Rezension: Neue Dynamiken im Iran
Der iranische Präsident Ahmadinedschad hat in der Bundesrepublik durch
seine Holocaustleugnung, antijüdische Sprüche sowie einen scharfen
Konfrontationskurs gegenüber Israel und den USA vor allem Kopfschütteln
erzeugt. Die Situation im Iran ist anders. Dort konnte er 2005 bei den Präsidentschaftswahlen
fast 17 Millionen Stimmen erzielen. Ein neues Buch Bahman Nirumands, der eine
wichtige Rolle bei der Initiierung der 68er-Bewegung gespielt hat, gibt den
deutschen LeserInnen eine Erklärung dafür, wie eine solche Person
an die Spitze des iranischen Staates kommen konnte und was von ihr in Zukunft
zu erwarten ist. Nirumand stützt seine Analyse vor allem auf Informationen
aus dem Iran und westlichen Ländern, die jedoch nicht direkt belegt werden.
Allerdings gibt Nirumand seit 2001 im Rahmen der Heinrich-Böll-Stiftung
einen Iran-Report heraus, in dem sich die Masse der Informationen - mit einigem
Suchen - finden lässt.
Ahmadinedschad wird von der politischen Gruppierung "Abadgaran" (die
Aufbauenden) unterstützt, deren Mitglieder vor allem aus Pasdaran und Bassidsch
(zwei militärischen Organisationen des Irans) sowie den Geheim- und Nachrichtendiensten
der Islamischen Republik kommen. Was diese Leute auszeichnet, ist ein gewisser
Protest gegen die bisherige Entwicklung der islamischen Revolution und ihrer
Republik. Sie waren diejenigen, die die Demonstrationen und Kundgebungen gegen
das Schahregime organisiert, die oppositionellen Gruppierungen bekämpft
und während des achtjährigen Krieges gegen den Irak an der vordersten
Front gekämpft hatten, während - so ihre Auffassung - andere die Früchte
dieser Aktivitäten ernteten. Als islamische Reformer, die ihnen als Repräsentanten
einer völligen Fehlentwicklung der islamischen Republik galten, 1997 die
Präsidentenwahl und im Jahr 2000 die Parlamentswahlen gewannen, beschlossen
sie, eigene Organisationen zu gründen und die Ideale der Revolution neu
zu beleben. Mit einer Mischung aus politischer Blockade und direkter und indirekter
Terrorisierung gingen sie gegen die Reformer unter dem früheren Staatspräsidenten
Khatami vor. Unterstützung gewannen sie 2003/04 unter großen Bevölkerungsgruppen
dadurch, dass sie die soziale Problematik aufgriffen.
So stark die Position der Abadgaran ist, so falsch wäre es allerdings,
den heutigen Iran als fest in der Hand dieser Gruppe zu sehen. Es gibt andere
Machtzentren, die erhebliche Bedeutung in der iranischen Außenpolitik
haben, z.B. die Institution des religiösen Führers und der von ihm
abhängigen Institutionen. Diese werden von Nirumand allerdings nicht in
den Mittelpunkt seiner Analyse eines "Alternativpotentials" gerückt
und nur sehr kurz abgehandelt. Nirumand weist stattdessen zu Recht darauf hin,
dass im Iran Elemente und Strukturen einer "Zivilgesellschaft" entstanden
seien und weiter wüchsen. So gebe es neben Islamisten und konservativen
Muslimen unabhängige Geistliche und Reformmuslime, die geistige und kulturelle
Impulse aus anderen Ländern - auch aus dem Westen - aufnähmen. Sie
suchten im Grunde nach einem eigenen, neuen Weg für den Iran. Außerdem
gebe es kritische SchriftstellerInnen und JournalistInnen, die als "Gewissen
der Nation" eingeschätzt werden.
In sozialer Hinsicht stütze sich diese neue "Zivilgesellschaft"
vor allem auf zwei Gruppen, nämlich Frauen und Jugendliche. Frauen seien
im Berufsleben mittlerweile überall präsent, ob als Lehrerinnen, Ärztinnen,
Ingeneurinnen oder Architektinnen. Bemerkenswert ist auch, dass heute an iranischen
Universitäten mehr Frauen studieren als Männer. Jugendliche bilden
die eigentliche Achillesferse der Islamischen Republik. Viele junge Menschen
wollen mit dem ideologischen Ballast und der scheinheiligen Moral der Islamischen
Republik nichts mehr zu tun haben. Sie wollen selber entscheiden, welche Kopfbedeckung
und Kleidung sie tragen, welche Bücher und Zeitungen sie lesen und wer
Freund oder Freundin ist. Unterstützung erhalten diese Wünsche durch
eine digitale Subversion, die das Internet und das Fernsehen mit sich bringen.
Allein in Teheran gibt es 4.000 Internetcafés. Die Zahl der iranischen
InternetnutzerInnen wird auf 6 bis 7 Millionen geschätzt. Persisch ist
heute die vierthäufigste Sprache, in der Weblogs geschrieben werden.
All dies ist ein beachtliches Potential für Veränderung und Demokratisierung,
das allerdings leicht zwischen die Mahlsteine der "großen Politik"
geraten kann. Denn Bush und Ahmadinedschad liefern sich ständig gegenseitig
Steilvorlagen und verleihen damit dem Konflikt eine Dynamik, die, wenn sie nicht
aufgehalten wird, zwangsläufig auf einen Krieg mit verheerenden Folgen
hinausläuft. Nirumand plädiert deswegen dafür, dass die Europäer
stärker im diplomatischen und außenpolitischen Bereich aktiv werden.
Harald Möller
Bahman Nirumand: Iran. Die drohende Katastrophe, Köln 2006, Verlag
Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, 16,90 Euro (D), 17,40
Euro (A), 30 SFr.