Rezension: Deutsche Herrschaft in Ostafrika
Die Publikationen des Christoph Links Verlags zum deutschen Kolonialismus sind
mittlerweile zu der Reihe "Schlaglichter der Kolonialgeschichte" angewachsen.
Zwei der jüngsten Publikationen befassen sich auf recht unterschiedliche
Art mit den verschiedenen Teilen des früheren "Deutsch-Ostafrika".
[Vgl: Helmut Strizek: Geschenkte Kolonien.]
Im Sammelband Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika 1905-1907 wird
ein vielschichtiges Bild der Region gezeichnet, die sich heute weitgehend mit
Tansania deckt. Die HerausgeberInnen Felicitas Becker und Jigal Beez haben darin
17 Artikel durchweg kompetenter AutorInnen versammelt. Im ersten Teil werden
die Wanderungsbewegungen des 19. Jahrhunderts aus dem südlichen Afrika,
der Sklavenhandel wie auch die wirtschaftliche Vormachtstellung Sansibars vorgestellt.
Reinhard Klein-Arendt widmet sich den Akteuren der gewaltsamen Inbesitznahme
des Landes. Zwar wurden die von Carl Peters kontrollierten Gebiete 1885 von
Bismarck unter den "Schutz" des Reiches gestellt, es sollten jedoch
noch 15 Jahre mit vielen Eroberungszügen und Strafexpeditionen vergehen,
bis sich die deutsche Herrschaft auf das ganze Land erstreckte. Klein-Arendt
bilanziert nüchtern die Gründe für den 1905 ausbrechenden Aufstand:
"Militärische Eroberung, Besteuerung, Zwangsarbeit und Landenteignung,
außerdem überhebliches Gebaren von Seiten der Deutschen, Brutalität
und Ausbeutung von Seiten der ortsfremden Askari".
Die folgenden Artikel erzählen die Geschichte des Propheten Kinjiketile,
der rasanten Verbreitung seiner Maji-Maji-Medizin und gehen auf das Kriegsgeschehen
im südlichen Teil des Landes ein. Den symbolträchtigen Beginn der
Erhebung verschiedenster Bevölkerungsgruppen markiert das Ausreißen
von Baumwollsträuchern, die in Zwangsarbeit auf einer Plantage angebaut
wurden. Nach ein paar Erfolgen der Aufständischen schlagen die Deutschen
mit voller Härte zurück. Wenige weiße Offiziere, unterstützt
durch eine Askari-Söldnertruppe und Hilfskrieger, mähen die Gegner
mit Maschinengewehren nieder. Als diese auf Guerillakrieg umstellen, reagieren
die Deutschen mit einer Strategie der verbrannten Erde, plündern, brennen
Dörfer und Ernten nieder. Infolge dessen ausbrechende Hungersnöte
und Seuchen sollen weit mehr Opfer gekostet haben als die unmittelbaren Kämpfe.
15 europäischen stehen - laut Ludger Wimmelbücker - eine Zahl von
insgesamt 180.000 afrikanischen Kriegsopfern gegenüber.
Einblicke anderer Art gibt die Spurensuche in zeitgenössischen Dokumenten,
einem Swahili-Gedicht und späteren Berichten von ZeitzeugInnen. Inka Chall
und Sonja Mezger konstatieren in ihrer Untersuchung der Kolonialpresse, dass
der Maji-Maji-Krieg im Unterschied zum Herero- und Nama-Krieg in "Deutsch-Südwest"
kaum in der deutschen Öffentlichkeit präsent war. Zwar gab es hier
viel mehr Opfer, doch waren weit weniger weiße deutsche Soldaten und Siedler
vor Ort - afrikanische Opfer zählten nicht.
In manchen Artikeln hemmen zwar die vielen Nennungen von Orten, Ethnien und
Personen für Nichtspezialisten den Lesefluss, auf der anderen Seite spricht
die Vielfalt der Perspektiven an. Am Ende fordert Isack Majura die Deutschen
nachdrücklich zur Auseinandersetzung mit ihrer Kolonialvergangenheit in
Ostafrika auf. Das Buch bietet eine gute Grundlage für eine solche neue
Debatte.
Heiko Wegmann
Felicitas Becker und Jigal Beez (Hg.): Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika
1905 - 1907, Berlin 2005, 238 Seiten, 22,90 Euro.