität extrapoliert Schultz eine nach wie vor "neomalthusianische
Grundanordnung", die Bevölkerungszahlen mit aktuellen Debatten um
ökologische Entwicklungsrisiken, Sicherheit und Migration verbindet. Es
sind jedoch die Diskontinuitäten, welche das Post-Kairo-Projekt legitimieren,
Anschlussstellen für feministische Diskurse liefern und nicht zuletzt auch
erklären, warum für bestimmte Gruppen und in bestimmten Regionen -
beispielsweise für Akademikerinnen in Deutschland - tendenziell pronatalistische
Politiken verfolgt werden. Das zentrale Stichwort ist hier die Ausdifferenzierung
des Bevölkerungsproblems: "Während der Bevölkerungsdiskurs
vor Kairo erst alle bäuerlichen Bevölkerungen, dann alle Familien,
dann alle Frauen der Dritten Welt' als (potenzielle) Überbevölkerung
angerufen hatte, tendiert die demografische Wissensproduktion nach Kairo stärker
dazu, verschiedene Zielgruppen (Risikogruppen'), vor allem Jugendliche
in bestimmten Ländern oder bestimmte ländliche Bevölkerungen
zu spezifizieren. Dies ermöglicht die Einbindung pronatatalistischer Politiken
in bestimmten Ländern in eine grundsätzlich antinatalistische Ausrichtung."
Eine weitere Diskontinuität beschreibt Susanne Schultz als Verknüpfung
makrodemographischer biopolitischer Strategien mit dem Prinzip der individuellen
Entscheidungsfreiheit. Die Verantwortung für demografische Ziele wird also
auf die Ebene des Individuums, genauer der Frauen, verlagert. Bei dieser Reorganisation
des Verhältnisses zwischen Makro- und Mikroebene spielten feministische
Diskurse und genderpolitische Akteurinnen eine zentrale Rolle. Und hier findet
sich auch die Antwort auf Susanne Schultz' Ausgangsfrage: Der antinatalistische
bias des Post-Kairo-Konsens, resümiert sie, artikuliere sich "über
die Konzepte des empowerment, der (reproduktiven) Rechte (und Gesundheit)".
Damit werden "ehemals zentrale Forderungen der antibevölkerungspolitischen
Frauengesundheitsbewegung im Rahmen eines hegemonialen biopolitischen Projektes
reformuliert".
Stefanie Kron
Suanne Schultz: Hegemonie - Gouvernementalität - Biomacht. Reproduktive
Risiken und die Transformation internationaler Bevölkerungspolitik. Verlag
Westfälisches Dampfboot, Münster 2006, 388 S. 34,90 Euro.