Rezension: Geschenkte Kolonien
Die Publikationen des Christoph Links Verlags zum deutschen Kolonialismus sind
mittlerweile zu der Reihe "Schlaglichter der Kolonialgeschichte" angewachsen.
Zwei der jüngsten Publikationen befassen sich auf recht unterschiedliche
Art mit den verschiedenen Teilen des früheren "Deutsch-Ostafrika".
[Vgl: Felicitas Becker und Jigal Beez (Hg.): Der
Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika 1905 - 1907]
Der ehemalige BMZ-Mitarbeiter Helmut Strizek verspricht, in Geschenkte Kolonien.
Ruanda und Burundi unter deutscher Herrschaft ein fast vergessenes Kapitel
deutscher Kolonialgeschichte aufzudecken. Er beschreibt die Sozialstruktur sowie
die politischen und religiösen Verhältnisse von der vorkolonialen
Zeit bis zur Gegenwart. Dazu gehört, wie die Länder 1885 bei der Berliner
Kongokonferenz mit Strichen über die Landkarte dem deutschen Reich zugesprochen
wurden, obwohl man sie nicht einmal kannte. Die Texte werden durch zahlreiche
Porträts kolonialer Persönlichkeiten aufgelockert, an denen bereits
ein Grundproblem des Buches deutlich wird: Der historische Teil ist, vom Anfang
abgesehen, weitgehend aus der Perspektive der Forschungsreisenden, Missionare
und Kolonialbeamten geschrieben. Im Plauderton erfährt man von deren Abenteuer-
und Wissensdrang, erworbenem Ansehen, Heiraten und einem Beinbruch, aber sehr
wenig über Unterwerfungswillen und Rassismus. Statt etwa Graf Götzens
brutales Vorgehen im Maji-Maji-Krieg zu beschreiben, wird seine "teilweise
auch selbstkritische Bilanz seiner Tätigkeit als Gouverneur" gelobt.
Die Vermessung von Schädeln der Einwohner im Auftrag des damals führenden
Rassen-Anthropologen von Luschan wird lediglich am Rande erwähnt und in
einer Fußnote als "heute befremdlich wirkend" gewertet.
Ein zentrales Thema ist die Unterscheidung in Hutu und Tutsi, die es schon vor
dem Eintreffen der ersten Weißen gab, die aber erst durch europäischen
Einfluss zum bestimmenden - rassistischen - Stereotyp wurde. Genau diesen Einfluss
versucht Strizek systematisch klein zu reden. Zwar kritisiert er, dass die europäische
Unterscheidung in überlegene "schwarze Europäer" und minderwertige
"echte Schwarzafrikaner" "den in Europa gängigen rassischen
Vorstellungen" entsprochen habe. Doch im Folgenden wird völlig unhinterfragt
von "Tutsi-Adel" gesprochen, dessen diktatorische Machtausübung
den roten Faden der Erzählung bildet. Die europäischen Mächte
erscheinen immer wieder als diejenigen, die Ordnung und Zivilisation vertreten,
während die Verantwortung für Rassenhass den RuanderInnen zugeschrieben
wird.
Auch dort, wo es um den Prozess der Unabhängigkeit Ruandas geht (1957 bis
1962), beharrt der Autor auf dem strikten Dualismus zwischen zwei "Ethnien".
Er übergeht die Unterschiede politischer Parteien und sozialer Gruppen
sowohl der Hutu als auch der Tutsi, die sich keineswegs alle ethnisch definiert
haben. Die folgenden Konflikte, die im Genozid von 1994 mündeten, stellt
er extrem einseitig dar, so dass der Eindruck entsteht, "die Tutsi"
seien doch auch selbst an jenen Gräueln schuld, die an ihnen begangen wurden.
Behauptungen und Thesen stehen des Öfteren auf wackeligen Füßen.
Streng genommen wird nichts Falsches behauptet, wesentlich ist aber, was nicht
erwähnt wird.
Sven Sattler
Helmut Strizek: Geschenkte Kolonien. Ruanda und Burundi unter deutscher
Herrschaft. Berlin 2006, 224 Seiten, 19,90 Euro.