Rezension: Die Macht, die Partei und der Klassenkampf
Die Machtfrage stellt man nicht, indem man zu den Treffen der wichtigsten Staatsmänner
der industriell führenden Staaten fährt und dort mehr oder weniger
militant demonstriert. Die Machtfrage liegt jenseits des Spektakels. Und doch
scheint die Bewegungslinke auf das (mediale) Spektakel angewiesen zu sein, weil
sie jenseits davon kaum noch die Beine auf den Boden bekommt. Auch theoretisch
hängt einiges in der Luft, und die neuesten Großentwürfe revolutionärer
und subversiver Theorie sind bloß ein Spiegelbild davon, dass die existierenden
Bewegungen sich nicht im Sinne einer Aufhebung und radikalen Infragestellung
des Bestehenden vereinheitlichen. Das drückt sich unter anderem im Revival
der Theologie in der revolutionären Theorie aus. Philosophen wie der Ex-Maoist
Alain Badiou, der slowenische Theoretiker Slavoj Z?iz?ek und der italienische
Modephilosoph Giorgio Agamben, alle Fürsprecher einer Neuen Linken, wälzen
das Neue Testament und diskutieren Paulus als neuen Lenin. Bei den Ex-Operaisten
Antonio Negri und Michael Hardt taucht als neue Figur des Militanten Franz von
Assisi auf, und auch John Holloways Theorie der Befreiung beinhaltet einen Hang
zur religiösen Transzendenz (zur Kritik siehe iz3w 267).
Dabei treten gerade die Letztgenannten als Erben des Marxismus auf. Marx hatte
ein klares Revolutionsmodell vorgelegt: die Macht liegt bereits in entfremdeter
Form vor - als Kooperation der Arbeiterklasse, die jedoch unter der Herrschaft
des Kapitalismus zu fremden Zwecken und nicht entlang der eigenen Bedürfnisse
organisiert ist. Die Macht steckt in der Verweigerung der Produktion - die Streikbewegung
der letzten Jahrzehnte zehrte noch von dieser Erkenntnis. Dem trat eine politische
Strategie zur Seite, Marx und Engels favorisierten gegen die starke anarchistische
Opposition in der ersten Internationale ein Bündnis mit den bürgerlichen
Kräften. Sie sprachen sich zuweilen auch für das Parteikonzept aus.
Die Partei als Verkörperung der "Diktatur des Proletariats" sollte
in einer Übergangsphase die Gesellschaft planen, entwickeln und organisieren.
Lenin und Mao radikalisierten diese Vorstellung in Ländern, die noch nicht
voll entfaltete bürgerlich-kapitalistische Verhältnisse hervorgebracht
haben. Der westliche Marxismus von Karl Korsch und Amadeo Bordiga bis Anton
Pannekoek kritisierte den realen Verlauf des bolschewistischen Revolutionsmodells,
in dem durch eine autoritär-jakobinische Revolutionspartei die Entwicklung
der Produktivkräfte durchgesetzt wird. In dieser Tradition der Kritik leninistischer
Modelle stehen auch Negri/ Hardt und Holloway.
Nun hat ihnen der französische Philosoph Daniel Bensaid geantwortet, ein
Aktivist der französischen Linken, der bereits 1968 ein führender
Kader der jeunesse communiste révolutionnaire war. Sein Buch Eine Welt
zu verändern. Bewegungen und Strategien ist im Kern eine Auseinandersetzung
mit diesen beiden wichtigsten konkurrierenden Vertretern eines neuen Post-Operaismus,
mit Antonio Negri auf der einen und John Holloway auf der anderen Seite. Nach
Bensaid müsse eine radikale Linke auf die "Flaute der europäischen
Linken, die brasilianische Erfahrung, die Schwierigkeiten der Zapatistas, das
argentinische Tief, das identitäre Abdriften im Nahen Osten" reflektieren.
Bereits mit dieser Gegenwartsdiagnose ist angedeutet, dass hier ein Realist
spricht, der wenig gemein hat mit dem post-operaistischen Triumphalismus, der
von einer mächtigen "Multitude" kündet oder aktuelle Kämpfe
schlichtweg idealisiert.
Ausführlich widmet sich Bensaid den Theorien von Negri und Hardt in deren
Bestseller "Empire" und kommt zu dem Ergebnis, dass ihr Begriff "Multitude"
theoretisch konfus, soziologisch unpräzise, philosophisch obskur und strategisch
leer sei. Besonders die von Negri/ Hardt wenig geschätzten defensiven und
reaktiven Kämpfe gegen Privatisierung und für den Erhalt von Arbeitsplätzen,
beispielsweise der französischen Eisenbahner im Winter 1995, dürften
nicht nur als Ausdruck einer korporatistischen Nostalgie verworfen werden. Auch
die von Negri propagierte Flucht und Verweigerung der Lohnarbeit sei oftmals
nur eine Ideologie, mit deren Hilfe einige politisch aktive Langzeitarbeitslose
ihre eigene Lebenssituation theoretisieren würden.
Gegen die diffuse Vorstellung einer Multitude von Singularitäten will Bensaid,
Marx folgend, den Klassenbegriff als Einheit der Vielfalt retten. Bei aller
Beachtung von "Rassen"-, Geschlechter-, nationalen und religiösen
Fragen hält Bensaid am Begriff der Totalität fest. In der Tradition
des westlichen Marxismus beschreibt er den Kapitalismus als totalitäre
Struktur, die eine negative Einheit stiftet. Unnötig zu erwähnen,
dass Bensaid deswegen von antirassistischen und geschlechterpolitischen Patchwork-Theorien
und ihren Anerkennungspolitiken nicht viel hält. Doch auch libertäre
Befreiungsvorstellungen finden Bensaids Gefallen nicht. Bei John Holloways Versuchen,
eine Strategie zu begründen, wie man die Welt verändern kann, ohne
die Macht zu übernehmen, sieht er einen dogmatischen Zweifel an allem und
jedem Wirken - vor allem an der Partei und am Staat. Gerade wenn Holloway -
anders als Negri - dem Totalitätsgedanken und dem Fetischcharakter des
Kapitalverhältnisses als ideologischem Hindernis auf dem Weg zur Revolution
eine prominente Stellung einräumt, müsste er sich mit dem Konzept
einer Avantgarde auseinandersetzen, so Bensaid.
Hier kommt der gute alte Lenin wieder zu neuen Ehren, dem Bensaid ähnlich
wie der Philosoph Z?iz?ek eine "unzeitgemäße Aktualität"
zugesteht. Die Partei soll sich nämlich in Zeiten der Abwesenheit eines
entwickelten Klassenkampfes als Repräsentant der Klasse aufbauen, immer
bereit, um auf das unerwartete Ereignis zu reagieren. Dass der von Bensaid ausführlich
gewürdigte Lenin allerdings seine Partei einer anderen Repräsentationsform
der Klasse, nämlich den Räten, vorzog und zuweilen auch die Parteiherrschaft
gegen die eine Rätemacht verlangenden Kronstädter Matrosen 1921 in
Anschlag brachte, muss bei Bensaid unter den Tisch fallen. In der Kritik der
libertären Befreiungstheorien von Holloway und Negri ist Bensaids Buch
stark, doch entsorgt er dabei die berechtigte Kritik undogmatischer und antiautoritärer
Strömungen an den Konzepten der leninistischen Parteistrategie.
Gerhard Hanloser
Daniel Bensaid: Eine Welt zu verändern. Bewegungen und Strategien. Hrsg.
jour fixe initiative Berlin. Unrast Verlag, Münster 2006, 182 Seiten, 13.-
Euro.